Hundertwasser wird 70. Sein Leben als Chagall fürs Volk.

Alles, was er unter die Hände kriegt, verhübscht er -
vom Hotel bis zur Müllverbrennungs-Anlage

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Hundertwasser mit Lebensgefährtin Andrea und Sohn Johannes
Foto: contrast

Dienstag wird Friedensreich Hundertwasser, österreichischer Maler und Architekt, 70 Jahre alt. Obwohl ihn manche nur als "Hübschler" belächeln, ist seine Kunst auf allen fünf Kontinenten erfolgreich. -Mitarbeiter Milos Wimhöfer telefonierte mit dem medienscheuen Künstler in Neuseeland, als über dessen Haus gerade ein Orkan hinwegfegte.

Können Sie mich verstehen?

Es regnet hier sehr stark, und der Wind reißt den Leuten die Dächer weg. Im Hafen müssen wir aufpassen, daß die Boote sich nicht losreißen.

Sie verbringen die Hälfte des Jahres in Neuseeland. Wie leben Sie dort unten?

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Friedensreich Hundertwasser öffnet die Schleuse zum Mühlrad auf seinem Grundstück in Neuseeland. Der Künstler lebt in einem umgebauten Schweinestall und verbringt seinen Geburtstag auf hoher See.
Foto: Radax

Ich wohne in einem umgebauten Schweinestall. Dann gibt es noch einen Rinderstall, bei dem ich die Wände durch Flaschen ersetzt habe. Beide Häuser haben ein Grasdach.

Wie verbringen Sie Ihren Tag?

Um 7 stehe ich auf, frühstücke und gehe dann auf meinem Boot arbeiten. Zur Zeit entwerfe ich Baupläne für ein Sludge-Center in Osaka. Außerdem male ich natürlich. Ich bin wie eine Biene, die daraus ihren Nektar zieht. Wenn ich nicht malen könnte, das wäre schrecklich.

Leben Sie allein in Neuseeland?

Ich habe Nachbarn und Freunde, die mich von Zeit zu Zeit besuchen und mir helfen. Aber ich bin kein Arbeitstier und auch ganz gern allein. Es gibt Tage, da sitze ich einfach nur unter einem Baum und denke nach. Meine Familie lebt nicht bei mir. Das Problem haben viele Künstler: Entweder man ist ein guter Familienvater oder ein guter Künstler. Es ist schwer, beides zu verbinden.

Was genau ist das Sludge-Center, das Sie in Osaka bauen?

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Das Hundertwasser-Haus in Wien, seit 1986 ein Anziehungspunkt für Touristen.
Foto: Xamax

Eine ökologische Anlage zur Verwertung von Industrie- und Haushaltsschlamm. Ich wurde von der Stadt Osaka gebeten, diese Anlage zu verschönern. Auch Industriebauten müssen menschenwürdiger werden. Diese Anlage wird am Schluß wie ein Märchenschloß aussehen.

Sie sind als Architekt fast so bekannt wie als Maler, haben kürzlich ein Hotel in der Steiermark gebaut. Hätten Sie gern Architektur studiert?

Nein, bei meiner Art von Architektur hätte ich mit einem klassischen Studium wenig anfangen können. Die moderne Architektur versklavt den Menschen mit ihrem technokratischen Irrglauben. Weltweit herrscht das gleiche System, man kann ihm nicht mehr entrinnen. Die Leute sind angewiesen auf Gas, Strom, Telekommunikation und sind unfähig geworden, in der Natur zu überleben. Deswegen baue ich organische, lebendige Architektur, um diesen Wahn aufzuhalten.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde ein großer Teil Ihrer Familie im KZ umgebracht. Wie haben Sie selbst den Krieg überlebt?

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Die Müllverbrennungsanlage Spitelau in Wien

Für Kinder wird der Krieg schnell Alltag, die Situation gewinnt eine gewisse Normalität. Für mich war das als Kind ein großes Abenteuer. Erst wenn man erwachsen wird und daran zurückdenkt, wird einem bewußt, welche Grausamkeiten passiert sind. Ich habe damals meine Verwandten gezählt, die in die Konzentrationslager abtransportiert wurden. Irgendwo bei 68 habe ich aufgehört zu zählen. Meine Mutter und ich überlebten, weil erst die jüdischen Familien abtransportiert wurden, dann kamen die Mischehen dran, und der Krieg war vorüber, bevor die Reihe an uns war.

Haben Sie damals schon gezeichnet?

Ich habe schon mit 15 angefangen zu malen, vor allem Tiere und Pflanzen. Schon damals kapierte ich, daß die Natur eine Botschaft für uns hat, aber sie ist ein Buch mit sieben Siegeln. Die Menschen folgen dem System Gier, es geht nur noch darum, wer schneller an noch mehr Geld kommt, die Natur ist dabei vollkommen ins Hintertreffen geraten.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Ja, sicherlich. Ich glaube an eine höhere Ordnung, daß alles seinen Sinn und Platz hat im Universum. Wird der Mensch z.B. begraben, dann wächst auf dem Grab ein Baum. Dieser Baum nimmt Teile des Menschen in sich auf. Der Tod und die Wiederauferstehung sind sozusagen ein Recycling, ein Kreislauf der Dinge. Man sollte einfach leben und die wunderbaren Auswirkungen und Manifestationen der Natur schätzen und bewahren.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Wie alt möchten Sie noch werden?

Zufrieden gehen ist nicht einfach, obwohl ich keine Angst habe. Ich fühle mich der Menschheit gegenüber verantwortlich, möchte noch möglichst viel unter Beweis stellen und vorleben. Obwohl das Leben in der Natur nicht einfach ist - wenn ich nur an die Probleme denke, die wir mit der Humustoilette hatten.

Wie wollen Sie Ihren Geburtstag feiern?

Ich werde aufs Meer hinausfahren und bleibe eine Woche in irgendeiner Inselbucht, komme erst nach dem Geburtstag zurück. Ich hasse Ehrungen. Wenn man mich ehren will, soll man in die Realität umsetzen, wofür ich mein Lebtag gekämpft habe.

Quelle: BZ auf Draht, Dezember 1998