Russisch im "Europäischen Jahr der Sprachen"

Gegenwärtig kann Russisch je nach vorliegenden Bedingungen an vielen Schulen der Bundesrepublik Deutschland als zweites, drittes oder auch viertes Fremdsprachenfach gewählt werden. An manchen schulischen Bildungseinrichtungen ist auch der Besuch einer Russisch-Arbeitsgemeinschaft möglich. Insgesamt lernen so etwa 170 000 Schülerinnen und Schüler an unterschiedlichen Schultypen Russisch als Fremdsprache. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl der Stadt Regensburg.

Verantwortungsbewusste Russischlehrer unterbreiten ihren Schülern gezielt Angebote, die den Russischunterricht attraktiver machen; sie zeigen vor allem Nahperspektiven der Anwendung des Russischen auf, um das Wahlverhalten der Schüler zugunsten des Faches zu beeinflussen.

Motivierend kann beispielsweise die Vorbereitung und die erfolgreiche Teilnahme an einer Zertifikatsprüfung Russisch sein. Mit dem Erlass (Nr. 1887) vom 9.7.1998 macht die russische Regierung die Zertifizierung einer erworbenen Kompetenzstufe in der russischen Sprache für ausländische Bürger möglich. Ein entsprechendes, weltweit gültiges Testsystem wurde unter Leitung des Testzentrums beim russischen Bildungsministerium entwickelt (Bild 1).

Testsystem Urkunde des russischen Bildungsministeriums
Bild 1 Bild 2


Erstmalig werden nun 2001 unter Trägerschaft unterschiedlicher Organisationen und Einrichtungen auch in Deutschland Tests nach diesem System durchgeführt. So organisiert der Deutsche Russischlehrerverband in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium der Russischen Föderation im Herbst bundesweit Zertifikats-Prüfungen. Erfolgreiche Teilnahme an den Prüfungen wird mit einer Urkunde des russischen Bildungsministeriums bescheinigt (Bild 2)

Die Prüfungen sind insbesondere für die Schüler ein Angebot, die Russisch ohne Note abschließen bzw. über eine solch hohe Sprachkompetenz verfügen, die nicht durch eine schulische Prüfung nachgewiesen werden kann. Darüber hinaus ist die Teilnahme an dieser Prüfung wegen ihrer staatlichen Anerkennung in Russland generell für Russischlernende überlegenswert. Übrigens: Auf diese Weise können Schüler nunmehr eine ähnliche Zusatzqualifikation anstreben, wie sie für andere Schulfremdsprachen (z. B. Englisch - APIEL, Französisch - DALF, DELF) bereits seit einiger Zeit erworben werden kann.

Ganz andere motivationale Wirkungen kann der Einsatz eines Sprachenportfolios hervorrufen. Das im Auftrage des Europarats entwickelte Portfolio der Sprachen mit seinen Teilen Sprachen-Pass, Sprachen-Biographie und Dossier ist ein persönlicher Nachweis, in dem Schüler vielfältige Aktivitäten zum Fremdsprachenlernen, Lernergebnisse und Lernprodukte festhalten und zwar so, dass sie europaweit verstanden und akzeptiert werden können. Damit erhält Fremdsprachenlernen für Schüler deutlicher eine europäische Dimension (Bilder 3 und 4).

Sprachen-Biografie Sprachen-Biografie
Bild 3 Bild 4
Bild 3 und 4 mit freundlicher Genehmigung des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung Soest


Eingesetzt auch im Russischunterricht trägt das Sprachenportfolio dazu bei, Fortschritte beim Aneignen der russischen Sprache zu dokumentieren und damit ins eigene Bewusstsein zu rücken.

Persönliche Bekanntschaften mit Russen und mit Russland sind meist nicht nur die beste Sprachschule, sie haben vor allem motivsetzende Kraft mit "Langzeitwirkung". An zahlreichen Schulen der Bundesrepublik hat der häufig vom Russischlehrer organisierte Schüleraustausch bereits langjährige Tradition, wie beispielsweise der zwischen dem Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium in Münster und dem Gymnasium Nr. 7 in Wolgograd. (Vgl. auch http://www.muenster.org/schlaun/)

Schuelergruppe Kreml Seit einigen Jahren ist auch ein Aufenthalt im ehemaligen Pionierlager "Artek" auf der Krim für alle Schüler möglich! Auf der offiziellen Internetseite des Internationalen Zentrums für Kinder in Artek kann man sich entsprechend informieren. (http://www.artek.org/ - Mein Tipp: Die Seite bietet Material für mehrere Russischstunden!) Außerdem sind bei Interesse die Kolleginnen des Thüringer Russischlehrerverbandes sicher gern bereit, ihre Artek-Erfahrungen weiterzugeben ...

