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Das Märchen



ls das Märchen aus der Welt geflüchtet war, da es ihm dort zu laut und häßlich, zu wild, wüst und grausig geworden, merkten die Menschen eines Tages, daß ihnen etwas fehlte, etwas ganz Wichtiges, das sie unbeachtet und darum verloren hatten, und sie suchten es überall und fanden es nirgends.

Die vielen, vielen Kindlein auf der weiten Welt, in den Städten und in den Ortschaften zwischen den Feldern und in den Tälern, auf den Bergen und in den Wäldern wurden sehr traurig und still.

"Ja", sagte da Petrus im Himmel zum Märchen, das neben ihm auf einem Rosenwölkchen saß und ein silbernes Sternchen putzte, daß es glitzerte wie tausend Diamanten und Schneekristalle, "ich denke doch, daß du zu den Menschen wiederkehren müßtest."

"Und wenn sie aber wieder - -", wollte das Märchen ängstlich entgegnen. Doch Petrus nahm ihm behutsam das Silbersternchen aus der Hand, hängte es an den tiefdunkelblauen Nachthimmel und sagte ganz innig: "Und wenn sie dann fühlen, daß du, das Märchen, wieder unter ihnen bist, dann werden ihre Herzen wieder werden wie früher, oder - -"

Das Märchen machte ganz trauriggroße Augen: "oder - -?"

"- oder besser als früher."

Da hüpfte das Märchen eiligst von seinem Rosenwölkchen herab, strich sich seine pfirsichblütenrosigen Flügelchen glatt und ließ alle Strahlen des Himmels darauf scheinen, daß das selige Leuchten auf seinen Flügeln noch auf Erden widerscheinen möge.

Und weil gerade eine Abendwolke sich müde auf die Erde senken wollte, setzte sich das Märchen sogleich in die dämmrigen Himmelskissen und schwebte ganz abendrotsacht und ganz nachthimmelstill auf die Erde hinab.

Am Waldrande, dort wo der Froschteich hinter den alten Weiden liegt und die Waldeule haust, kam das Märchen zur Erde. Die Nachtwolke zog weiter über die Felder dahin, und das Märchen machte sich auf, zu den Menschen zu gehen.

Da begegnete ihm der Nebelkönig, der am Rande des Froschteiches saß. Er war alt und grau, und sein Mantel war von lauter welkem Laub gesponnen.

"Traurig, traurig!" seufzte er, und die Waldeule heulte es in den Wald hinein: "Traurig, traurig!"

"Ach, das ist gar nicht traurig!" sagte das Märchen. "Kennst du mich denn nicht mehr?"

Das Märchen breitete seine Flügelchen aus, da lag ein himmlisches Leuchten über Wald und Teich, und aus Wiesenrain und Schilfufer kamen tausend Leuchtkäfer herbeigeflogen und hingen wie Lampiongirlanden zwischen den Weidenzweigen. Die Nebelschwaden regten sich und bewegten sich, liebliche Elfen stiegen daraus hervor und tanzten im Reigen, und ein ganz kleines, piepsgroßes Fröschlein mit goldenen Augen fing zu singen an: quäk, quäk, quäkeredex!

Das war so lustig und heiter, daß selbst der Nebelkönig lächeln mußte. Und als gar das Märchen dem Fröschlein auf die breite Nasenspitze einen Kuß gab, da wurde dem Nebelkönig so froh und heiter, wie er schon lange, lange nicht gewesen, und er rief: "Nun weiß ich es, du bist das Märchen!"

Das Märchen aber flog weiter über das Land und kam in die Stadt, über die viel schwere und leidvolle Zeit gekommen war. Aus dem Keller eines Hauses fiel Lichtschein, und das Märchen sah durch den Fensterritz hinein. Drinnen erblickte es eine arme Frau, die am Bette ihres Kindes saß, das kein Kleidchen anzuziehen hatte.

"Ach, Mutti, nun wird es Frühling, und ich kann nicht in den Sonnenschein hinaus!" weinte es.

Da flog das Märchen über die Straße zum Hause einer reichen Frau. In den Schränken im Zimmer hing manches Kleid von buntem Stoff. Durch die Tür hindurch flog das Märchen in das Zimmer der reichen Frau.

"Wie kommen Sie hier herein?" fragte die reiche Frau sehr unruhig, "in solch bittertrauriger Zeit?"

"Ach, ich möchte so gerne Freude bereiten", sagte das Märchen. "Wissen Sie noch, als Sie ein kleines Mädchen waren, wieviel Glück und Sonne Platz hatten in Ihrem Herzen?"

"Ach ja, damals", seufzte die reiche Frau, "aber jetzt ist das Leben sehr traurig."

"Damals ist immer", sagte das Märchen und blickte der reichen Frau ganz bis in das Herz hinein. "Man kann jetzt genau so glücklich sein. Ueber der Straße liegt in einem Kellerstübchen ein kleines Mädchen, das kein Kleidchen hat. Der sollen Sie nicht etwa eines Ihrer Kleider schenken. Nein, das sollen Sie wirklich nicht. Aber bedenken, wie das Mädchen glücklich sein, wie seine Aeuglein strahlen und sein Kinderherzchen hüpfen wird, wenn Sie aus einem Ihrer Kleider ihm ein ganz neues, wunderschönes Kleidchen nähen, ich meine, das müßte Ihr Herz mit lauter goldenem Glück und Sonne so erfüllen, daß es überläuft, und dann wäre das Leben gar nicht mehr traurig."


