Vor Internet, Online-Unterricht als Bildungsmitteln wird gewarntSchüler im Netz: Das Internet als pädagogische FalleVon Beruf ist Clifford Stoll Astronom. Aber seine Berufung ist der Kreuzzug gegen den bildungspolitischen "Internetwahn", gegen Online-Unterricht und die Computereuphorie im Klassenzimmer. Mit Verve attackiert Stoll in Vorträgen, Büchern und Interviews Medienpädagogen und Wirtschaftsfunktionäre, die das vernetzte, laptopbestückte Klassenzimmer als Tor zur Zukunft sehen. Sie alle, so Stolls Warnung, laufen einer Fata Morgana hinterher, in eine geistige Wüste, in der keine Zusammenhänge gelernt, sondern nur noch Informationshäppchen konsumiert werden. Längst ist Stoll über seine Heimatstadt San Francisco hinaus zum Idol der Antiinternetbewegung geworden. Daß er, wie in Hamburg, die Hörsäle der Universitäten mühelos füllt, liegt nicht nur an seinen Invektiven gegen den zwanghaften technologischen Optimismus, sondern auch an seinem slapstickhaften Auftritt: Wenn er wild gestikulierend durch den Saal läuft, um den digitalen Zug in die Zukunft zu parodieren, wenn er, wie Rumpelstilzchen im Kreis hüpfend, die Cyberspace-Enthusiasten verspottet, ist der Beifall des Auditoriums ihm sicher. Doch unter der komödiantischen Verpackung steckt mehr als wohlfeiler Kulturpessimismus: Wenn Stoll von seinen amerikanischen Erfahrungen berichtet, zeichnet er das Bild einer pädagogischen Landschaft, in der das Internet mittlerweile die meisten Schulen umspannt und die Inhalte und Methoden des Unterrichts zunehmend diktiert. Bildungspolitiker, Medienpädagogen, Eltern, die um die Berufschancen ihrer Kinder bangen, und Sponsoren der Computerindustrie im altruistischen Gewand bilden eine Allianz, die die Schüler "fit für die Zukunft" machen will. Immer häufiger wird Geld, das früher für Lehrer oder die Anschaffung von Büchern aufgewendet wurde, in Computer und Internetanschlüsse, in Software und Wartungsarbeiten und Gehälter für Systemexperten gesteckt, Bibliotheken, Musikzimmer, Chemielabors werden in Computerräume umgewandelt. An die Stelle des Experiments mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern tritt die Simulation auf dem Bildschirm. Das gedanklich durchgearbeitete Referat weicht flotten Montagen von oberflächlichen Informationen aus dem Internet, und die lebendige Kommunikation mit dem Lehrer und den Mitschülern den multimedialen "Interaktionen" vorgestanzter Lernprogramme. Daß die Realität etwas fundamental anderes ist als ihre Simulation und deshalb der Bildschirm auch kein Ersatz sein kann, diese elementare Einsicht sieht Stoll zunehmend schwinden. Wenn Online-Pädagogen die ohnehin schon computerbegeisterten Schüler an den Computer "heranführen" wollen, stellen sie die eigentliche Aufgabe der Schule auf den Kopf: Nötig wäre es vielmehr, Kinder davor zu bewahren, sich von der bunten Welt des Cyberspace völlig vereinnahmen zu lassen. Ginge es nur um die vielbeschworene "Computeralphabetisierung" - die Einübung von Textverarbeitung, E-Mail und Internetfunktionen -, sie ließe sich in wenigen Tagen beibringen. Doch hinter der virtuellen Schule steckt weit mehr. Wirtschaftliche Interessen und politische Bildungsvisionen gehen Hand in Hand mit der didaktischen Utopie vom mühelosen Lernen. Die Animationen der Unterrichtsprogramme sollen die geistigen Anstrengungen, welche mathematische Operationen, das Üben von Fremdsprachen oder naturwissenschaftliches Begreifen mit sich bringen, in reinen Spaß auflösen. In diesem digitalen "Edutainment" sieht Stoll die entscheidende pädagogische Illusion. Sie vernebele den Blick dafür, daß echtes Lernen ohne Anstrengung nicht zu haben ist, daß sein Lohn nicht in kurzfristigen Reizen, sondern in dauerhaftem Verstehen liegt. Daß Stoll hier als Gewährsmann Rudolf Steiner zitiert, kommt nicht von ungefähr: Seine eigenen Kinder gehen auf die Waldorfschule in San Francisco. Die Online-Euphorie ist in Deutschland zwar gedämpfter als in den Vereinigten Staaten. Doch auch hier gilt mittlerweile als bildungspolitisches Dogma, daß der Verzicht auf das Internet in der Schule den "Standort Deutschland" zum Entwicklungsland herabstufen würde. Mit "Laptop-Initiativen" und "Schule ans Netz"-Aktionen schreitet das Bundesbildungsministerium, tatkräftig von der Computer- und Telekommunikationsindustrie unterstützt, bei der Verkabelung der Schulen immer weiter voran. Längst hat die Online-Pädagogik um sich herum eine wuchernde Infrastruktur aus Fortbildungseinrichtungen, Koordinationsstellen, Bildungsservern, Programmevaluatoren und Internetbeauftragten hervorgebracht. Wie stark die Absorptionskräfte der digitalen Selbstreferenz sein können, bekommen auch Lehrer und Schüler zu spüren: Bevor sie in ihrem Internetprojekt zur Geschichte der Welfen oder zur Ökologie des Waldes inhaltlich arbeiten können, müssen sie Formatierungsprobleme lösen, sich in Grafikprogramme einarbeiten und beschädigte Monitore reparieren lassen. Häufig steht solcher Aufwand - das zeigen Projektberichte - in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag. Und die vielbeschworene Interaktion per E-Mail mit anderen Schulen verläuft oft genug im Sande. So gesehen ist Stolls Fundamentalkritik durchaus zu bedenken, auch wenn sie manchmal von der Oberflächlichkeit ist, gegen die sie sich eigentlich richtet. Ihre Glaubwürdigkeit bezieht sie nicht zuletzt aus Stolls eigener Biographie, die es verbietet, ihn als verbohrten Maschinenstürmer abzutun: Stoll selbst gehört zu den Pionieren, die einst das Internet aufgebaut haben. In den achtziger Jahren erwarb er sich weit über die Computergemeinde hinaus den Ruf eines Philip Marlowe im Internet: Damals gelang es ihm als Systemanalytiker in Berkeley, einen deutschen Hackerring aufzuspüren, der die Datenbestände des amerikanischen Militärs für den KGB ausspionierte. Glaubhaft klingt Stolls Versicherung, er liebe Computer, nur nicht deren Idolisierung. Gegen sie polemisiert er mit scharfsinnigen Argumenten, aber auch mit Binsenweisheiten, die sonst niemand auszusprechen wagt. Wolfgang Krischke Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2001, Nr. 77 / Seite 41 |