29. November 2001 W I S S E N S C H A F T


Abwandern oder Ausharren?


MDZ. Stefan Bruder




Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kämpft die berühmte Wissenschaftlerstadt Akademgorodok um eine neue Identität. Das Forschungs-Treibhaus wurde von der aufstrebenden Supermacht in die sibirische Taiga gestampft. Für die in finanzielle Bedrängnis geratene Wissenschaftler-Elite stellt sich die einzige Zukunftsperspektive - die Hoffnung auf Verträge aus dem Ausland.

Versteckt in den südsibirischen Birkenwäldern, 30 Kilometer südlich vom Lärm der gesichtslosen Industriemetropole Nowosibirsk entfernt, liegt das fast vergessene Akademgorodok, am Rande des breit aufgestauten Flusses Ob. Das Flair der in Sowjetzeiten exzellent versorgten Forscher-Oase ist in den gepflegten Gesichtszügen der 50 000 Einwohner zählenden Elite-Stadt noch leicht nachzuempfinden. Doch die scheinbare Idylle zerbricht nicht nur am bröckelnden Verputz der rot-gekalkten Plattenbau-Fassaden.

Am Institut für Kernphysik, dem größten des aus insgesamt 35 bedeutenden Instituten bestehenden Forscher-Archipels, haben Perestrojka und der einhergehende Zusammenbruch des alten Staatengebildes tiefe Verunsicherungen hinterlassen. Dennoch schätzt man sich glücklich, dank internationaler Forschungsprojekte besser unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen zurechtzukommen, ergeht es doch manchen Kollegen weit schlechter. Wenn Forschung nicht mehr von oben bezahlt wird, muss sie sich eben selbst bezahlt machen, und zwar in Form von Aufträgen aus dem Ausland, so das Gebot der Zeit.

Dr. Nikolaj Sawadskij, stellvertretender Direktor des prestigeträchtigen Instituts, beklagt vor allem die auf 30 Prozent geschrumpfte Finanzhilfe seitens des ebenso gebeutelten russischen Staatshaushaltes im Vergleich zu Vor-Tauwetter-Zeiten, als die Wissenschaftler noch zum geistigen Sieg im Kalten Krieg beitragen sollten. Mit dem Einzug der Perestrojka war man plötzlich auf sich selbst gestellt, erzählt er. Sendepause. Seither heißt es für alle hier: Abwarten, einigeln und auf bessere Zeiten hoffen. "Das Geld von der Regierung reicht alleine einfach nicht mehr aus, um Wissenschaft in Russland zu betreiben." Trotz aller Probleme setzt das 1958 durch die Russische Akademie der Wissenschaften gegründete Institut keinen seiner 2700 Angestellten auf die Straße. Die ohnehin stark gelichteten Reihen des durch ins Ausland abgeworbenen geistigen Potenzials - vor allem der 30- bis 40-jährigen Forscher - will man nicht zusätzlich noch durch Entlassungen dezimieren.

Dass man seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den gesamten Neunzigern keinen einzigen Auftrag von Seiten der russischen Wirtschaft erhalten habe, zeige die verheerende ökonomische Lage des Landes, wie Sawadskij die inländische Auftragslage schildert. Einzig mit kommerziellen Aufträgen ausländischer Unternehmen schlägt sich das Institut derzeit über die Runden.

Umso mehr ist man hier auf die Hightech-Errungenschaften stolz, die sich im Ausland vermarkten lassen. So exportiert das Institut zum Beispiel auf extrem geringer Strahlung basierende Röntgenapparate, eine spezielle Erfindung, die sich jetzt durch Serienproduktion in fernöstlichen Absatzmärkten wie China und Südkorea bezahlt machen soll. Aber auch in Europa will man den Anschluss nicht verlieren, wie Sawadskij zu erzählen weiß, und träumt davon, dass man eines Tages wieder ganz oben mit dabei sei. "Für die Europäische Organisation für Kernphysik stellen wir jetzt schon spezielle Magnete zur Teilchenbeschleunigung her, alles sehr teures Know-how."

