Das Silber-Elfchen m Strande der Ostsee, in der alten See- und Handelsstadt Danzig, war schon seit langer Zeit ein munteres, freundliches Kind gesehen worden, mit blondem Haar und blanken Augen. Es trug ein blaues Kleid, mit Silber besetzt, und ein Silberband im Haar; deshalb wurde es von den Leuten umher allgemein das Silberkindchen genannt. Wo irgend ein Paar Menschen sich von Herzen lieb hatten, zu denen trat es gern heran, sprach mit ihnen, sang ihnen hübsche Lieder vor und machte ihnen Freude, wo es nur konnte. Keiner wußte, wem das kleine Wesen gehörte, aber es fragte auch niemand danach. Auch daran hatte sich jeder schon gewöhnt, daß das Kind immer eine silberne Lilie und ein Körbchen in der Hand trug. Die Leute meinten, das ist nun einmal so, was soll man sich darüber den Kopf zerbrechen.Das Silberkindchen war auch nicht gewöhnlicher Art; es steckte etwas ganz Besonderes dahinter. Nicht nur mit Menschen ließ es sich ein, es verstand auch die Sprache des Meeres, der Sterne, der Silberpappeln, der Erdmännchen und alles dessen, was in der Welt einen klaren Silberschein hat oder mit dem Silber in Berührung kommt. Daher nannten es manche auch das Silber-Elfchen. Als nun wieder einmal der Frühling nahte, der April vor der Tür stand, sah man das Kindchen in ganz besonderer Unruhe. Während es sonst einem jeden freundlich Rede stand, der es nur ansprach, rief es jetzt jedem zu: "Hab' keine Zeit, Kann nimmer ruhn; Hab' viel zu schaffen, Hab viel zu tun!" Das Silberkindchen schritt über den Holzmarkt dem Hohen Tore zu. Als nun das Kind aus der Stadt und dem Menschengewühl heraus ist und sich allein glaubt, entfaltet es plötzlich an den Schulter ein Paar zarte Schmetterlingsflügel und fängt an zu fliegen, immer mit dem Winde um die Wette über die große Lindenallee fort, über Fluren und Wälder, bis zum ‚Adlerhorst, wo die grünen Kiefern ihre Wurzeln in den Wellen der Ostsee baden. Da saß auf einem großen Granitblock ein anderes Kind, von frischen, fröhlichen Mienen, mit Blumen bekränzt, - und das war der Frühling. Er hatte einen Sonnenstrahl in der Hand und ließ damit Schneeglöckchen und Primeln um sich her aus der Erde wachsen. Als Silber-Elfchen das Kind sieht, läßt es sich aus der Luft zu ihm nieder, berührt es leise an der Schulter und spricht zu ihm: "Frühling, kannst du mir Blumen schaffen, die sich für mich schicken?" Wie nun das Silberkindchen den Frühling um Blumen bittet, nimmt dieser seinen Kranz vom Kopfe und will ihn dem Elfchen geben; das aber weist die Blumen ab und spricht: "Nein, nein, Deine Blumen vergehn, Wenn Stürme wehn! Die Blumen, die ich mein', Müssen echter sein; In Feuer und Wasser Als echt sich bewähren, In Sonne und Mond So recht sich verklären!" ![]() Da merkte der Frühling erst, mit wem er es zu tun hatte, und sprach: "Komm, ich will dich hinführen, wo du Blumen findest, die für dich sich schicken." - Und so nahm er das Silberkindchen bei der Hand und zog es mit sich fort durch den Kiefernwald, bis sie zu einer Grotte kamen, am Ufer des Meeres. In der Grotte saßen drei holde Seejungfrauen, die hatten sich silberne Blumen aus der Tiefe des Meeres heraufgeholt, dorther, wo keine Stürme wehen, die Sonne nichts mehr verbrennt und der Winter nichts zu Eis gefrieren läßt. Sie banden schöne Gewinde, Kränze und Sträuße aus den Blumen und sangen dabei wundervolle Melodien. Wie freuten sie sich, als sie die beiden fröhlichen