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Der Zauberbrunnen



s wohnte einmal in der schönen Stadt Damaskus ein Limonadenverkäufer mit seiner Frau und einem Pflegesohne, welcher Hassan hieß. Dieser war ein schöner und kluger Knabe und entwickelte sich zu seinem Vorteile. Seine Gestalt war kräftig und schlank gleich einer Palme des Orients, uns sein Gesicht hatte edle Züge, die von einem guten Herzen zeugten. Dazu kam noch, daß er durch seine liebliche Stimme alle Welt entzückte. Deshalb war der Laden seines Pflegevaters immer sehr besucht von Gästen, die den Gesang und das Lautenspiel des heranwachsenden Jünglings bewunderten. Der Limonadenverkäufer war sehr zufrieden damit, denn er machte dabei gute Geschäfte, und seine Verhältnisse besserten sich mehr und mehr.


Seit einiger Zeit besuchte ein alter ehrwürdiger Mann sein Haus, der sich offenbar an dem Spiel und Gesang Hassans ergötzte. Er bezahlte immer den doppelten Preis für das, was er genoß, und dies mußte zuletzt dem Jüngling auffallen, der ihn bediente. Er sagte es deshalb seinem Pflegevater, und dieser befahl ihm, den würdigen Greis einmal zum Abendessen einzuladen, was auch geschah. Der gute Kunde nahm die Einladung an und aß bei dem Limonadenverkäufer zu Nacht. Dabei erfuhr derselbe, daß der Fremde der berühmte Brahmane Padmanaba sei, welchen ganz Damaskus als Gelehrten hoch verehrte. - "Daraus kannst du großen Vorteil ziehen," dachte sich der Geschäftsmann und machte daher dem Gaste den Vorschlag, doch ganz bei ihm zu wohnen und seinem Pflegesohn Unterricht zu erteilen.

"Freundschaft allein schafft das wahre Glück auf Erden," sagte der weise Mann. "Ich habe Euren Sohn lieb gewonnen und werde bei Euch bleiben." Von diesem Tage an wohnte Padmanaba bei Hassans Pflegevater und unterrichtete den lernbegierigen Jüngling in seinen Weisheiten. Kurz darauf sprach er zu Hassan: Du bist fähig, und ich erachte dich für würdig, alle Geheimnisse der Natur kennen zu lernen. Komm mit mir vor die Stadt; du sollst wunderbare Dinge sehen." Wer war froher als Hassan! Beide schritten aus dem Tore von Damaskus und sahen sich bald in einem dichten Walde. Sie gelangten an einen versteckt gelegenen Ort, wo selten jemand hinkam. Hier befand sich ein Brunnen, welcher ganz voll von Wasser war.

"Auf dem Grunde des Brunnens sind unermeßliche Schätze," sprach Padmanaba. "Ich habe sie für dich bestimmt, sobald dein Herz rein bleibt wie dieses Wasser. Folge mir in die Tiefe des Brunnens." Hassan erschrak. Aber der Weise nahm einen Streifen Papier, worauf einige Worte geschrieben standen, warf ihn in den Brunnen, und alsbald verschwand das Wasser, und es zeigte sich eine steinerne Treppe, die in die Tiefe führte. Zögernd folgte Hassan dem Voranschreitenden, der ihm zuwinkte, und beide kamen an eine eiserne Türe. Diese sprang auf, nachdem Padmanaba einige Worte gemurmelt und allerlei Zeichen gemacht hatte. Eine große Halle öffnete sich vor ihren Blicken, aber am Eingang derselben stand ein riesengroßer Mohr, der einen weißen Marmorblock in der Hand hielt, als wollte er denselben den Eintretenden entgegenschleudern. Der Weise berührte ihn nur mit einem Finger, und machtlos stürzte der Riese zu Boden. Sie schritten nun ungehindert weiter und kamen aus der Halle in einen großen, geräumigen Hof; inmitten desselben stand ein herrlicher Palast, der ganz aus Kristall erbaut war und eine hohe, gewölbte Kuppel trug. Er strahlte in blendender Pracht. Aber vor dem Eingange sah Hassan mit Entsetzen zwei mächtige Löwen liegen, deren Rachen gefahrdrohend sich aufsperrten, als sie die Nahenden erblickten. Hassan versteckte sich furchtsam hinter seinem Führer. Dieser aber hob die Hand auf, machte abermals Zeichen in die Luft, wobei er einige Worte murmelte, und die Löwen ließen Padmanaba und Hassan unangefochten in das herrliche Gebäude eintreten, dessen Tor von selbst aufsprang. Ein weiter Raum, begrenzt von den Kristallwänden, umgab die Eindringlinge. In der Mitte bemerkte man jedoch einen zweiten, kleineren Palast, der aus einem einzigen Edelstein gebaut schien und dessen Kuppel ein leuchtender Diamant war. Ein Säulentor führte in das Innere. Hassan und sein Begleiter traten in einen prächtigen Saal. Der Fußboden bestand aus lauter kleinen Goldtäfelchen, während an der Decke ein schwerseidner Baldachin hing, der mit vielen tausend Edelsteinen übersät war, die gleich Sternen glitzerten. Neben dem Saale war ein kleineres Zimmer. Hier lag in der einen Ecke ein großer Haufen edles Gold, in der gegenüberliegenden eine Menge Edelsteine, in der dritten Ecke stand ein silbernes Gefäß, und in der vierten befand sich nur ein Häufchen schwarze Erde. Inmitten aber stand ein silberner Sarg, der offen war. Darin ruhte ein Mann, köstlich bekleidet mit einem Purpurmantel, auf dem Haupte eine Krone mit weißen Perlen. Am Fußende des Totenschreins stand eine Tafel aus schwarzem Marmor, worauf die Worte eingegraben standen: "Die Welt vergeht mit ihrer Lust; bedenke, daß du sterben mußt!" Padmanaba sprach zu dem staunenden Hassan: "Siehe, dies ist die irdische Hülle eines der mächtigsten Fürsten der Erde. Fast die halbe Welt beugte sich einst unter seinem Zepter, und viele Millionen tätiger Menschen waren ihm untertänig. Er war es, der diese unterirdischen Prachtbauten aufführen ließ, worin er nun den ewigen Schlaf tut. Er, ein mächtiger und weiser Mensch, wußte doch kein Mittel, sein Leben zu erhalten. Vor Allah wird alles wieder zu Staub. Sieh aber dieses Häuflein Erde," führ der Brahmane fort, "so gering es erscheint, birgt es doch eine unschätzbare Kraft in sich. Wenn es mit dem Wasser aus jenem silbernen Gefäße befeuchtet wird, so kann man jedes Erz in edles Metall oder jeden Stein in einen Edelstein verwandeln. Außerdem aber heilt ein Körnchen davon alle Gebrechen des krankenden Leibes. Du, lieber Hassan, sollst nun die Hälfte aller Schätze besitzen und einst mein Erbe sein; denn ich vertraue dir und habe dich lieb gewonnen, wie meinen eigenen Sohn."