Auf die Frage, ob "Schurkenstaaten" wie Iran, Irak, Libyen oder Nordkorea je Interesse an den Errungenschaften der Physiker gezeigt hätten, antwortet Sawadskij kopfnickend, so als hätte er längst darauf gewartet. Ja, ihre Arbeit sei nicht nur von westlichen Industrieländern wie den USA und einigen europäischen Staaten verfolgt worden. So habe man zum Beispiel Angebote zur Zusammenarbeit mit dem Iran erhalten, der sich für die Teilchenbeschleuniger interessiert habe. Doch das Institut habe, wie der stellvertretende Direktor im gleichen Atemzug beteuert, "nie den genannten Ländern irgendetwas verkauft", sei man doch "politisch sehr feinfühlig". Das Abwandern der "brains", der Fachleute also in diese Länder, könne er auch nicht ausschließen, gesteht Sawadskij achselzuckend, bisher sei ihm solch ein Fall jedoch nicht bekannt.

Die hohe Fluktuation der in den Westen geflüchteten Fachkräfte mache man durch Neuanstellungen wieder wett, obgleich es ein riesiger Verlust sei, wenn junge talentierte Leute dem Institut für immer den Rücken kehrten - ein ohnehin gängiges Problem russlandweit. Die Frage nach dem finanziellen Überleben sei unumgänglich damit verbunden, ob es gelänge, langfristige Perspektiven für die Forscher zu schaffen. Diese müssten sich derzeit mit einem Monatsgehalt von 190 bis 770 Mark für Spitzenkräfte bei ständig steigenden Lebenshaltungskosten zufrieden geben.

"Wir wären gerne optimistisch, was die Zukunft unseres Instituts angeht", beschreibt der selbst nicht allzu optimistisch klingende Zavadsky seine Hoffnung für das Institut, und beantwortet die Frage, was kommen wird, mit einer Gegenfrage, die eigentlich gar keine ist: "Glauben sie, dass es dem Land in naher Zukunft besser gehen wird? Es stellt sich hier die Frage des Glaubens."

Die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahre stellen die Forscher in diesem fast ausgetrockneten Wissenschaftler-Biotop immer wieder vor neue Bewährungsproben - und niemand weiß, ob man am Ende des Tunnels das ersehnte Licht vorfindet.

Professor Vitalij Weluzkij, der schon seit 40 Jahren die Geschichte der Stadt Teil seiner eigenen nennt, kennt Probleme und Perspektiven wie kaum ein anderer. "Früher hatten wir fast keine Verbindungen zu ausländischen Kollegen", erzählt der grauhaarige, aus dem fernen Saratow stammende Professor, "auch wenn das Geld damals nicht so zählte." "Mit der Perestrojka haben wir festgestellt, dass unser Lohn zum Überleben kaum reicht. Jetzt müssen wir uns mit kommerziellen Aufträgen aus dem Ausland über Wasser halten."

Durch ein Stipendium der deutschen Humboldt-Stiftung kam er schon 1982 an die Technische Hochschule Aachen, wie er stolz erzählt. Schwierig war es damals schon als Sowjetforscher ins westliche Ausland zu reisen, ein Privileg, das nicht vielen Kollegen zuteil wurde. Wie könnte er auch erklären, dass damals alles so ganz anders war in dem Akademikerstädtchen Akademgorodok?

Weluzkij ist Mitarbeiter des Instituts für Theoretische und Angewandte Mechanik. Er beschäftigt sich mit der Umströmung verschiedener Körper in der Flugzeugtechnik, wie zum Beispiel von Überschallflugzeugen - eigentlich einer hochaktuellen Wissenschaft, an der auch amerikanische und europäische Kollegen mit Hocheifer tüfteln, wie er sagt. Dennoch ist das Geld für sein Institut knapp. Der "Humboldianer", wie sich der Professor selbst bezeichnet, fühlt sich weiterhin der Wissenschaft verpflichtet. Vor 40 Jahren, als die ersten Institute ihre Arbeit aufgenommen haben, tauschten wie er viele enthusiastische junge Leute den Komfort Moskaus und anderer Städte gegen die neue Herausforderung im kalten Sibirien. An Auswanderung in den Westen wie einige seiner Stiftungs-Kollegen, die gleich im Ausland geblieben sind, mag er auch in diesen schweren Zeiten nicht denken. Trotz aller Probleme liegt für ihn die Zukunft in der Wissenschaft - hier in seinem Akademgorodok.