Die goldene Schäferei
Eines Tages wandelte Ilsa auch ganz allein im grünen Haine, der um ihres Vaters Burg sich zog, und in welchem uralte Bäume, malerisch Felsen, geschmückt mit hohen Farnkraustengeln und seltenen Pflanzen und Blumen gar anmutig wechselten. Da gelangte sie an eine ihr seither unbekannt gebliebene Felsengrotte. Aus dem Innern der Grotte klang ein melodisches Summen, wie von Windharfen. Das lockte Ilsa immer weiter nach hinten in den trockenen Höhleneingang hineinzuschreiten, der freilich immer enger und enger wurde, und folglich auch immer dunkler. Doch just da, wo der Grottengang am engsten und düstersten war, zeigte sich durch eine Spalte hindurch eine sanfte Helle und manches funkelnde Licht. Und Ilsa widerstand nicht dem Drange, diesem Schimmer nachzugehen. Sie zwängte sich durch den Felsenspalt hindurch und sah sich mit Staunen plötzlich in einer ganz anderen Welt. Die Töne schwollen und rauschten mächtiger an ihr Ohr, der Schimmer wurde immer klarer, Blumenglanz leuchtete auf, aber alle Blumen waren von funkelnden Edelsteinen, und von anderen grünen Steinen in mannigfaltiger Schattierung waren die Blätter. Kleine, höchstens zwei Fuß hohe Wesen wimmelten auf einer Wiese, ein zahlloses Völklein, und bald sah sich Ilsa von einer Schar derselben umringt und willkommen geheißen; den zutraulich, fast zudringlich sogar nahten ihr die kleinen Geschöpfe. "Wer seid ihr?" fragte Ilsa verwundert. "Nie sah ich, nie hörte ich von euch!" - "Wir sind das Bergvolk, die Heimchen!" antwortete eines der niedlichen Wesen mit seinem schrillendem Stimmchen, das in der Tat dem Laut einer Grille glich. "Daß du uns nicht kennst, laß dich nicht wundern. Nicht jeden Tag sind unsere Grotten aufgetan, nicht einmal zu jeder Stunde des Tages, an welchem ein Menschenauge sie zu erblicken vermag." - "Nie hörte ich von einem Bergvolk, nie von Heimchen," sprach Ilsa, die wie von einem Träume befangen stand. - "Lerne uns kennen, und du wirst uns lieben!" versetzte der kleine Sprecher. "Und liebst du uns, so wirst du eine der unseren werden, vielleicht unsere Königin!" - Königin - wie dieses Wort durch Ilsas junges Mädchenherz zuckte! Von Königinnen hatte sie wohl gehört auf der Burg ihres Vaters. Sie wußte, daß sie sehr reich und meist auch sehr schön seien, daß ihnen alles diene und gehorche; ja, davon hatte ihr die Amme erzählt. Warum hätte Ilsa nicht auch eine Königin werden sollen? ![]() Daher ließ sie sich willig leiten von ihren niedlichen, neckischen neuen Bekannten und durchwandelte mit ihnen das unterirdische Reich, das mit allem Zauber sie umgab, mit aller Prachtfülle sie blendete, durch melodische Töne ihre Seele mit Entzücken erfüllte. Dazu gesellte sich das leise Gemurmel fließender Bäche, das ferne Rauschen von Wasserfällen, deren Flut nach dem Lichte der Oberwelt hindrängte, die milde Dämmerung, heller als Mondlicht und nicht so hell wie Sonnenlicht. Dies alles befing Ilsas Sinne, die ja noch halb Kind war. Und auch die Freundlichkeit der Heimchen, mit denen sich so allerliebst spielen ließ, wie Ilsa glaubte, erregte in ihr den Wunsch, immerdar in diesem unterirdischen Reiche zu bleiben. Nach oben zog sie keine Liebe. Ihr Vater war ein rauher und finsterer Ritter, der sich niemals sonderlich um sie bekümmert hatte, und ihre Amme hatte ebensowenig des jungen Mädchens Herz gewonnen; auch war diese schon sehr alt und konnte bald sterben. Dann hätte Ilsa ihre Tage ganz allein und freudenlos auf der einsamen, von den Menschen gemiedenen Burg ihres Vaters vertrauern müssen. Und zu diesen Gedanken gesellte sich noch der Heimchen verlockendes Flüstern: "Bleibe bei uns, so alterst du nimmer! Immerdar blühst du