Der Drache mit den veilchenblauen Augen
Doch als Pirniplix zum erstenmal Feuer spucken wollte und nur warme Luft von sich geben konnte, wurde der Drachenvater richtig unwirsch, und am Abend sagte er zu seiner Frau: "Ich weiß gar nicht, was einmal aus unserem kleinen Pirniplix werden soll. Er kann nicht einmal richtig Feuer spucken." Die Drachenmutter beruhigte ihn und sagte: "Ach, laß ihm nur Zeit, er wird es schon noch lernen." Doch dann geschah es. Am siebzehnten Tag. Das ist der Tag, an dem die Drachen zum erstenmal ihre Augen richtig öffnen. Bis dahin machen sie sie nur einen winzigen Spalt auf, damit sich die Geschwister nicht gegenseitig im Nest erschrecken, denn es ist selbst für einen Drachen ganz fürchterlich, aus der Nähe in ein Drachenauge zu blicken. Deshalb meiden Drachen auch klares Wasser, und Spiegel sind ihnen ein Greuel. Als Pirniplix seine Lider zum erstenmal aufriß, sah seine Mutter, dass er nicht feuerrote Augen hatte, sondern veilchenblaue, und es schlugen auch keine Funken daraus, im Gegenteil, auf dem Veilchenblau leuchteten zitronengelbe Pünktchen, die sahen so lustig aus, dass wirklich niemand Angst vor diesem Drachen bekommen konnte. Die Drachenmutter wartete voller Furcht auf den Abend, da der Vater nach Hause kommen mußte, und tatsächlich, kaum hatte der alte Drache Pirniplixens veilchenblaue Augen mit den zitronengelben Pünktchen erblickt, da fing er an zu toben und zu brüllen und mit seinem mächtigen Stachelschwanz um sich zu schlagen, dass ringsum die Erde bebte und alles Getier im weiten Umkreis die Flucht ergriff und sogar die Menschen fern in der Stadt ängstlich auf das Zittern des Bodens lauschten. "Hinaus", schrie der alte Drache, stemmte sich auf seine Vordertatzen über den armen Pirniplix und ließ seine sieben Köpfe bedrohlich hin und her schaukeln. "Und dass du mir nie mehr unter die Augen kommst, oder - " Was dann mit ihm geschehen sollte, hörte Pirniplix schon nicht mehr, so schnell machte er sich davon, denn sein Vater sah gar schrecklich aus in seinem Zorn. Aus seinen Augen schlugen meterlange Funken, und dicker schwarzer Rauch quoll aus allen seinen Mäulern. Pirniplix rannte, so schnell er konnte. Plötzlich verlor er den Boden unter den Füßen, denn weil er sich dauernd umblickte, ob ihm auch niemand folgte, hatte er nicht gesehen, dass sich eine tiefe Schlucht vor ihm auftat. Er schlug verzweifelt mit den Flügeln, und da merkte er, dass er fliegen konnte. Einen Augenblick lang war er so verblüfft, dass er beinahe doch noch abgestürzt wäre, aber dann breitete er seine Flügel aus und ließ sich vom Wind tragen. Er fand es wunderschön zu fliegen, so schön, dass er darüber sogar seinen Kummer vergaß und nicht mehr daran dachte, dass er sich nun allein und ohne Eltern durchs Leben schlagen mußte. Und das war gar nicht so einfach. Denn in diesem Alter ernähren sich die Drachen noch von Honig und Milch, und wo sollte der kleine Pirniplix die hernehmen? Er versuchte ein paarmal, sich einer anderen Drachenfamilie anzuschließen, aber die Drachen jagten ihn immer wieder fort. Niemand wollte etwas mit einem einköpfigen Drachen mit veilchenblauen Augen zu tun haben. So suchte Pirniplix sich einen Platz, an dem er sich verbergen und den Drachenkindern wenigstens aus der Ferne zusehen konnte, denn er fühlte sich schrecklich einsam und verlassen. Er entdeckte eine Höhle, in der eine Schwefelquelle plätscherte, über der gelbe und schwarze Nebel dampften und wo es herrlich nach Pech und Schwefel stank, aber die gehörte schon einem alten Siebenkopf. Als der nach Hause kam und Pirniplix in seiner Höhle fand, riss er seine Mäuler auf und schrie, dass die Wände zitterten, und spuckte Feuer aus allen Köpfen, und nur dass er so gut fliegen