Kinder sahen. Ehe Silber-Elfchen sie noch gebeten, wußten sie schon sein Begehren, denn es waren gar weise Jungfrauen. Alsbald reichten sie ihm daher die silbernen Kränze und Blumen, genau so, wie das Kind es wünschte. Nachdem Silberkindchen Kranz und Strauß in sein Körbchen getan, dankte es den Seejungfrauen mit freundlichen Blicken und nahm von dem Frühling Abschied. Es wollte wieder nach der Stadt fliegen, um sich dort noch manche andere Dinge zu holen. Schnell erhob es seine Flügel und flog den Weg zurück, den es gekommen, bis mitten in die Stadt, wo es sich endlich in der Goldschmiedegasse niederließ. Da zog das Silber-Elfchen seine Flügel ein und ging, wie jedes andere Kind, nicht durchs Schlüsselloch, sondern durch die Tür eines Hauses und durch Hausflur, Gang und Hof, bis es in die Werkstätte eines Goldschmiedes eintrat. Wer aber nicht zu Hause war, das war der Meister Goldschmied und die Frau Meisterin. Nur ihre zwei Kinderchen saßen an der Erde und besahen ein silbernes Bilderbuch. Das Elfchen nahte sich ihnen, ohne daß sie es merkten, und guckte ihnen über die Schulter in das Buch. Wie da die Kinder eben an einem Bilde sich erfreuten, auf welchem ein geflügeltes Elfchen abgebildet war, sprach eins von ihnen: "Ach, wer das doch einmal wirklich sehen könnte!" - Da rief das Silberkind hinter ihrem Rücken: "Seht euch um!" und als sie das taten, siehe, das stand das, was sie sich eben gewünscht hatten, leibhaftig vor ihnen da. - Bald darauf kam auch der Goldschmied mit seiner Frau und dem Gesellen nach Hause. Kaum waren sie in die Werkstätte getreten, so hüpfte das Silberkind wie zu einem alten Bekannten zum Meister heran und sprach: "Du, lieber Alter, gib mir zwei silberne Ringe!" - "Hast du denn auch Geld?" fragte es der Goldschmied. - "Nein," antwortete das Kind, "aber Ihr sollt später tausendfach dafür bezahlt werden." - Da sprach die Frau Meisterin leise zu ihrem Manne: "Mann, du wirst ihr doch die Ringe nicht geben? Die Sache kommt mir verdächtig vor!" - Diese Worte hatte das Kind gehört und rief: "Wenn ihr mir nicht glaubt, so seht in meine Augen." Und als die Leute das taten, sprachen sie: "Wir trauen dir, deine Augen sind klar und rein wie das Silber und die Treue selbst; du kannst und wirst uns nicht belügen!" - Sogleich holte der Goldschmied zwei silberne Ringe und gab sie dem Kinde; das probierte sie auf seinem eigenen kleinen Fingerchen, und alle, die in der Stube waren, konnten nicht genug das seltsame Kind anstaunen und mußten ihm Zutrauen schenken, sie mochten wollen oder nicht. Auch die Ringe legte das Elfchen in sein Körbchen. Ehe es aber Anschied nahm, bat es den Goldschmied, er solle ihm doch sagen, wer seinen Kindern das silberne Buch geschenkt habe. - Der Meister wollte erst nicht recht mit der Sprache heraus; zuletzt aber faßte er sich ein Herz, nahm das Elfchen auf die Seite und sprach leise, damit der Geselle es nicht höre. "Ich weiß, du wirst mich nicht verraten. Ich stehe mit Erdgeistern und Gnomen im Innern der Erde im Verkehr; die schaffen mir mein Silber und lieben mich und meine Kinder und schenken ihnen bald hier, bald da etwas. - "Schön! Schön!" sagte das Silber-Elfchen. "Führ mich zu ihnen hin!" - Das darf und kann ich selber nicht tun," antwortete der Goldschmied; "aber mein kleiner Junge da, der ist der Liebling der Gnomen, weil er so hübsch mit ihnen zu spielen versteht, der soll dich zu ihnen