"Großer Meister, wie kann ich Euch dies danken?" rief der Jüngling aus, und fiel dem Greis zu Füßen.

"Bleibe immer fromm und gut, meide das Böse und sei mir treu, dann wirst du glücklich sein in stetem Wohlergehen," sagte der alte Mann. Dann erlaubte er, daß Hassan sich einige der schönsten Diamanten und Rubine aussuchte, um dieselben seinem Stiefvater als Geschenk des gütigen Greises mitzunehmen. Als sie an die Oberfläche des Zauberbrunnens kamen, füllte sich derselbe wieder bis oben an mit Wasser. -


Der alte Limonadenverkäufer wollte seinen blöden Augen nicht trauen, als er die köstlichen Steine sah, die ihm Hassan in den Schoß warf. Voll Freude über den plötzlichen Reichtum verkaufte er sein Geschäft und lebt von dem Erlöse aus den Edelsteinen herrlich und in Freuden. Padmanaba war mit ihm in ein schönes Haus gezogen und setzte hier seinen Unterricht mit Hassan fort. Die Pflegemutter aber war habsüchtigen Charakters und nicht zufrieden mit den Schätzen, die sie dem gütigen Brahmanen verdankte. Sie hätte gar zu gern alles besessen, was nach der Erzählung des Jünglings der Zauberbrunnen barg. Deshalb sagte sie eines Tages zu Hassan: "Lieber Sohn, der Reichtum, den wir von dem guten Padmanaba erhielten, schwindet mehr und mehr; wenn wir das herrliche Leben fortsetzen wollen, so weiß ich keinen Rat." - "Seid unbesorgt," beruhigte Hassan. "Der gute Greis verläßt uns gewiß nicht. Ich werde mit seiner Hilfe neue Edelsteine erlangen, die wir verkaufen können." - "Aber wenn nun Padmanaba plötzlich sterben sollte, ehe wir genug Geld besitzen?" entgegnete sie. "Ach, bester Hassan, bitte doch den guten Brahmanen, daß er dich alle Zaubersprüche und Zeichen lehrt, die nötig sind, den Zauberbrunnen zu erschließen und der Schätze habhaft zu werden." - "Ich fürchte," sprach Hassan, "der gütige Brahmane wird unwillig darüber werden, ja, ich möchte ihn erzürnen, so daß er sich von mir wendet." Aber die arglistige Frau drang immer aufs neue in den guten Jüngling, bis dieser endlich dem Alten die Bitte vortrug. Sie wurde ihm auch nicht abgeschlagen; denn Padmanaba liebte den ehrlichen Hassan zärtlich. Er schrieb ihm die Sprüche auf und belehrte ihn genau darüber, wie er sich zu benehmen habe. Sehr erfreut teilte dies Hassan seiner Pflegemutter mit. Einige Tage ward nicht mehr davon gesprochen. Dann aber rief die Frau Hassan wieder zu sich und sprach: "Lieber Sohn, dürfte es denn etwas schaden, wenn du mich und deinen Vater in das Geheimnis einweihest? Wir haben beschlossen, heute noch in den Brunnen zu steigen und einige Steine zu holen. Wenn du uns nun unterrichten wolltest, wie man den Zauber enthüllt, so ist dein Mitkommen gar nicht nötig." Hassan war sehr betroffen über dieses Ansinnen und weigerte sich, das Geheimnis des Brunnens zu verraten. Da erschien der Pflegevater und beschuldigte ihn des größten Undankes gegen seine Pflegeeltern, die ihn als Waisenkind aufgenommen und immer für ihn treulich gesorgt hätten. Hassan mußte endlich dem Zureden und Drängen der beiden nachgeben und belehrte sie über alles, was sie wissen mußten, um die Schätze zu heben. Er wollte jedoch seine Eltern begleiten, was diese auch erlaubten. Der Vater führte nun den Jüngling etwas abseits und sprach: "Weißt du, lieber Sohn, du mußt uns noch einen Gefallen erweisen! Wir haben beschlossen, daß du den alten Brahmanen umbringst, sobald wir wissen, daß er dich die rechten Zaubersprüche gelehrt hat. Denn wer kann wissen, ob er nicht auch noch andere in das Geheimnis einweiht." - "Wie?" rief Hassan bleich vor Schrecken und Zorn. "Ich soll meinen besten Freund, meinen teuern Wohltäter, meinen lieben Lehrer töten? Niemals werde ich dies tun; lieber sterbe ich selbst!"