konnte, rettete dem kleinen Drachen das Leben. Er verkroch sich im Wald. Er zitterte am ganzen Leib, dass die Schuppen seines Panzers laut klapperten, so sehr fürchtete er sich. Plötzlich schnupperte er. Es roch nach Honig. Der Honigduft kam aus einem Astloch in einem dicken Eichenbaum. Pirniplix stellte sich auf die Hinterbeine und steckte die Zunge in das Loch. Es war aber das Schlupfloch eines großen Bienenstocks. Die Bienen schwirrten aufgeregt herbei, und da Pirniplix noch so jung war, dass seine Zunge noch keine Lederhaut hatte, bohrten ihm die Bienen ihre Stacheln in die Zunge und fügten ihm einen Bienenstich nach dem anderen zu. Eine Woche lang war sie dick geschwollen und tat entsetzlich weh. So wäre der kleine Drache fast Hungers gestorben. In seiner Verzweiflung fing er an, Quellwasser zu trinken und Blätter zu fressen. Eines Tages, als Pirniplix einen Ausflug zum Waldrand machte, merkte er, dass es nach Milch roch. Er flog dem Geruch nach, bis er an eine Wiese kam, auf der wurden gerade die Kühe gemolken. Pirniplix paßte gut auf, woher die Milch kam, und als die Bäuerinnen mit dem Melken fertig waren und ihre Kannen auf den Wagen luden und ins Dorf fuhren, ließ er sich langsam auf die Wiese herab. Er versteckte sich erst hinter einem Ginsterbusch und beobachtete vorsichtig. Richtig bissig und böse kann ein Drache nämlich nur werden, wenn er von der dritten Lebenswoche an, bis er ein Jahr alt wird, jede Woche einmal dreizehn Schluck Stierblut bekommt, und da Pirniplix nie Stierblut zu trinken bekommen hatte, war er über die Maßen ängstlich und fürchtete sich sogar vor Kühen. Aber der Duft der frischen Milch kitzelte ihn so in der Nase, dass er seine Furcht überwand und sich von hinten an eine dicke, braun und weiß gefleckte Kuh heranschlich, die ganz geschäftig vor sich hin graste. Er kroch unter ihren Bauch, nahm eine der Zitzen in den Mund und sog daran. Die Kuh hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn er eine Stunde früher gekommen wäre. Kühe geben ja nicht nur den eigenen Kindern zu trinken, sondern sind sehr großzügig mit ihrer Milch, weshalb auch die Menschenkinder so viel Milch trinken können, wie sie wollen. Da die Kuh aber frisch gemolken und ihr Euter also leer war, tat es ihr weh, und sie schlug unwillig mit dem Schwanz um sich. Der kleine Drache merkte das nicht durch seinen dicken Schuppenpanzer und sog heftig weiter. Da stieß die Kuh mit dem Bein nach ihm und traf Pirniplix in den Nacken und unglücklicherweise gerade an der Stelle, wo die Halsschuppen in den Rückenpanzer übergehen und die Drachen verwundbar sind. Pirniplix schrie laut auf vor Schmerz und flog schnell davon und schwor sich, nie wieder Milch zu trinken. Er verkroch sich in der Ruine einer ausgebrannten Mühle, die einsam und verlassen im Walde stand. Da hatte er nicht nur das klare Wasser des Mühlteichs zum Trinken, sondern auch eine Schlammkuhle, in der er sich nach Herzenslust wälzen konnte, und als er die Mühle durchstöberte, entdeckte er eine ganze Kammer voller Korn; das hatten die Menschen zurückgelassen, weil es bei dem Feuer angesengt und deshalb ungenießbar geworden war. Pirniplix aber leckte sich das Maul vor Wohlbehagen, denn angesengtes Korn ist für kleine Drachen ein Leckerbissen, so wie für Menschenkinder Schokoladenpudding oder Sahnebonbons. Mit der Zeit wurde es ihm jedoch zu langweilig in seiner Mühle. Denn wenn man allein ist, machte es nicht einmal Spaß, den ganzen Tag zu naschen und im Schlamm zu wühlen. So beschloß er, einen Ausflug über das Land vor dem großen Felsengebirge zu machen, obwohl die Mutter die kleinen Drachen ermahnt hatte, sie sollten sich niemals in die Nähe der Menschen begeben, und gruselige Geschichten erzählt hatte, wie