Die reiche Frau antwortete mit keinem Laut. Sie vermochte dem Märchen gar nicht in die Augen zu sehen, irgend etwas tropfte ihr über die Wangen, und sie nahm eilends eines der Kleider aus dem Schrank. Schon hatte das Märchen Nadel, Faden, Fingerhut und Schere zurecht-gelegt, und seltsam! so hurtig und lustig tanzte schon lange nicht die Nadel durch den Stoff.

"Daß ich gar nicht müde bin?" wunderte sich die reiche Frau, "daß ich so gut nähen kann? Daß ich gar nicht zu stolz bin für solche Arbeit?"

Das Märchen aber lächelte ganz selig und still in sich hinein.

Und es flog in das Haus des Bäckers, darin der Bäcker in der Backstube stand und wartete, daß die Brote im Backofen braun und knusprig gerieten.

"Das riecht ja auf einmal wie Kuchen und Süßigkeiten", verwunderte er sich. "Ich weiß doch, daß ich nur Brotlaibe im Ofen backen habe."

Der Bäcker wandte sich um und sah das Märchen hinter sich stehen. Er stemmte die Hände in die Seite:

"Wie bist denn du in die Backstube hereingeschlichen?" fragte er. "Möchtest wohl heimlich ein frisches Brot mitgehen heißen? Die müssen alle auf den Pfennig bezahlt werden!"

Das Märchen sah den Bäcker betrübt an:

"Hast du Vergessen, Bäcker, wie du als Geselle den Kindern Brezeln und Gebäck zustecktest, wenn sie mit hungrigen Augen in die Backstube lugten? Meinst du, daß dein Herz nichts Gutes mehr zu tun vermag? Drüben im Nebenhaus liegt im Kellerstübchen ein armes Mädchen, das hat kein Kleidchen anzuziehen, um über die Straße zu laufen und zur Backstube hereinzusehen, wie knusperig und duftend deine Brote im Qfen geraten. Ihre Mutter ist zu arm, um deine Brote zu kaufen. Ich denke, wenn du in der Morgenfrühe ganz heimlich ein frisches duftendes Brot dem Mädel auf den Tisch legst, wirst du eine große Freude haben, die verwunderten Augen des Mädchens zu sehen. Gutes tun ist nicht schwerer als Brotbacken, versuch es nur einmal."

Dem Bäcker wurde wärmer um sein Herz als es im Backofen um die Brote war. Doch wie er dem Märchen etwas vorknurren wollte, daß er bisher vor lauter Backarbeit nicht dazu gekommen zu zeigen, daß er noch das gleiche Herz habe wie als Geselle, da war das Märchen verschwunden, und der Bäcker verwunderte sich abermals.

"Was man doch für Gedanken bekommt", murmelte er, "wenn das frische Brot im Ofen duftet." Aber eines der schönsten Brote legte er doch auf die Seite.

Als der Morgen frühlingshell in die Straße schien, tat sich die Türe auf im Hause der reichen Frau. Sie trat heraus und lief geradenwegs zum Kellerstübchen hinüber, klopfte an und legte ein funkelneues Kleidchen auf den Tisch.

"Ach, ja", sagte sie, "daß ich es nicht vergesse, kommen Sie bitte zusammen herüber zu mir, es ist so traurig, allein zu sein."

Wie ein Engelsglöcklein klang da des Mädchens Jubel auf, als es in sein Kleidchen schlüpfte, aus seinem Bettchen hüpfte und der reichen Frau die ärmchen um den Hals schlang. Da rollten die Tränen aus ihren Augen, obwohl sie doch eigentlich so glücklich und fröhlich war wie noch nie.

Da ging abermals die Türe auf und der Bäcker trat herein.

"Da ist mir doch eingefallen", sagte er zur Mutter, "daß ich Euer Mädel gar nicht an meinem Backstubenfenster sehe. Sie muß mehr essen, daß sie zu mir herüberlaufen und ich ihr ein Brot für Euch mitgeben kann. Ich habe zuviel Arbeit, um selbst herüber zu kommen. Und daß Ihr nicht glaubt, es bezahlen zu müssen! Da würdet Ihr mir meine ganze Freude nehmen. Die ist mit einem Brot nicht zuviel bezahlt."

Der Bäcker legte das Brot auf den Tisch und war aus der Türe hinaus, ehe ein Wort des Dankes gesagt werden konnte.

Als der Bäcker wieder in seine Backstube trat, schüttete er das Mehl und knetete den Teig, wie wenrr er wieder ein junger Geselle wäre und pfiff dazu so lustig und laut wie ein Stieglitz.

Und das Märchen flog weiter von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Immer glücklicher wurden die Herzen, immer sonniger das Leben der Menschen.

Wenn der Abend herniedersank, die tausend Sterne am Himmelsdome aufleuchteten, der runde Mond ganz sacht und schläfrig emporstieg über der Welt, dann öffneten sich wundersam glückselig die Herzen der Kleinen und Großen, der Kinder und Eltern und Einsamen, und sie horchten auf und lauschten.

Denn nun war das Märchen wieder unter den Menschen und flüsterte ihnen traumesleise zu:

"Es war einmal....."


Das Märchen stammt aus dem Buch "Die neue Märchentruhe".



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