15. November 2001 S C H W E I Z


Auf dem Weg zur Freiheit


Die Schweiz unterstützt Menschenrechtsprojekte in Russland

von Veronika Wengert


Die Schweizer Organisation "Liberty Roads" kämpft für die Einhaltung der Menschenrechte und unterstützt ihre Partner in Russland tatkräftig. Die Früchte der jahrelangen Zusammenarbeit werden nun schwarz auf weiß präsentiert: Die englischsprachige Broschüre "Human Rights" (Menschenrechte) stellt über 80 Projekte in der Russischen Föderation vor.

    "Der Schutz der Menschenrechte ist einer der wichtigsten Kurse der Schweizer Außenpolitik und nimmt in der Zusammenarbeit mit Russland einen vorrangigen Platz ein", erklärt Walter Fetscherin, Botschafter der Eidgenossenschaft in Moskau. Die Rechte des Einzelnen sollten in der Praxis geachtet werden und nicht nur in internationalen Menschenrechtsstatuten und russischen Gesetzen verankert bleiben: "Um das zu erreichen, unterstützen wir eine ganze Reihe nichtstaatlicher Organisationen", so der Botschafter vor Journalisten in Moskau.

Diese Gruppen sollen bei der Gesetzgebung aktiver mitwirken und als Lobby in politischen Parteien bei wichtigen Entscheidungen mitreden können. "Liberty Roads" möchte die russische Gesellschaft für Fragen der Menschenrechtsproblematik sensibilisieren, dazu soll das Thema in den Massenmedien verstärkt in den Mittelpunkt rücken. Rund 2,5 Millionen US-Dollar wurden in den vergangenen acht Jahren aus Schweizer Mitteln auf die Konten der russischen Projektpartner überwiesen. Die Vereinigung "Liberty Roads", die vor zehn Jahren in Genf gegründet wurde, bekam zunächst auch finanzielle Hilfe von den UN, dem Europarat und der Europäischen Union. Doch seit 1994 fließen öffentliche Gelder nur noch aus Bern.

Zu Beginn der Zusammenarbeit mit russischen Initiativen wurden ausschließlich Partner berücksichtigt, die landesweit bekannt waren. Ab 1998 wurden auch regionale Vereinigungen in Südrussland und der Republik Baschkortostan von einem gemeinsamen Schweizer-Russischen Komitee ausgewählt. So hat sich auch die Journalistenvereinigung "Aksinija" im südrussischen Nowotscherkassk um Unterstützung beworben. Sie setzt sich für die Rechte der Jüngsten in der Gesellschaft ein: Hervorgegangen ist das Projekt aus einer Frauengruppe mit 16 Mitgliedern, die sich zunächst mit der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft beschäftigt hat. "Die meisten Mitglieder sind selbst Mütter, so entstand die Idee, breite Schichten der Gesellschaft auf die Rechte der Kinder aufmerksam zu machen", berichtet Irina Madar, Vorsitzende der örtlichen Journalistenvereinigung.

Die aktiven Redakteurinnen haben das Thema Menschenrechte auf den Stundenplänen durchgesetzt, um Kinder aufzuklären, was sie sich keinesfalls gefallen lassen müssen. Dazu haben sie in Seminaren Pädagogen von fast allen 30 Schulen im Stadtgebiet über grundlegende Menschenrechte informiert. "Es war schwer, die Kinder zu überzeugen, dass den Lehrern ihre Probleme wichtig sind", erzählt Madar. Vor kurzem hat die Vereinigung das moderne Menschenrechts-Märchen "Die Abenteuer des kleinen Mannes" aufgeführt, in der örtlichen Zeitung erscheint wöchentlich die Beilage "Kleiner Mensch" zum Thema Kinderrechte, und der Journalistenverband hat sich zur regionalen Anlaufstelle für Fragen entwickelt.

In Noworossijsk, in der Region Krasnodar, wurde die "Schule des Friedens" gegründet, die sich für die Rechte von verwahrlosten Kindern einsetzt. "Wir bekommen monatlich bis zu 400 Anfragen von Kindern und Eltern über unser kostenloses Vertrauenstelefon", berichtet Geschäftsführer Wadim Karasteljow. Die Organisation hilft den ärmsten Familien mit humanitärer Hilfe, vertritt Minderheiten vor Gericht, bietet juristische Beratung und dokumentiert die Vorgeschichte der Straßenkinder zu prophylaktischen Forschungszwecken. In Moskau wurde 1999 das Stalker-Festival unterstützt, der erste Film-Marathon in Russland mit Schwerpunkt Menschenrechte, der Situation von Flüchtlingen und Kriegsthemen.

Die Organisation Memorial, die sich mit den Repressionen des Sowjetregimes und der heutigen Menschenrechtssituation in Russland beschäftigt, gibt mit Schweizer Hilfe die Publikationsreihe "Swenja" heraus. Seit 1998 wurden Dutzende Bücher über den stalinistischen Terror und den Krieg in Tschetschenien publiziert.

"Liberty Roads" möchte künftig den Weg frei machen für eine intensivere Zusammenarbeit aller nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisationen, die zu einem gut funktionierenden Netzwerk verknüpft werden sollen.