es unartigen Drachenkindern ergangen war, die nicht auf ihre Eltern gehört hatten. "Ja, früher", so hatte die Drachenmutter gesagt, "da war es noch anders. Da verbreiteten wir Drachen Furcht und Schrecken, wohin wir kamen, selbst die ganz kleinen Drachenkinder, die noch gar nicht richtig Feuer spucken können, und alle Menschen zitterten vor uns, weil sie mit unseren Schwertern und Pfeilen nichts gegen unsere Panzer ausrichten konnten. Und wenn es dennoch einmal einem Ritter gelang, einen Drachen zu überwinden, dann wurde der gleich als Held gefeiert. Aber vor kurzem haben die Menschen schreckliche Waffen erfunden, die heißen Kanonen, mit denen können sie jeden Drachen töten, und wenn er gar dreiundzwanzig Köpfe hätte und den dicksten Panzer der Welt." Pirniplix fühlte sich gar nicht wohl, als er jetzt den Wald verließ, und er hielt sich so, dass er jederzeit schnell hinter einer Wolke verschwinden konnte. Da ihm aber nichts Böses widerfuhr und die Sonne lustig auf die Felder und Wiesen schien, wagte er sich immer weiter vor, bis er an eine Stadt kam, die hatte so viele Häuser, dass Pirniplix es bald aufgab, sie zu zählen, denn er hatte nur bis sieben zählen gelernt. Aus den Schornsteinen stieg schöner schwarzer Rauch zum Himmel. Es war Mittag. Pirniplix pirschte sich hinter den Wolken von einem Rauch zum anderen, aber der schöne Qualm war überall von Essensdunst verdorben, der dem kleinen Drachen unangenehm in die Nase stach, der Geruch von Erbsensuppe oder Bohnensuppe oder Kartoffeln, der über den meisten Häusern stand, ebenso wie der Duft von Schweinebraten beim Fleischermeister und der Gänsebratenduft über dem Bürgermeisterhaus, Am besten gefiel es ihm über der Bäckerei. Da roch es ein wenig süß wie Honig und zugleich wunderschön brenzlig. Die Bäckersfrau schwatzte nämlich mit der Frau Schneidermeister vor der Haustür und hatte dabei das Essen anbrennen lassen. Plötzlich schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und stürzte ins Haus, und bald darauf begann es entsetzlich nach Rotkohl zu stinken, so dass Pirniplix schleunigst weiterflog. Schließlich schwebte er über der Schmiede, da roch es nur nach Rauch und sogar ein wenig nach Schwefel. Dann entdeckte er vor den Toren der Stadt viele bunte Flecken am Himmel. Im Schutz einer dicken weißen Wolke flog er hinüber. Als er näher herankam, sah er, dass es kleine Drachen waren, und als er immer näher kam, sah er, dass es ganz ungewöhnliche Drachen waren. Sie hatten viereckige oder sechseckige Köpfe und leuchteten in allen Farben und hatten lange Schwänze, die lustig flatterten, und lange Schnüre am Hals, die bis zur Erde reichten. Das ungewöhnlichste aber war, dass sie sich ganz friedlich benahmen und keine Anstalten machten, Pirniplix zu beißen oder gar Feuer zu spucken. So schwebte er bald mitten zwischen ihnen, breitete die Flügel aus, ließ sich mit den anderen im Winde treiben und war glücklich, dass er nicht mehr allein war. Als es aber dunkel zu werden begann, stieg ein Drachen nach dem anderen zum Boden hinab. Bald war Pirniplix allein mit einem rot-weiß gestreiften Drachen mit großen grünen Augen, Pirniplix versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber er erhielt keine Antwort, was er auch fragte, und schließlich ließ der andere sich einfach zu Boden gleiten. Pirniplix folgte ihm, da sah er, dass ein Junge den rot-weiß gestreiften Drachen an der Leine einzog. Dann nahm der Junge den Drachen unter den Arm und ging davon. Pirniplix spürte plötzlich, wie hungrig er war, und wollte sich gerade auf den Heimweg zu seiner Mühle machen, da hörte er ein Schluchzen. Es war ein kleiner Junge, der auf einem Stein saß und weinte. Der Drache schlich sich hinter den Büschen an ihn heran und