Eine große Ersatzfamilie

MDZ 16.11.2001

Waisen bekommen im Kinderheim eine neue Chance
Text: Inna Pertijs-Stranzowa, Bild: Valentina Borodina


    Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte 1998 einen erschreckenden Bericht über die Verwahrlosung in staatlichen russischen Waisenhäusern. Im selben Jahr ergriff Valentina Borodina, Ehefrau des ehemaligen Kreml-Verwaltungschefs Pawel Borodin, die Initiative: Sie gründete das erste private Waisenhaus in Russland. Heute schreibt die Einrichtung schwarze Zahlen und lebt ausschließlich von Sponsoren – und das nicht schlecht. Das Kinderheim unterscheidet sich deutlich von staatlichen Einrichtungen dieser Art: Hier können die Kinder in den Computerräumen den richtigen Umgang mit der Maus üben, sich in einer modernen Turnhalle austoben oder sich Theateraufführungen auf der Bühne des Gemeinschaftszentrums ansehen. Im ganzen Haus schmücken fröhliche bunte Bilder, selbstgebastelte Kollagen aus Pflanzen und lustige Fotos die Wände.

Hier lernen und leben 48 Kinder nach dem Vorbild des österreichischen „SOS-Kinderdorfes“. Diesem liegt die Idee zugrunde, dass mehrere Waisen gemeinsam mit einer Aufsichtsperson in kleinen Bungalows leben, wie in einer Dorfgemeinschaft. „Wir haben hier nicht genug Geld, um diese Idee zu verwirklichen, so leben bei uns alle so genannten Familien in einem einzigen Gebäude“, so Borodina. Jeweils acht Waisen teilen eines der sechs Appartements gemeinsam mit einer Pflegemutter. Diese hat ihre eigenen vier Wände, während die Kinder zu zweit in einem Zimmer untergebracht sind. Die Ersatzmütter leben rund um die Uhr dort und haben einen Tag pro Woche frei.

„Ich habe früher selbst in einem staatlichen Waisenhaus gearbeitet, 15 Jahre ist das her“, sagt Valentina Borodina. Die ausgebildete Anwältin dachte bereits damals an die Gründung eines Waisenhauses, das mit fortschrittlicheren Erziehungsmethoden arbeitet. Jedes Jahr wächst die Zahl der sozialen Waisen in Russland um 100 000: Das sind Kinder, die von ihren Eltern aus verschiedenen Gründen vernächlässigt werden. Rund 95 Prozent dieser sozialen Waisenkinder wurden von ihren Erziehungsberechtigten fallen gelassen, da diese meist mit Alkohol- oder Drogenproblemen kämpften oder bettelarm waren. Oft wurde ihnen auch das Sorgerecht gerichtlich entzogen.

Das Waisenhaus ist in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht, das über zwei Jahre leer stand. Nachdem Borodina das Gebäude gekauft hatte, ließ sie es komplett sanieren, stattete es mit erstklassigen Möbeln aus und ließ ein drittes Stockwerk bauen. Das kleine Fußballfeld wurde geebnet und der Spielplatz modernisiert. Die Appartements sind alle mit Fernseher, Stereoanlage und Videorecorder ausgestattet und haben ein Bad, eine kleine Küche und ein Wohnzimmer. „Wir geben den Kindern diesen Lebensstandard, damit sie später wissen, wofür es sich lohnt, zu arbeiten. Das soll ein Anreiz sein.“

Die dreizehnjährige Lena lebt bereits seit einigen Jahren hier und strahlt zufrieden. Ab und zu kommen ihre Mutter und ihr Vater, um sie zu sehen. Das ist sonst unüblich. „Die meisten Kinder bekommen keinen Besuch, selbst wenn ihre Eltern noch am Leben sind“, so Borodina. „Ich lebe hier wie in einer großen Familie“, sagt das Mädchen, während sie in einer Ecke sitzt und strickt. Borodina legt großen Wert auf den Familienaspekt: „Bei uns leben auch zwei Brüder und eine Schwester, wir versuchen die Geschwister, nicht zu trennen.“ Lenas Pflegemutter Ljubow Wladimirowna ist gelernte Kindergärtnerin und hat selbst einen bereits erwachsenen Sohn. An ihren freien Tagen besucht sie ihn oder er kommt vorbei: „Ich liebe Kinder, und meine Arbeit ist zugleich mein Privatleben“, so die Erzieherin, die auch einige Jahre in einem staatlichen Waisenhaus gearbeitet hat. „Die Bedingungen hier sind gut, und die Leute arbeiten mit professionellen Methoden. Hier sind wir mehr Mitarbeiter und geben den Kindern das Gefühl der Geborgenheit, fast wie in einer richtigen Familie“, so die Pflegemutter. „Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging es mit den staatlichen Kinderheimen bergab, weil an allen Enden Geld fehlt“, so Ljubow Wladimirowna.

Die achtjährige Tanja zeigt stolz auf die Wände ihres Zimmers, die sie mit Postern ihres Lieblingspopstars Alsu tapeziert hat. Valentina Borodina arrangierte voriges Jahr im September einen Auftritt der Sängerin im Waisenhaus. „Alsu ist eine Freundin von mir, und so habe ich sie angerufen, hier vor den Kindern zu singen. Dmitrij Malikow und Christina Orbakajte waren ebenfalls auf unserer Bühne“, erzählt Borodina. Bridget ist das einzige farbige Kind in der Gruppe und mag die Popsängerin nicht so sehr: „Ich höre lieber klassische Musik“, so die Elfjährige. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren gestorben, und das Mädchen ist seit 1998 hier zu Hause.

Die Zukunft sieht Valentina Borodina rosig: „Wir bauen gerade unser zweites privates Waisenhaus, das noch besser als dieses wird. Wir sprühen nur so vor Ideen und denken, dass die Zukunft einfach besser werden muss.“