führen." - "So mach nur schnell," sprach Silber-Elfchen. - Der kleine Goldschmiedejunge aber holte sein Laternchen herbei und ließ es sich von der Mutter anzünden, dann faßte er das Elfchen bei der Hand und stieg mit ihm hinunter in den Keller. Da hob er eine kleine Falltür auf und rief in die Tiefe hinunter: "Rumpelstelzchen! Koboldchen! Schick mir deinen Eimer herauf! Ich bring' euch hier einen Spielkameraden!" - Sogleich kam auch ein großer Eimer heraufgerasselt, da setzten die beiden Kinder sich hinein und fuhren mit ihm in die Tiefe, wohl tausend und mehr Fuß hinunter; dann ging es wieder seitwärts, die Kreuz und die Quere, bis sie in einer großen, schimmernden Höhle ankamen. Da saß der alte Berggeist auf seinem schimmernden Throne, und um ihn her hämmerten, klopften und karrten seine Kobolde und Gnomen, groß und klein. Die liefen nun sogleich herbei und hoben die Kindchen aus dem Eimer; dann stellten sie Silberkindchen auf einen Felsblock, und alle Erdmännchen machten nun ihren Hokuspokus und tanzten in großen Freuden um den Block herum, während das kleine Goldschmiedejüngelchen sich ruhig neben den Thron des Erdgeistes stellte und mit Vergnügen ihnen zusah. Nachdem das so eine Zeitlang gedauert, trat Rumpelstelzchen, einer der Hauptkobolde, aus dem Kreise hervor, kniete vor dem Silberkindchen hin, reichte ihm einen fein geschliffenen silbernen Spiegel dar und sprach: "Wir wissen dein Begehr: Du willst den Zauberspiegel. Glück auf! Ich bring' ihn her, kommt eben aus dem Tiegel. Er ist so hell und blank und rein, er ist der Treue Widerschein; Und schaust du selber da hinein, dein Bild wird in dem Spiegel sein." Mit diesen Worten hielt der Kobold dem Silberkindchen den Spiegel der Treue hin. - Als das Silberkindchen den Spiegel erblickt und sieht, wie sein eigenes Bild vom Hineinschauen sich fest darin abdrückt, spricht es voll Freude: "Das ist der Spiegel, den ich gesucht, es ist der Spiegel der Treue. Nun habe ich alles, was ich brauche. Schönen Dank!" - Schnell nahm es den Spiegel, tat ihn in sein Körbchen und stieg wieder mit dem kleinen Goldschmiedejüngelchen in den großen Eimer, der denn auch ganz gemächlich mit ihnen wieder zur Erde heraufrasselte; und so kamen sie wieder glücklich an die Oberfläche der Erde, wo sie in dem Keller des Goldschmiedes ausstiegen. Natürlich führte sie ihr Weg auch wieder durch die Werkstätte, und als das Silberkind da an der Schwarzwälderuhr vorüberging, erschrak es ein wenig. Es sah, daß der Zeiger der Uhr bereits auf die achte Abendstunde wies. Schnell sprang das Elfchen darüber hinaus, über Hof, Gang und Hausflur auf die Straße, breitete die Flügel aus und flog mit Windesschnelle einer entfernten Gasse zu. In dem Hause, vor dem es sich niederließ, feierte ein würdiges Ehepaar, das die treueste Liebe verband, sein fünfundzwanzigjähriges Hochzeitsfest. Das wußte das Kind. Schnell trat es in das Haus und vor das Jubelbrautpaar hin und reichte ihm mit freundlichen Worten die schönen Gaben: den Silberkranz, den Silberstrauß, die Ringe und den Zauberspiegel als Lohn der Treue, die sich wie das Silber im Feuer bewährt und in der Sonne verklärt. Die Glücklichen empfingen voller Freude die seltenen Geschenke. Sie betrachteten alles staunend und bewundernd; - doch, als sie dem Kinde danken wollten, war es verschwunden. ![]() Das Märchen stammt aus dem Buch "Lieder, Märchen und Gedichte" von Robert Reinick. |