guckte erst einmal, ob der Junge auch keine Kanone bei sich hatte. Er wußte zwar nicht genau, wie eine Kanone aussah, aber er dachte, wenn es so eine schreckliche Waffe war, dass man damit sogar einen dreiundzwanzigköpfigen Drachen töten konnte, dann würde er sie schon entdecken. Der Junge hatte aber nichts bei sich, was gefährlich aussah. Da hustete Pirniplix, aber der Junge rührte sich nicht. Pirniplix hustete noch einmal, aber der Junge rührte sich wieder nicht. Schließlich fragte Pirniplix ihn: "Warum weinst du?" "Weil ich keinen Drachen habe", sagte der Junge, sah aber immer noch nicht auf. "Dann spiel doch mit mir", sagte Pirniplix. "Ich will aber einen Drachen haben", sagte der Junge. "Ich bin doch ein Drache", sagte Pirniplix und stieß den Jungen mit der Nase an die Schulter. Da sah der Junge sich um, und als er Pirniplix erblickte, wäre er beinahe vom Stein gefallen. Er war so erschrocken, dass er nicht einmal davonlaufen konnte. "Beißt du auch nicht?" fragte er. "Nein", sagte Pirniplix und sah ihn aus seinen veilchenblauen Augen an, und als der Junge die zitronengelben Pünktchen in Pirniplixens Augen sah, war er gar nicht mehr so ängstlich. "Aber vielleicht spuckst du Feuer?" fragte er, "In den Märchen heißt es, dass Drachen Feuer spucken." "Ja, das stimmt", sagte Pirniplix, "aber ich kann kein Feuer spucken", und er atmete ein paarmal tief aus, damit der Junge sich überzeugen konnte, dass es nur warme Luft war. "Deshalb hat mich mein Vater auch aus dem Nest geworfen", sagte Pirniplix traurig. "Und wegen meiner veilchenblauen Augen. Und jetzt bin ich allein und suche jemanden, der mit mir spielt." "kannst du denn fliegen?" "Und ob", sagte Pirniplix. Er breitete die Flügel aus und schwang sich in die Lüfte, flog Kreise und Spiralen, ließ sich im Sturzflug hinabfallen und stieg steil wieder nach oben und machte alle Kunststücke, die er kannte. Der Junge klatschte ein über das andere Mal in die Hände und jubelte vor Freude. "Nun", fragte Pirniplix, als er ganz atemlos wieder gelandet war, "kann ich fliegen?" "Du bist der tollste Drache, den ich je gesehen habe", sagte der Junge. "Willst du mein Freund sein und mit mir spielen? Ich heiße Konrad und wohne in dem kleinen Haus an der Stadtmauer." "Und ich heiße Pirniplix und wohne in der ausgebrannten Mühle im Wald", sagte der kleine Drache. "Ja, ich will dein Freund sein und immer mit dir spielen." "Dann muß ich dir aber eine Schnur um den Hals binden", sagte Konrad, "sonst ist es kein richtiges Drachenspiel, und du mußt immer so fliegen, wie ich es will." Pirniplix versprach es ihm und ließ sich bereitwillig an die Leine nehmen, und sie spielten Drachen, bis es schon ganz dunkel wurde und der Mond aufging. Da zog Konrad so heftig an der Schnur, dass es Pirniplix fast zu Boden gerissen hätte. "Ich muß schnell nach Hause", sagte Konrad zu dem kleinen Drachen. "Die Großmutter wird schon schimpfen, dass ich so spät komme. Und üben muß ich auch noch. Ich lerne nämlich beim Kantor lesen und schreiben und rechnen." "Nimm mich doch mit", sagte Pirniplix. "Ich helfe dir. Ich kann bis sieben zählen." Da lachte Konrad. "Das wird nicht reichen. Wir rechnen schon bis hundert. Und was soll ich der Großmutter erzählen, wer du bist und woher ich dich habe? Das glaubt mir doch kein Mensch! Ein richtiger Drache, der sogar sprechen kann und einen Namen hat. Großmutter sagt, die Drachen sind längst ausgestorben." "Beinahe", sagte Pirniplix. "Viele gibt es nicht mehr, weil die Menschen uns Drachen gleich töten, sowie sie uns zu Gesicht bekommen. Deshalb leben wir jetzt auch mitten im tiefsten Wald an den großen Bergen. Doch ich habe keine Angst vor dir." Und er rieb seine Nase an Konrads Schulter. "Aber die Erwachsenen", sagte