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Das Sternlein



m Himmelsraum, im großen, weiten Kerzensaal waren all die tausend Sternlein versammelt und warteten auf den Vater Mond, der sie zum Himmelszelt führen sollte. Sie standen. in. Gruppen beieinander, so, wie sie in den Sternenbildern des Himmels stehen mußten. Einige drückten noch ihre Stirnreifen tiefer in die Locken, andere zupften an ihren gezackten Röckchen herum, und wieder andere banden ihre silbernen Schühlein ein bißchen fester. - Und dann suchte jedes Sternlein sich ein Licht aus. Entweder ein hohes, großes oder ein schlankes oder auch ein kleines, so wie es ihre Hände zu tragen vermochten. Denn sie mußten es halten die, ganze Nacht, um den funkelnden Lichtschimmer hinunter zu senden auf die Erde in die Augen und Herzen der Menschenkinder.

Leise flüsterten sie miteinander und erzählten sich, was sie von ihrem Himmelsplatz aus drunten auf der Erde gesehen und gehört hatten.



Ein großer Stern sagte wichtig und stolz: "Denkt euch, ich habe einen gelehrten Menschen. gesehen. Der saß hoch oben in einem Turm und richtete ein langes, großes Rohr auf uns und betrachtete aufmerksam unsere Sternbilder und Figuren. Und dann zeichnete er uns so, wie wir standen, ab."

Alle staunten und freuten sich mit.

Ein anderer Stern sagte geheimnisvoll: "Oh, und ich habe ein Brautpaar gesehen. Das wandelte eng umschlungen durch die Straßen und schaute mit frohen Augen zu uns herauf und nahm den Schein unseres Lichtes in seinen Augen auf und schaute sich damit hebend an. War das nicht schön?"

Alle nickten und fanden das schön.

Und wieder ein anderes Sternlein meinte; "Auch - ich habe etwas Schönes erlebt. Eine Mutter mit ihren Kindern ging am Abend nach Hause Da schauten die Kinder zu uns herauf und staunten und staunten und riefen "Schau, Mutter, die vielen tausend Sternlein Wie schön sie sind und wie sie funkeln."

Die Mutter lächelte und freute sich mit den Kindern an uns. Und ich war froh darüber und freute mich an ihnen", schloß das Sternlein.

Ein großer blanker Stern aber erzählte ganz leise: "Ach, auch ich habe etwas Wunderbares gesehen. Ein trauriges, armes Menschenkind stand ganz allein am Fenster und schaute weinend zu uns herauf. Es war so verzagt, da ließ ich mein großes, schönes Licht ganz hell leuchten, ganz hell; tief in das betrübte Herz hinein Da hörten die Augen auf zu weinen. Ich sah, wie das arme Menschenkind getröstet wurde, denn es faltete die Hände und war ganz still und fromm."

Da waren auch die Sternlein alle ganz still. Sie sprachen kein Wort mehr. Jedes hielt sein Licht noch fester. Nur ein liebes, kleines Sternlein wurde plötzlich unruhig. Es stellte sein kleines Licht beiseite und begann noch einmal zu suchen an der Kerzenreihe entlang.

"Was machst du, Kleines?" fragte ein großer Stern.

"Ach", sagte es ein bißchen verlegen, "ich möchte auch einmal ein größeres Licht tragen."

"Du kleines Liebes", sagte der Große wieder "Du mußt erst ein wenig größer werden, noch ist es zu schwer für dich."


Aber das Sternlein ließ keine Ruhe und bettelte so lange, bis es ein größeres Licht bekam.

"Sternlein, Sternlein", mahnten die andern besorgt, "laß es nur nicht fallen in der langen Nacht"

"Nein", antwortete das Kleine und seine Augen leuchteten vor Freude, "ich werde es schon sicher tragen und halten bis zum Morgen. Wer weiß, wie viele Menschen durch mein Licht getröstet werden." Das ist das Schönste, was ich mir denken kann!" Und es schritt andächtig mit seinem Licht auf seinen Platz zurück.

Da kam auch schon der Mond mit seiner Laterne und schaute mit seinem lieben Gesicht in den Saal.

Nun, seid ihr alle fertig, meine Sternenkinder" fragte er und lächelte sie väterlich und bewundernd an. Dann hob er die Laterne und rief:

"Zündet an die Himmelskerzen,
senkt mit ihrem milden Schein
Trost und tiefe Freude
in das Menschenherz hinein."

Feierlich zündeten alle ihre Kerzen an am Laternenlicht des Mondes und scharten sich um ihn in der alten, heiligen Himmelsordnung.

Dann schritten sie, leise singend, mit ihm zum Himmelszelt. Jedes stand auf seinem Platz und achtete auf seines Lichtes Schein bis zum Morgengrauen.

Auch das kleine Sternlein hielt tapfer sein großes Licht in den Händen.

Der Mond hatte es auch erst noch einmal gefragt: "Sternlein, wirst das schleppen können? Es ist sehr schwer, scheint mir." Stolz hatte es mit dem Köpfchen geschüttelt und geflüstert: "Es macht mir solche Freude."

Und nun stand es und staunte selbst über den hellen Lichtstrahl der großen Kerze und war innerlich so froh...

Die Stunden verrannen. Ganz allmählich spürte es, wie das Licht schwer wurde.

"Das kann doch nicht sein", dachte das Sternlein, und 'eine leise Angst überfiel es.

Hin und wieder schaute der Mond besorgt herüber zu ihm. Da reckte es sich empor und lächelte. Oh, ich werde schon aushalten! tröstete es sich selber.

Jedoch immer schwerer .und schwerer wurde seine leuchtende Last. Die kleinen Finger schlossen sich fester um das Licht. Aber Sie konnten es fast nicht mehr halten. Das Köpfchen wurde dem armen Sternlein schwer und müde, die Beine begannen zu zittern, Schultern taten ihm weh, so weh...

Der Mond schaute ganz ernst zu ihm hin. Es war so matt und lächelte doch, ja, es lächelte ihm zu. Aber die heiße Angst kroch ihm ans Herz und die Schmerzen wurden' unerträglich.

Mit einmal wurde dem Sternlein ganz schwach und -taumelig zu Mute... Plötzlich, ganz plötzlich entglitt das Licht den kleinen Sternenhänden und fiel und fiel - und fiel hinab zur Erde.

Die Menschen, die das sahen, sagten leise zueinander: "Schau, eine Sternschnuppe! Da wollen wir uns etwas wünschen, das geht in Erfüllung."

Sie wußten ja nicht, daß ein Stern ohne sein Licht nicht leben kann...

Das Sternlein aber war hingesunken und atmete nicht mehr. Tief- erschreckt standen all die andern Sterne an ihrem Platz und konnten nicht helfen. Jeder mußte sein Licht tragen die ganze Nacht. So gebot es die Pflicht. -

Dem guten Vater Mond aber schwankte die Laterne in der Hand, und gramvolle Tränen rannen über sein Gesicht. So trauerte er um sein liebes Sternenkind.


Das Märchen stammt aus dem Buch "Komm mit in mein Märchenland".





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