im Jugendschimmer. Jeder Tag wird dir zum neuen Feste! - Was du dir wünschest - dein wird das Beste!" - Von diesen Lockungen bestrickt und hingerissen schaute Ilsa sich um und erblickte eine Herde Schafe. Die waren freilich nicht größer als Lämmer, aber jedes derselben trug ein goldenes Vlies, und auch der kleine muntere Hund, der diese Herde umsprang, hatte Goldhaar. Einen Schäfer erblickte Ilsa nicht, wohl aber einen goldenen Schäferstab. Und da regte sich in Ilsa der Wunsch, diese Herde zu hüten, und sie dachte, da kannst du ja die Heimchen sogleich auf die Probe stellen, und sprach: "Wenn ich nun bei euch bliebe, ihr guten Heimchen, und wünschte, daß diese goldene Herde mein sei, und ich selbst sie hüten dürfe - würdet ihr mir das wohl gewähren und erfüllen?" - Da scholl es "Ja, ja!" von vielen hundert zarten Stimmchen, und nur das bedingte die Heimchen, daß Ilsa mit keinem Schritt wieder die Oberwelt betrete und goldenen Schäferei mit Sorgfalt vorstehe, auf daß keines der unschätzbaren Schäflein verloren gehe. Dann übergaben sie ihr den goldenen Hirtenstab, schmückten ihn mit silbernen Bändern und hießen sie mit lautem Jubel nunmehr als die Ihrige willkommen. Ilsa nahm nun in dem Reiche dieses unterirdischen Paradieses nichts mehr wahr von der Oberwelt vorübergleitenden Tagen, Monden und Jahren und der Jahreszeiten Wechsel. Droben war sie vermißt, verloren geglaubt, betrauert und dann vergessen worden. Ihre Amme war gestorben, ihr Vater in einer Fehde gefallen, und seine Feinde hatten seine Burg verheert und zerstört, so daß sie nur noch als ein öder Trümmerhaufen auf dem Bergscheitel, den der Hain umgrünte, emporstarrte. Aber es war längst nicht mehr der alte Hain, dessen Bäume waren immer abgeschlagen worden, und jetzt grünte an deren Stelle ein neuer Wald. - Während dieser langen, langen Zeit hütete drunten Ilsa immer noch ihre goldene Herde, spielte mit den kindlichen Heimchen, lernte von ihnen viel Heimliches aus der Natur und dem unterirdischen Reiche, und die Erinnerung an die Welt, in der sie früher gelebt, war ihr wie ein Traum. Dennoch entschlief diese Erinnerung nicht, vielmehr begann sie mächtiger zu erwachen - zur Sehnsucht zu werden. Ilsa hatte allmählich wahrgenommen, daß dieses und jenes Heimchen auf der Oberwelt sich tun machte, während man doch ihr den Verkehr nach oben streng untersagt hatte. Immer häufiger fragte sie sich zweifelnd, ob sie wirklich das rechte Glück erlangt habe, und sie versenkte sich dabei immer tiefer in Grübeleien, die ihr das bisherige harmlose Glück zerstörten. Was nützt mir meine Herde? Dachte Ilsa. Ich hüte sie, aber sie ist doch nicht mein; ich kann nichts mit ihr beginnen. Eine Königin des Heimchenvolks sollte ich werden, so wurde mir vorgespiegelt, und das Gegenteil einer solchen bin ich geworden, eine arme Hirtin. Alles drängt nach oben zum schönen herrlichen Sonnenlicht! Die Wurzeln sammeln nur Kraft und Saft im Erdenschoß, um diese hinaufzudrängen und zu treiben bis in der Bäume höchste Wipfelkronen. Die Quellen, die unterirdischen Wasser, nach außen hin drängen sie alle, brechen sich Bahn mit Ungestüm. Wo ist der blaue Himmel hin, den einst ich sah? Wo ist das Fächeln der Frühlingsluft? Wo ist der Kirchenglocken feierlicher Klang? Die Heimchen haben keinen Gott, keine Kirche und keinen Himmel. Ich aber will den Himmel wiedersehen - ich will! Und nun offenbarte Ilsa den Heimchen ihre Wünsche. Diese ließen ihre Köpfe traurig hängen, sie ahnten schon alles, und wie es kommen werde. - "Du versprachst uns, immer bei uns zu bleiben," wandten die Heimchen ein. - "Ihr verspracht mir Erfüllung aller meiner Wünsche," entgegnete Ilsa. - "Wir machten aber zur