Konrad nachdenklich, "bestimmt werden sie dich töten." "Und wenn ich mich steif mache wie die anderen Drachen?" "Kannst du das denn?" Pirniplix machte sich ganz steif. "Ja", sagte Konrad, "so geht es. Du kommst mit mir und schläfst unter meinem Bett, und morgen gehen wir beide wieder hierher." Pirniplix nickte mit dem Kopf, und seine veilchenblauen Augen leuchteten. "Aber du wirst Hunger kriegen", sagte Konrad, "was machen wir dann? Was fressen kleine Drachen denn?" "Am liebsten Milch und Honig", antwortete Pirniplix. "Milch kannst du haben", sagte Konrad, "die Großmutter gibt mir jeden Tag zwei Glas Ziegenmilch, und dabei mag ich die gar nicht. Meine Milch will ich dir gerne geben, aber Honig haben wir nicht, wir sind arme Leute. Die Großmutter hat nicht viel Geld. Deshalb habe ich auch keinen Drachen." "Aber jetzt hast du doch einen", sagte Pirniplix. "Ja, das stimmt", sagte Konrad und lachte. "Komm, wir wollen nach Hause gehen." Er brachte den kleinen Drachen unbemerkt durch das Tor in die Stadt und auch in das Haus und versteckte ihn unter seinem Bett. Pirniplix mußte ihm noch einmal versprechen, artig zu sein und keinen Krach zu machen, und er lag tatsächlich mucksmäuschenstill in seinem Versteck, obwohl eine dicke Fliege sich dauernd auf seine Nase setzte und ihn kitzelte. Konrad versuchte, der Großmutter beim Abendbrot von dem kleinen Drachen zu erzählen, aber sie glaubte ihm nicht, außerdem war sie noch verärgert, weil er so spät nach Hause gekommen war. "Papperlapapp", sagte sie nur, "du sollst dir doch nicht immer solche Geschichten ausdenken. Am Ende werden dich noch alle Kinder auslachen. Einen richtigen Drachen, wo gibt es denn so was! " Als Konrad seine Brote aufgegessen hatte, nahm er sein Glas Milch und brachte es Pirniplix, und der trank es mit Wohlbehagen. "Es gefällt mir sehr gut bei dir", sagte er. "Aber du kannst doch nicht bei mir bleiben", sagte Konrad, "die Großmutter will mir nicht glauben. Sie ist richtig böse geworden, und wenn sie dich entdeckt, wird sie Krach schlagen." "Dann verstecke ich mich eben an der Wiese", sagte Pirniplix, "und du kommst, wenn du mit dem Unterricht fertig bist, und spielst mit mir." So verabredeten sie es. Sie warteten, bis die Großmutter ins Bett gegangen war und ihr tiefes Atmen verriet, dass sie schlief. Dann kroch Pirniplix unter Konrads Bett hervor und schlich sich hinaus. Dabei stieß er aber gegen den Stuhl, dass der mit lautem Krach umfiel. Die Großmutter schreckte hoch, und als sie den kleinen Drachen erblickte, kreischte sie laut auf und zog sich schnell die Bettdecke über die Ohren. "Warum schreist du, Großmutter?" fragte Konrad. "Vor meinem Bett steht ein leibhaftiger Drache", sagte die Großmutter. "Papperlapapp", sagte Konrad, "du hast geträumt. Ein richtiger Drache, wo gibt es denn so was! " und kroch schnell unter die Bettdecke, denn er konnte sich das Lachen nicht länger verkneifen. Pirniplix aber hatte sich inzwischen aus dem Haus geschlichen und setzte gerade zum Flug über die Stadtmauer an, als der Nachtwächter um die Ecke bog. Als er den kleinen Drachen erblickte, riß er sein Horn hoch und wollte lauthals lostuten, da sah Pirniplix ihn aus seinen veilchenblauen Augen an und sagte: "Guten Abend." Der Nachtwächter war so verdutzt, dass er mit offenem Mund zuschaute, wie Pirniplix davonflog. Dann machte er einen mächtigen Spektakel, dass die Leute aus ihren Häusern gestürzt kamen und aufgeregt fragten, wo es denn brenne. "Ich habe einen leibhaftigen Drachen gesehen", sagte der Nachtwächter, und als ihm niemand glauben wollte, fügte er noch hinzu: "... und er hat mir sogar einen guten Abend gewünscht." Da schüttelten alle den Kopf und dachten: Unser Nachtwächter wird auch schon recht alt und