Hundertwasser wird 70. Sein Leben als Chagall fürs Volk.vom Hotel bis zur Müllverbrennungs-
Dienstag wird Friedensreich Hundertwasser, österreichischer Maler und
Architekt, 70 Jahre alt. Obwohl ihn manche nur als "Hübschler" belächeln, ist
seine Kunst auf allen fünf Kontinenten erfolgreich. Es regnet hier sehr stark, und der Wind reißt den Leuten die Dächer weg. Im
Hafen müssen wir aufpassen, daß die Boote sich nicht losreißen.
Ich wohne in einem umgebauten Schweinestall. Dann gibt es noch einen
Rinderstall, bei dem ich die Wände durch Flaschen ersetzt habe. Beide Häuser
haben ein Grasdach. Um 7 stehe ich auf, frühstücke und gehe dann auf meinem Boot arbeiten. Zur
Zeit entwerfe ich Baupläne für ein Sludge- Ich habe Nachbarn und Freunde, die mich von Zeit zu Zeit besuchen und mir
helfen. Aber ich bin kein Arbeitstier und auch ganz gern allein. Es gibt Tage,
da sitze ich einfach nur unter einem Baum und denke nach. Meine Familie lebt
nicht bei mir. Das Problem haben viele Künstler: Entweder man ist ein guter
Familienvater oder ein guter Künstler. Es ist schwer, beides zu
verbinden.
Eine ökologische Anlage zur Verwertung von Industrie- Nein, bei meiner Art von Architektur hätte ich mit einem klassischen Studium
wenig anfangen können. Die moderne Architektur versklavt den Menschen mit ihrem
technokratischen Irrglauben. Weltweit herrscht das gleiche System, man kann ihm
nicht mehr entrinnen. Die Leute sind angewiesen auf Gas, Strom,
Telekommunikation und sind unfähig geworden, in der Natur zu überleben. Deswegen
baue ich organische, lebendige Architektur, um diesen Wahn
aufzuhalten.
Für Kinder wird der Krieg schnell Alltag, die Situation gewinnt eine gewisse
Normalität. Für mich war das als Kind ein großes Abenteuer. Erst wenn man
erwachsen wird und daran zurückdenkt, wird einem bewußt, welche Grausamkeiten
passiert sind. Ich habe damals meine Verwandten gezählt, die in die
Konzentrationslager abtransportiert wurden. Irgendwo bei 68 habe ich aufgehört
zu zählen. Meine Mutter und ich überlebten, weil erst die jüdischen Familien
abtransportiert wurden, dann kamen die Mischehen dran, und der Krieg war
vorüber, bevor die Reihe an uns war. Ich habe schon mit 15 angefangen zu malen, vor allem Tiere und Pflanzen.
Schon damals kapierte ich, daß die Natur eine Botschaft für uns hat, aber sie
ist ein Buch mit sieben Siegeln. Die Menschen folgen dem System Gier, es geht
nur noch darum, wer schneller an noch mehr Geld kommt, die Natur ist dabei
vollkommen ins Hintertreffen geraten. Ja, sicherlich. Ich glaube an eine höhere Ordnung, daß alles seinen Sinn und
Platz hat im Universum. Wird der Mensch z.B. begraben, dann wächst auf dem Grab
ein Baum. Dieser Baum nimmt Teile des Menschen in sich auf. Der Tod und die
Wiederauferstehung sind sozusagen ein Recycling, ein Kreislauf der Dinge. Man
sollte einfach leben und die wunderbaren Auswirkungen und Manifestationen der
Natur schätzen und bewahren. Zufrieden gehen ist nicht einfach, obwohl ich keine Angst habe. Ich fühle
mich der Menschheit gegenüber verantwortlich, möchte noch möglichst viel unter
Beweis stellen und vorleben. Obwohl das Leben in der Natur nicht einfach ist -
wenn ich nur an die Probleme denke, die wir mit der Humustoilette
hatten. Ich werde aufs Meer hinausfahren und bleibe eine Woche in irgendeiner Inselbucht, komme erst nach dem Geburtstag zurück. Ich hasse Ehrungen. Wenn man mich ehren will, soll man in die Realität umsetzen, wofür ich mein Lebtag gekämpft habe. Quelle: BZ auf Draht, Dezember 1998 |