ersten Bedingung, daß du nicht zur Oberwelt zurückkehrest," erinnerten die Heimchen. - "Ich will sie nur wiedersehen, sie und den blauen Himmel, und ihre wundersamen Frühlingsdüfte atmen." - "Dann bist du keine der unseren mehr," warfen die Heimchen ein. "Berührt dich nur der Lufthauch der Oberwelt, so verfällst du auch dem Lose der sterblichen Menschen, welche dahinfahren wie der Wind; du verblühst, wirst alt und stirbst. Nur allein in unserem Reiche blüht ewige Jugend." Ilsa schwieg - aber sie trauerte; ihre Sehnsucht wurde immer stärker - sie achtete ihrer goldenen Schäferei nicht mehr, nichts gab es, was sie erfreute, sie sprach auch mit keinem Heimchen mehr, und dieselben klagten unter sich: "Sie ist für uns verloren, so oder so - laßt uns daher ihre Wünsche erfüllen." So geschah's nach ihrem Wunsche. Ilsa trat in ihre hochgelegene Grotte, durch welche sie eingegangen war in das Reich der Unterirdischen, an das sonnige Licht des schönen Erdentags. Ach, wie mächtig war dessen Strahl! Weithin flogen entzückt ihre Blicke über einen Teil des Gaues, in dem sich ihre väterliche Burg erhob - doch ward es ihr bald seltsam zumute. Der Sonnenstrahl zitterte goldgrün durch die Baumwipfel, der Himmel lachte dunkelblau durch sie hinab, die alten Felsen waren noch die alten, aber die Bäume waren die alten nicht mehr - der gebahnte Weg, der Ilsa einst nach der Grotte geführt, war nicht mehr; auf dem Waldboden des Hains war alles eine Rasendecke voll hohen Grases. Ilsa blickte zur Höhe, auf der das stattlich erbaute Vaterhaus mit Zinnen, Türmchen und Erkern gestanden hatte empor - und erschrak. Da war nichts, gar nichts mehr zu erblicken, als ein Rest der Umfassungsmauern, überragt von einer hohen grauen Warte, um deren zerbröckelte Zinnen Mauerfalken schwebten und kreischten. "Was ist das?" fragte sich Ilsa. "Dünkt mein Aufenthalt drunten mich doch nur eine kurze Weile, und so viel Zeit ist darüber vergangen! Wie alt bin ich dann wohl?" Ilsa blickte weiter; sie sah neuentstandene Ortschaften, neue Burgen in der Ferne; und andere, deren Lage sie sich genau erinnerte, waren nicht mehr. Ilsa wagte nicht, ihren Fuß weiterzusetzen. Sie blieb in der Grotte - denn das hatte sie dem Volk der Heimchen gelobt, als ihr endlich mit Widerstreben erlaubt wurde, die Oberwelt wiederzusehen - und weilte manchen Tag ernst und sinnend in derselben. Auch die kleine goldene Herde herauszuführen und sie auf der Matte vor der Grotte weiden zu lassen, wurde ihr gestattet. Doch durfte sie dies nur zu gewissen Tagen und Stunden tun: am ersten Tag des Maimonds, am Himmelfahrtstag, am Pfingstsonntag, am goldenen Sonntag und am Johannistag zur Mittagszeit, wann die Sonne am höchsten stand, oder in den Mittagsstunden der Vorabende dieser geweihten Festtage. An diesen Tagen wandelten die Bewohner jener Gegend gern auf die Berghöhen, wie es Sitte war schon aus alten heidnischen Zeiten her, und suchten Heilkräuter und gruben zauberkräftige Wurzeln. Und da geschah es bisweilen, dass Ilsa von den Menschen erblickt wurde, - sie selbst, die den Menschen fremd geworden war, eine bleiche, ruhige und ernste Erscheinung im schneeweißen, nimmer alternden Kleide. Und manche sahen auch ihre goldene Herde, vermochten aber nie, wie sie es gern getan hätten, ein Stück derselben zu erhaschen. Denn der Hund hütete die Schafe mit den goldenen Vliesen gar wachsam, und sowie er den leisesten Laut gab, hob Ilsa ihren goldenen Hirtenstab, worauf augenblicklich Hund und Herde unsichtbar wurden. Wenn gute und reine Menschen Ilsa erblickten und ihr furchtlos nahe traten, gab sie ihnen wohl auch auf Fragen, die an sie gerichtet wurden, Antwort, doch nur auf ernste und