wunderlich. Ein richtiger Drache, wo gibt es denn so was! Pirniplix aber versteckte sich in dem Gebüsch an der Wiese und wartete, bis die Kinder kamen. Konrad kam erst spät am Nachmittag, denn er hatte zuvor noch der Großmutter im Haus geholfen. "Pirniplix, wo bist du?" fragte er leise. Der kleine Drache kroch aus seinem Versteck hervor, ließ sich von Konrad an die Leine nehmen und stieg in die Lüfte und machte die schönsten Kunststücke, und alle Kinder wunderten sich, woher der arme Konrad den schönen Drachen hatte, der so gut fliegen konnte wie kein anderer, sogar als der Wind sich legte und alle anderen Drachen zu Boden fielen. Konrad aber verriet es nicht, und er wartete immer, bis alle Kinder nach Hause gegangen waren, bevor er seinen Drachen herunterholte. Jeden Tag brachte er Pirniplix Milch und Brot und einmal sogar eine Honigschnitte, die hatte er von dem Sohn des Bäckermeisters für drei Murmeln eingetauscht, das einzige Spielzeug, das er besaß. Als aber Konrad sah, mit welcher Freude der kleine Drache in das Honigbrot biß, tat es ihm gar nicht mehr leid um die Murmeln. So verging der Herbst. Die beiden wurden dicke Freunde. Pirniplix erzählte Konrad alle Drachengeschichten, die er kannte, und wie es im Wald und bei den großen Felsen aussah, dafür lehrte Konrad ihn lesen und schreiben und brachte auch mal ein Buch oder eine alte Zeitung mit, damit Pirniplix nicht soviel Langeweile haben sollte, während Konrad beim Kantor war oder der Großmutter half. So wurde Pirniplix einer der klügsten Drachen, die es jemals auf der Welt gegeben hat. Eines Morgens wachte Pirniplix auf, weil er fror. Da sah er, dass es geschneit hatte. Sein heißer Atem hatte rings- um den Schnee aufgetaut, und er lag in einer großen Pfütze und war ganz naß geworden. An diesem Nachmittag kamen keine Kinder, und als Konrad endlich erschien, war er sehr traurig. "Ich kann jetzt nicht mehr kommen und mit dir Drachen spielen", sagte er, "es würde zu sehr auffallen. Außerdem würden dich die Erwachsenen bald entdecken", und er zeigte auf die Spuren, die Pirniplix im Schnee hinterlassen hatte. Pirniplix sah aber auch, dass Konrad gar jämmerlich zitterte vor Kälte, denn er hatte keine warmen Schuhe und nur eine dünne Strickjacke. "Ja, jetzt müssen wir wohl Abschied nehmen", sagte Pirniplix, und aus seinen veilchenblauen Augen rollten zwei große Tränen. Konrad legte die Arme um den kleinen Drachen und drückte ihn. "Geh schnell nach Hause, und setze dich an den warmen Ofen", sagte Pirniplix. "Vielleicht sehen wir uns im nächsten Frühjahr wieder." "Wir haben keinen warmen Ofen", sagte Konrad. "Wir sind zu arm, um Holz und Kohlen zu kaufen, und der Ofen wird nur zu Weihnachten geheizt." "Prima", sagte da Pirniplix. Konrad sah ihn ganz verwirrt an. Was sollte an einem kalten Ofen im Winter prima sein? "Ich werde in den Ofen kriechen", sagte Pirniplix. "Da ist es sicher ganz gemütlich für mich. Bestimmt riecht es schön nach Rauch. Und mit meinem Atem werde ich den Ofen wärmen, dann müßt ihr nicht mehr frieren." Der Vorschlag gefiel Konrad gut. Er wartete, bis die Großmutter am Abend zur Nachbarin gegangen war, dann holte er den kleinen Drachen und half ihm, sich in das Ofenloch zu zwängen. "Nun, wie ist es da drinnen?" fragte Konrad, als Pirniplix endlich ganz im Ofen steckte. "Ein wenig eng", sagte Pirniplix, "aber dafür riecht es sogar ein bißchen nach Schwefel." Als die Großmutter nach Hause kam und die warme Stube entdeckte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. "Ach, Junge", seufzte sie, "du weißt doch, dass wir zu arm sind, um jetzt schon den Ofen zu heizen." "Ich habe gar nicht geheizt", sagte Konrad und schmunzelte, "und trotzdem wird der Ofen jetzt alle Tage warm sein." Die Großmutter