Nun fingen die beiden schrecklichen Menschen an, den guten Hassan zu bedrohen, dann wieder zu bitten; er aber blieb standhaft und war ganz außer sich über diese Zumutung. Da nun beide einsahen, daß sie von ihm nichts erreichen konnten, verlangten sie das Blatt, worauf die Zaubersprüche geschrieben standen. Er gab es ihnen aber erst, nachdem sie geschworen hatten, dem guten Padmanaba kein Leid anzutun. Kaum aber hielten sie den Schlüssel zu all den Schätzen in den Händen, als sie sich auf den nichts Böses ahnenden warfen und ihm Hände und Füße banden, den Mund aber mit einem Tuche verstopften. "Da liege, bis wir den uns lästigen Brahmanen auf die Seite geschafft haben und im Vollbesitz seiner Reichtümer sind," rief das schreckliche Paar und eilte fort nach dem Brunnen mit dem Vorsatz, noch in derselben Nacht den Brahmanen zu ermorden. Dieser wunderte sich über das lange Ausbleiben seines Schülers, der doch sonst so pünktlich war. Er ging daher nach dem Zimmer desselben, und da er alle Türen verschlossen fand, ahnte er nichts Gutes. Durch seine Kunst öffnete er indes bald das Zimmer, worin Hassan lag und schon dem Ersticken nahe war. Der liebevolle Greis entfernte seine Bande und brachte den Unglücklichen wieder zu sich. Dieser erzählte nun unter Tränen den ganzen Vorfall. Mit freundlichen Worten sprach ihm Padmanaba Trost zu und befahl ihm dann, mit ihm zu kommen.

Der vormalige Limonadenverkäufer war unterdessen mit seinem Weibe vermöge der Zaubersprüche und gelernten Zeichen richtig in den Brunnen gelangt. Der schwarze Riese stürzte zu Boden, die Löwen machten den Rachen zu und blieben ruhige vor der Türe des Kristallpalastes liegen, und so kamen die frechen Eindringlinge glücklich bin in das kleine Gemach, wo die Schätze sich vorfanden, wie Hassan es beschrieben hatte. Gierig rafften Mann und Frau in mitgenommene Säcke, was sie gerade vor sich sahen, und schwer beladen und keuchend unter der Last kamen sie aus dem Dome. In ihrem Golddurst hatten sie die schwarze Erde und das silberne Gefäß gar nicht beachtet. Da auf einmal traten ihnen die beiden Löwen brüllend entgegen. Aus der Luft aber rief eine Stimme: "Treulose, elende Verräter, nehmt den Lohn für eure Missetat!" Da sprangen die Löwen auf die beiden zu und zerrissen sie. Hoch oben in der Luft schwebten der Brahmane und Hassan auf einem Wolkenwagen, welcher sie von der Stätte des Grauens entführte und nach Hause brachte. -

Noch einige Jahre lebte der Weise und machte den lernbegierigen Jüngling mit allen Geheimnissen der Natur, mit den Heilkräften der Pflanzen und Mineralien bekannt. Hassan aber wandte seine Weisheit und seine großen Reichtümer nur zum Heile und Segen seiner Mitmenschen an und wurde ein berühmter und hochgeehrter Mann.


Das Märchen stammt aus dem Buch "1001 Nacht".



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