die Ernstes bezweckten. Bisweilen war ihre Rede auch doppelsinnig, oder warnend und abmahnend, aber prophetisch. Da erinnerte sich das Volk, daß zur grauen Heidenzeit schon in altheiligen Götterhainen weissagende Priesterinnen gewohnt hatten, und nannten Ilsa, wie jeden geheißen hatten, eine Alraune. - Einst, als Ilsa, die immer auf ihre Erlösung aus dem selbstgewählten Banne der Unterwelt und der Heimchen hoffte, wieder im Dämmerlicht ihrer Felsengrotte saß und ihre Herde vor derselben weiden ließ, trat auf die Matte ein schönes Weib, das viele geheime Kräfte der Natur kannte. Die rief Ilsa an und sprach: ![]() "Was weilest du ewig einsam in deiner Höhle hier oben, hohe Alraune? Geselle dich doch wieder dem Geschlecht der Menschen zu! Fühle menschlich und teile mit ihnen Lust und Leid! Liebe und werde geliebt!" Trauervoll antwortete Ilsa: "Mich bindet mein Wort, sonst zög' ich gern durch den Gau mit meiner Herde!" - "Du darfst nur wollen! Die Macht ist dein!" rief das Weib. "Schlage mit deinem Hirtenstab gegen den Höhlenspalt in der Tiefe deiner Grotte nur ein Kreuz, so schließt er sich alsbald für immer zu. Keines der Heimchen kann dir folgen, und du bist völlig frei!" Noch zögerte Ilsa, als ein Jüngling von großer Schönheit sich zeigte und sie ansprach: "Vertraue dich mir an, schöne Jungfrau! Droben sollst du thronen in deiner Väter Burg, die ich neu erbaue. An meiner Seite sollst du herrschen über diesen ganzen blühenden Gau. Diese Frau, welche zu dir sprach, ist meine Mutter, und groß ist unsere Macht!" Da schlug Ilsa mit dem Stab das Kreuz gegen den Höhlenspalt. Drinnen erscholl nicht mehr das sanfte Tönen, sondern ein klagendes Gewimmer des um seine goldene Herde betrogenen Heimchenvolks. Das arge Weib stieß ein widrig gellendes Jubelgeschrei aus und ihr Sohn stürzte sich mit Heftigkeit auf Ilsa zu und wollte sie in seine Arme schließen; ernst hielt sie ihren Stab vor und schlug mit ihm auch gegen den Jüngling ein Kreuz - das vernichtete allen Zauber, und jener, der ihr vorher doch so überaus schön geschienen, brach zusammen und zeigte jetzt häßliche, abscheuliche Gesichtszüge. - Und auch das Weib stürzte nieder, wandte sich in Zuckungen und zeigte sich jetzt mit einemmal in der Gestalt eines gräßlichen Hexenweibs. "Harre nur deines Lohnes, du Verruchte! Harre nur!" schrie die Arge, indem sie sich wütend vom Boden aufraffte, rannte dann an Ilsa vorüber nach dem Grottengrund und hielt die Springwurz an die Felsenspalte. Alsbald öffnete sich wieder, wie mit einem Schlage, das Reich der unterirdischen Zwerge und das Weib schrie mit weit vernehmlicher, gellender Stimme: "Heraus, ihr Heimchen! Holt eure Herde wieder, straft diese Wortbrüchige und Treulose! Straft sie mit ewiger Sehnsucht und ewiger Täuschung!" Sogleich umwimmelten die Heimchen Ilsa in Scharen und drängten sich zahllos zwischen das Weib samt dessen Sohne. "Du bist und bleibst die Unsere!" sprach der älteste des Heimchenvolks. "Wann dereinst keine Glocke mehr klingt, keine Kirche mehr steht und böse Menschen wie dieses Weib nicht mehr sind, dann schlägt dir die Stunde der Erlösung; früher nicht! So lange harre und hüte! Den Erdentag schaust du bis dahin nicht wieder, außer einmal ja nach sieben Jahren! Da darfst du außerhalb unseres Berges dich mit deiner Herde zeigen!" Und so geschah's: noch immer wird - alle sieben Jahre zur Mittagsstunde - die verwünschte Jungfrau samt ihrer Herde erblickt, einsam, bleich und traurig und im schneeweißen Kleide. Denn noch immer leben böse Menschen, noch immer, gottlob, rufen auch die Kirchenglocken die Guten in die Tempel des ewigen Gottes. Das Märchen stammt aus dem Buch "Deutsche Kindermärchen". |