sah in das Ofenloch, und tatsächlich, sie konnte kein Feuer entdecken, nicht einmal ein winziges Stückchen Glut. "Was du dir immer für Streiche ausdenkst", stöhnte sie, "du hast doch nicht etwa zaubern gelernt?" Da erzählte ihr Konrad von Pirniplix und dass die Großmutter damals gar nicht geträumt, sondern wirklich und wahrhaftig einen richtigen Drachen gesehen hatte und dass sie beide die besten Freunde seien und Pirniplix versprochen habe, sich immer artig und ruhig zu verhalten. Und Pirniplix steckte seinen Kopf aus dem Ofenloch heraus, sah die Großmutter mit seinen veilchenblauen Augen an und sagte: "Das stimmt, und was ich verspreche, das halte ich auch, großes Ehrenwort." Als die Großmutter die veilchenblauen Augen mit den zitronengelben Pünktchen sah, konnte sie den beiden nicht böse sein und sagte: "Also gut, bleibe bei uns. Ein Glas Milch will ich dir jeden Tag geben. Du mußt ja eine Belohnung dafür erhalten, dass du unseren Ofen so gut heizt und wir nicht länger frieren müssen, und ein Stück Brot wird sich auch noch für dich finden, und zu Weihnachten sollst du Honigkuchen bekommen und eine ganze Schüssel voll angesengtem Korn." Da leuchteten die Augen des kleinen Drachen, und er atmete ein paarmal ganz tief; der Ofen wurde so warm, dass beinahe die Kacheln geplatzt wären. So blieb Pirniplix den ganzen Winter bei Konrad und seiner Großmutter. Die alte Frau schloß den kleinen Drachen bald in ihr Herz und erlaubte ihm, in der Stube zu sitzen und zu lesen. Nur wenn jemand zu Besuch kam, mußte er schnell in den Ofen kriechen. Und zum Heizen natürlich. Zu Weihnachten bekam Pirniplix einen großen Honigkuchen und eine Schüssel voll angesengtem Korn, und er sang so laut mit seiner krächzenden Stimme "O Tannenbaum, o Tannenbaum", dass die Großmutter schon Angst bekam, die Nachbarin würde etwas merken. So lebten sie glücklich und zufrieden miteinander, und alles wäre gut gewesen, wenn Pirniplix nicht wieder angefangen hätte zu wachsen. Ende Januar paßte er nicht mehr in den Ofen und zwei Wochen später kaum noch in die Stube. Da verabschiedeten sie sich schweren Herzens voneinander. Pirniplix weinte große Tränen und versprach, immer an Konrad und die Großmutter zu denken. Sie warteten, bis es ganz dunkel geworden war, damit niemand Pirniplix sehen konnte. Der Drache flog noch eine Runde über der Stadt und winkte mit den Flügeln, dann verschwand er in der dunklen Nacht, und Konrad und seine Großmutter haben ihn nie mehr zu Gesicht bekommen. So erfuhren sie auch nicht, dass Pirniplix zum Großdrachen gewählt worden war, und das, obwohl er nur einen Kopf hatte und veilchenblaue Augen mit zitronengelben Pünktchen und nicht einmal Feuer spucken konnte. Dafür konnte er lesen und schreiben und hatte so viel gesehen und erfahren, dass er der klügste Drache im ganzen Land war. Aber Konrad und seine Großmutter vergaßen den kleinen Drachen nicht. Sie sprachen oft von ihm, besonders an den langen Winterabenden, und wenn sie wieder einmal keine Kohle und kein Holz für den Ofen hatten, rückten sie ganz eng aneinander, wickelten sich in eine Decke und wärmten sich gegenseitig, und die Großmutter seufzte: "Ach, wenn doch Pirniplix noch bei uns wäre! ", und Konrad sagte: "Was aus ihm bloß geworden sein mag?" Als Konrad heiratete und einen Sohn bekam, nannte er ihn Pirniplix. Wenn jemand ihn fragte, warum er dem Kind einen so ausgefallenen Namen gegeben habe, zuckte er nur mit den Schultern und lachte, und die Großmutter machte ein ganz unschuldiges Gesicht, als könne sie es nicht verstehen. Und auch Konrads Frau tat, als wisse sie von nichts, dabei mußte Konrad ihr jeden Abend, wenn sie zu Bett gingen, eine der Drachengeschichten erzählen, die er von Pirniplix gehört hatte. |