Projekt Phoenix - Neuer Halt für ehemalige Straßenkinder

23.04.2003, von Karsten Packeiser, Moskau, www.aktuell.RU



    Sergej wurde auf einer Bahnstation namens Elektrougli geboren. Andrej hat sich irgendwie aus Moldawien nach Moskau durchgeschlagen, ist 14 und früher nie auf einer Schule gewesen. Die sechsjährige Jana lebte mit ihrer Mutter auf dem "Platz der drei Bahnhöfe" in Moskau, seit sie zwei war. Maxim erzählt manchmal, wie er streunende Hunde fing, wenn er Hunger hatte.

Den Moskauer Straßenkindern will ein kleiner russisch-deutscher Verein namens "Phoenix eine Alternative zum Leben auf dem Bahnhof und den verwahrlosten, von Gewalt geprägten staatlichen Waisenheimen bieten. Rogatschowo, ein Dorf 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt, ist zur Heimat für die erste Gruppe geworden.

Die im Herbst 2001 mit Hilfe aus Deutschland gekaufte und provisorisch renovierte Holzhaus-Hälfte misst ganze 50 Quadratmeter. Hier leben zurzeit fünf Kinder und zwei Erwachsene. Auch Jelena und Nadja, die beiden neuen "Mütter" der ungewöhnlichen Familie, waren obdachlos, bevor sie in das windschiefe Gebäude einzogen. Bis auf den Junior Sergej besuchen alle Phoenix-Kinder inzwischen die Dorfschule und haben einen unstillbaren Hunger auf Wissen. Mit den Nachbarkindern werden erste Freundschaften geknüpft.

Auf fließendes Wasser müssen die Phoenix-Kinder vorerst verzichten. Das Wohnzimmer ist mit Etagenbetten zugestellt. Der Garten hat sich in einen großen Sumpf verwandelt, als der Schnee im April zu schmelzen begann. Einziger Luxus in dem Haus ist ein Videorecorder, den ein Bekannter spendete. "Auf dem Dorf leben alle Familien in bescheidenen Verhältnissen", sagt Dorothea Volkert von der Deutsch-Russischen Gesellschaft Kraichgau, die das Geld für den Hauskauf sammelte. "Die Kinder sollten nicht erneut zu Außenseitern werden."


   Zwei Psychologen versuchen, die seelischen Wunden von Kindern und Erwachsenen zu heilen. Der Projektleiter Maxim Jegorow ist bislang vor allem mit Behördengängen beschäftigt. Wenn es um das Sorgerecht, neue Dokumente oder eine Krankenversicherung geht, blocken viele Beamte zunächst einmal. "Straßenkinder sind ein riesiges Problem in unserem Land", ärgert er sich, "aber keiner will das wahr haben."

Jegorow leitete in der Nähe der Moskauer Bahnhöfe eine Suppenküche und kannte die Jungen und Mädchen, die später nach Rogatschowo zogen, teils seit vielen Jahren. "Die Kinder kamen nicht, um sich einen Teller Brei abzuholen, denn mit Betteln konnten sie sich ihr Essen in der Regel auch so verdienen", sagt er. "Viel wichtiger war ihnen das Gefühl, dass sich jemand um sie kümmert."

Auch wenn einige der älteren Jugendlichen nicht durchhielten und das enge Haus mit seinen Regeln kurz nach dem Start des Projekts wieder gegen das Leben auf der Straße eintauschten: "Phoenix will nach den positiven Erfahrungen unbedingt weitermachen. Zwei bis drei weitere "Familien" in Rogatschowo sind das nächste Etappenziel der Organisation.

Im Herbst begegneten Maxim und Andrej am Dorfrand zufällig dem 15-jährigen Sascha, der gerade aus einem Kinderheim geflüchtet war. "Wir haben ihn mit nach Hause genommen und gefragt, ob er bei uns wohnen darf", erzählen die beiden Jungen. Seitdem gibt es einen Menschen mehr, dem Jana aus ihren Bilderbüchern vorlesen kann. Noch muss sie sich auf die Zehenspitzen stellen und mit ganzer Kraft strecken. Ihr Lieblingsbuch "Alice im Wunderland" liegt ganz oben im Regal.






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