Isaak Babel (1894 -1941)


Babel als Reporter

Im Laufe eines halben Jahres, von Februar bis Juli -1918, schrieb der damals 24jährige Isaak Babel insgesamt :17 Reportagen aus Petersburg für die von Maxim Gorki herausgegebene Tageszeitung »Nowaja schisnj« (Neues Leben), das Organ der Sozialdemokratischen Partei (Menschewiki). Kaum ein Autor dieser Zeit hat das Alltagsleben in den ersten Monaten nach der Oktoberrevolution mit solcher Unbefangenheit und Eindringlichkeit dargestellt wie Babel. Obwohl seine Petersburger Reportagen von hohem literarischen wie dokumentarischen Rang sind, wurden sie nie mehr in Rußland nachgedruckt. In Babels Werkverzeichnis erscheinen sie nicht. Kurz nach der Februarrevolution hatte Gorki die Zeitung »Neues Leben« gegründet. Schon im Juli 1918 wurde sie von den Bolschewiki verboten. Gorkis Leitartikel, in denen er sich im Namen eines humanen Sozialismus mit den neuen Machthabern auseinandersetzte, wurden 1971 in London und New York publiziert (Maxim Gorki: Untimely Thoughts: Essays on Revolution, Culture and the Bolsheviks übersetzt und herausgegeben von Hermann Ermolaev; Garnstone Press, London, und Eriksson, New York 1971, dt. Unzeitgemäße Gedanken, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.,1972Von Babels Reportagen wurden lediglich sieben (Frühgeburten, Palast der Mutterschaft, Evakuiert, Mosaik, Eine tolle Einrichtung, Die Blinden, Abend) im Sammelband: Isaak Babel, Ein Abend bei der Kaiserin - Erzählungen, Dramen, Selbstzeugnisse (Verlag Volk und Welt, Berlin Ost, 1969) in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Die übrigen sind bis heute auch im Westen unbekannt geblieben. Im Jahrbuch für Slawistik Nr. 1, 197o der Matica srpska, Novi Sad wurden 14 der insgesamt 17 Reportagen Isaak Babels in russischer Sprache abgedruckt. Drei (Ich stand als letzter in der Reihe, Das Tier schweigt und Die Finnen) konnte der Herausgeber, Aleksandar Musalewski, weder innerhalb noch außerhalb der Sowjetunion ausfindig machen. Die Datierung wurde in diesem Band sowohl nach dem gregorianischen als auch nach dem julianischen Kalender wiedergegeben. Die erste der Reportagen, Erste Hilfe, wurde vom Autor mit I. B. signiert, alle anderen mit Bab.-El. Die einleitenden Erinnerungen, Meine Anfänge, schrieb Isaak Babel zum Gedenken an Maxim Gorki ein Jahr nach dessen Tod (1936).

In Babels ganzem erzählenden Werk spielt das Autobiographische, das selbst Gesehene und Erfahrene eine bestimmende Rolle. Zwischen 1917 und 1923 wurde er zum Augenzeugen der militärischen und revolutionären Ereignisse. Zunächst war er als Soldat der Zarenarmee an der rumänischen Front, später, wie er in seiner Autobiographie mitteilt, Angestellter des Volkskommissariats für Unterricht, seit 1918 Rotarmist: Er nahm am Feldzug der Nordarmee gegen den weißen General Judenitsch teil und i1920 in Budjonnys Erster Reiterarmee am Russisch - Polnischen Krieg. Danach war er eine Zeitlang leitender Angestellter einer Druckerei in Odessa und Reporter in Tiflis. 1923 hatte er, seinen eigenen Worten nach, »genug gesehen und gelernt, um seine Gedanken klar und nicht zu weitschweifig auszudrücken«. Aber in all den Jahren seines Umgetriebenseins hatte Babel nicht aufgehört, seine Erlebnisse zu notieren. Diese Notizen bildeten das Rohmaterial zu den Geschichten »Reiterarmee« und »Geschichten aus Odessa«, mit denen er berühmt wurde. Erhalten geblieben ist das Tagebuch, das Babel während des Russisch - Polnischen Krieges zwischen Februar und Juli 192o geführt hat. Wir begegnen darin denselben Figuren und Ereignissen wie in dem Zyklus »Reiterarmee«. In dem zweiten Zyklus Babels, »Geschichten aus Odessa«, ist die Welt seiner Kindheit verarbeitet. Isaak Emanuilowitsch Babel wurde 1884 in der Moldowanka, dem Judenviertel von Odessa, als Sohn eines armen Händlers geboren, der in der religiösen Tradition des Chassidismus stand. Auf Wunsch seines Vaters besuchte er die Thora-Schule, wo er Hebräisch lernte und mit dem Talmud und der Bibel vertraut wurde, und später das Gymnasium. Besonders wichtig für Babel wurde der Französisch - Unterricht durch einen Bretonen namens Vadon, der ihn mit den Werken Flauberts und Maupassants bekannt machte; sie beeindruckten ihn so stark, daß der fünfzehnjährige Babel anfing, kleine Geschichten in französischer Sprache zu schreiben. Nach Studien in Kiew und Saratow ging Babel 1915 nach Petersburg. Der erste nach Gorki, der Babels Geschichten veröffentlichte, war Wladimir Majakowski (1924 in der Zeitschrift LEF). Es waren: »Salz«, »Der Brief«, »Dolguschows Tod« und »Der König«. In ihnen finden die zwei Welten, denen Babels ganzes Werk gilt, ihren Niederschlag: Die Welt der russischen Juden und die Welt der Revolution. Zu dem Odessa - Zyklus gehört das Drehbuch »Benja Krik«, die Geschichte eines jüdischen Räubers; es wurde 1926 unter der Regie von W. Wilner gedreht, am 21. Januar 1927 uraufgeführt, aber bald darauf verboten. Zu Babels Lebzeiten wurde das Drehbuch ins Englische und ins Tschechische übersetzt. Ebenso in die Welt von Odessa gehört das Schauspiel »Sonnenuntergang«, das am 23. Oktober -1927 im Arbeitertheater Baku uraufgeführt wurde. Am 25. Oktober 1927 wurde es am Russischen Dramatischen Theater, Odessa, und am 1. Dezember 1927 am Ukrainischen Theater, Odessa, nachgespielt. Eine Neufassung gelangte am28. Februar -1928 am Moskauer Künstlertheater II zur Aufführung. In zwei Auftragsdrehbüchern hat Babel versucht, sich anzupassen und die Welt des sozialistischen Aufbaus zu schildern. »Die chinesische Mühle« wurde unter der Regie von A. Ljowschin gedreht und am 13. Juli 1928 in Moskau uraufgeführt. Das Drehbuch »Alter Platz Nr. 4« gab Babel im Jahr 1939 unmittelbar vor seiner Verhaftung dem »Studio für Jugendfilme« ab. Es wurde nie realisiert. In dem Schauspiel »Maria« stoßen die beiden Welten Babels zusammen. Auch dieses Stück wurde in der Sowjetunion nie aufgeführt. -1934 hielt Babel daraus einige öffentliche Lesungen, aber die Proben am Wachtangow - Theater wurden wegen starker Kritik an der Neufassung abgebrochen.