Zum Schüleraustausch wird auf dem VIII. Deutschen Slavistentag, der vom 30.9. bis 3.10.2001 in Potsdam stattfindet, eine Posterveranstaltung angeboten. Russischlehrkräfte werden dort ihre Erfahrungen zu Schulpartnerschaften öffentlich machen. (http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/index.htm)

Zeitungsausschnitt


Mit dem Einzug moderner Medien in den Russischunterricht verkürzt sich der Weg nach Russland erheblich. Lebensnähe des Unterrichts hat ein neues Gesicht. Hier liegt gleichzeitig eine weitere Chance für Motivation: Auch über das Nutzen neuer Medien kann Interesse an der Beschäftigung mit der russischen Sprache erwachsen! Die vielen, von Schülern gestalteten und gut sortierten Internetseiten mit unterschiedlichen Links nach Russland zeugen davon. (Beispiel: http://www.peraugym.at/links/russisch.htm)

Die Position des Schülers, die er zum Erlernen der russischen Sprache einnimmt, wird auch dadurch beeinflusst, dass er über den Russischunterricht Bekanntschaft macht mit unterschiedlichen Menschen, die das Erlernen der russischen Sprache fördern und Kontakte zu Russland knüpfen. In erster Linie sind hier die Sprachenverbände mit ihren Angeboten für Schüler zu nennen, so richtet der Deutsche Russischlehrerverband mit seinen einzelnen Landesverbänden die Russisch-Olympiaden aus, der Fachverband Moderne Fremdsprachen organisiert den bundesweiten Fremdsprachenwettbewerb. Noch zu wenig ist die 1994 gegründete Stiftung West-Östliche Begegnungen bekannt, die allein 1600 Projekte zur Kontaktpflege stützt, darunter natürlich solche zu Russland. Über das weit gespannte Netz von Organisationen, Verbänden und Vereinen, die mit Russland Verbindungen unterschiedlichster Art geknüpft haben, kann man sich am besten unter http://bdwo.de informieren. Sicher lassen sich dabei Ansprechpartner ganz in der Nähe ausmachen ...

Ausschnitt der Liste von Städtepartnerschaften - http://www.deutsch-russisches-forum.de/listerus.htm

Partnerstädte in Russland Partnerstädte in Deutschland
Archangelsk Emden
Bagrationowsk Verden (Aller)
Baltijsk Eckernförde
Belgorod Herne
Borisoglebsk Delmenhorst
Darchan Zeitz
Dmitrow Rems-Murr-Kreis
Dzerschinsk Bitterfeld


So attraktiv der Russischunterricht im konkreten Fall auch sein mag - all die phantasiereichen Bemühungen des Russischlehrers müssen einhergehen mit einer spürbar größeren Akzeptanz des Russischen.

In Beratergremien zur Umgestaltung des Fremdsprachenunterrichts dürfen Russischlehrer nicht fehlen! Ein Europa, das mit Riesenschritten aufeinander zugeht, braucht Spezialisten für slawische Sprachen. Einer Misere fehlender Fachkräfte - uns vom Computerbereich in deutlicher Erinnerung - kann jetzt noch durch kluge, weitsichtige Fremdsprachenpolitik vorgebeugt werden. Das Europäische Jahr der Sprachen 2001 sollte uns Anlass sein, darüber nachzudenken, wie ernsthaft in Deutschland die sprachlichen Voraussetzungen für ein sich veränderndes Europa geschaffen werden.

Hochschuldozentin Dr. paed. habil. Christine Heyer
Institut für fremdsprachliche Philologien, Fachdidaktik Russisch
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Kontakt: Christine.Heyer@GSE-W.Uni-Magdeburg.DE


PS: Pflegen Sie den Dialog. Die Neubearbeitung unseres Russisch-Lehrwerkes Dialog 1 vermittelt in 12 Lektionen mit der Sprache auch Kultur, Geschichte und Alltagsleben durch neue Texte, Fotos und Illustrationen. Dialog 2 erscheint 2002.