Schon die »Reiterarmee« war gleich nach ihrem Erscheinen heftiger offizieller Kritik ausgesetzt gewesen. Budjonny, dessen Namen Babel verewigt hatte, sah in dem Buch eine schmutzige Beleidigung der Revolution und ihrer Ideale. Und nicht nur Budjonny allein, denn Babels offenherzige Schilderungen widersprachen kraß dem Kult der revolutionären Heroenromantik und der geforderten Propagandatendenz in der Literatur. Eine Pressekampagne wurde gegen Babel entfesselt. Der einzige, der zu ihm hielt, war Maxim Gorki. Als es für Babel schon sehr schlecht stand, ging Gorki zu Stalin, und einige Zeit später murmelte der Diktator auf einem Bankett in seinen Schnurrbart, daß Babels Buch eigentlich doch gar nicht so übel sei. Nun hatte Babel eine Zeitlang Ruhe und bekam sogar die Erlaubnis, nach Paris zu gehen. Zu Anfang der dreißiger Jahre reiste Babel auf Staatsbefehl durch die ukrainischen Dörfer, um wieder einmal das Leben zu studieren. Es ist verständlich, daß der Wahrheitsfanatiker Babel es nicht mehr wagte, seine Eindrücke zu publizieren. Er veröffentlichte fast nur mehr autobiographische Geschichten aus seiner Jugendzeit, und zwar sporadisch und nur auf ausdrückliche Aufforderung verschiedener Zeitschriften.

1936, zur Zeit der Moskauer Schauprozesse, der von Stalin angeordneten Zwangskollektivierung und eines neuen, verschäften Drucks auf alle Intellektuellen, wohnte der ungarische Schriftsteller Erwin Schinko einige Monate lang mit Babel zusammen im Haus eines gemeinsamen Bekannten. In jenen Tagen wurde nicht nur Schostakowitsch schwer angegriffen, sondern auch der Filmpionier Eisenstein und der geniale Regisseur Meyerhold, der später verhaftet und ermordet wurde. Babel verdankte seine Freiheit nur mehr Gorki, der noch immer zu ihm hielt. »Er ist der einzige Mensch«, vertraute er Schinko an, »der auf meiner Seite ist. Wenn er jetzt nicht krank wäre, dann könnte ich Eisenstein aufmuntern. Aber so ... Gorki ist der einzige Mensch. « Während Gorkis Krankheit rief Babel jeden Augenblick die Ärzte an, um zu hören, wie es um Gorki stehe. Nach Gorkis Tod verfiel er in tiefe Depression. Erwin Schinko berichtete darüber in seinem Tagebuch» Moskau, 23. Juni 1936. Babel betrauert Gorki, als hätte er seinen eigenen Vater verloren .Alle hier haben das schreckliche Gefühl, als sei mit Gorkis Hinscheiden ein Unheil über sie hereingebrochen, ein Unheil, das man nicht abwenden kann oder, noch richtiger, als seien sie alle auf unheimliche Weise noch stärker bedroht, seitdem es Gorki nicht mehr gibt. «Kaum drei Jahre später wurde Isaak Babel verhaftet und verschwand für immer in einem Lager. Mit ihm verschwanden auch die Manuskripte, die er hinterlassen hatte. Sein Name wurde in der offiziellen Literaturgeschichte und in der Sowjetischen Enzyklopädie gelöscht. Erst in der Zeit des Tauwetters, Mitte der fünfziger Jahre, wurden Babels Erzählungen auf Initiative Ilja Ehrenburgs neu aufgelegt. Es sind im wesentlichen zwei schmale Bände Erzählungen, doch von einer solchen Dichte, daß sie ganze Bibliotheken aufwiegen. Babel hat nur Fragmente geschrieben; nebeneinandergestellt ergeben sie ein monumentales Mosaik menschlichen Lebens. Verzweifelt bemühte sich Babel darum, die Revolution als historische Notwendigkeit zu sehen, doch konnte er sie nicht mit seinem religiösen und humanen Weltbild in Einklang bringen: Er war ein Revolutionär, der nicht töten konnte.

Diese Haltung, diese Art zu sehen, ist schon in seinem Frühwerk »Petersburg 1918« manifest. Es ist eine kraftvolle Ouverture zu seinem späteren Werk.

Aus: Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44 Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann) 1977







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