![]() Die Ballade vom Baikalseeim Gespräch mit Klaus Bednarz über seine neuen Filme. Der Name Baikal entstammt der Sprache der Burjaten, die vor allem am Ostufer des Sees wohnen, und bedeutet "erhabendste Schöpfung der Natur". Mit seinen fast 25 Millionen Jahren ist er nicht nur der älteste See der Erde, sondern auch der tiefste, wasserreichste, sauberste und wohl auch geheimnisvollste. Sichelförmig erstreckt er sich über eine Länge von 636 Kilometern - was etwa der Strecke von München nach Hannover entspricht. Seine Breite reicht bis zu 80 Kilometern, seine tiefste Stelle misst etwa anderthalb Kilometer, genauer: 1637 Meter. Der Baikal enthält mehr Wasser als die fünf großen nordamerikanischen Seen zusammen und tausendmal mehr als der Bodensee - ein Fünftel des gesamten Süßwasservorrats der Erde. Amazonas, Ganges, Mississippi, Nil, Kongo, Lena, Donau, Rhein und alle anderen Strome der Welt müssten ein Jahr fließen, um den Baikal zu füllen. Würde man seinen Inhalt über die gesamte Erdkugel verteilen, würde er diese 20 Zentimeter hoch mit Wasser bedecken. Seit 1996 steht der Baikalsee als Weltnaturerbe der UNESCO, wie es offiziell heißt, unter dem Schutz der gesamten Menschheit. Doch ob ihm dieser Schutz wirklich helfen kann, sich gegen die Gefahren der fortschreitenden Umweltzerstörung zu wehren, wird sich erst zeigen. Herr Bednarz, wie lange liegt Ihre erste Begegnung mit dem Baikalsee zurück? Das ist 20 Jahre her. Damals war ich ARD-Korrespondent in Moskau und besuchte ein Dorf am Baikalsee, das als einziges in dieser Gegend für den Tourismus freigegeben war. Dort trafen sich Menschen aus der DDR und der Bundesrepublik, die sich in Deutschland nicht treffen konnten, und feierten gemeinsam Silvester. Von da an, war mir klar: Irgendwann mache ich einen Film über den Baikalsee. Das war damals ein Traum, denn der ganze Baikal war militärisches Sperrgebiet. Nach der Wende in Russland hat sich das geändert, und jetzt habe ich mir diesen Traum verwirklicht. Können Sie sich vorstellen, dort zu leben? Ich kann es mir
sehr gut vorstellen. Weil ich einfach an mir selbst festgestellt habe, dass der
See mich gefangen genommen hat. Am Baikal wird die übrige Welt nebensachlich und
erscheint weit weg - nicht nur geografisch, sondern auch emotional. Als wir
nach den ersten zwei Wochen auf dem Eis wieder vom Baikal runterfuhren, saß das
ganze Team schweigend, sprachlos im Auto. Es war, als ob man sich erstmal mit
Gewalt wieder abnabeln musste. Dieser See, den die Sibirjaken "heiliges Meer"
nennen, gewinnt eine ganz konkrete Macht über den Menschen, und das Erleben ist
elementar. Ja, ich konnte mir vorstellen, dort zu leben.
War der Baikalsee ein schwieriges Objekt für Dreharbeiten? Dieser See hat die filmische Konzeption, die ich vorher hatte, völlig über den Haufen geworfen und hat mir sein Konzept aufgedrängt. Am dritten Tag der Dreharbeiten auf dem Eis haben der Kameramann Maxim Tarasjugin und ich uns angeguckt und im selben Moment gesagt: Dieser See hat sein eigenes Regime. Er macht mit uns, was er will. Er bestimmt, wann und was wir drehen. Er bestimmt, wann wir weiterfahren dürfen und wo wir überhaupt hinfahren dürfen. Das ging übrigens auch Elke Christ, die den Film geschnitten hat, so. Nach dem vierten, fünften Schneidetag sagte sie zu mir: " Der See gibt den Rhythmus, die Atmosphäre und die Dramaturgie des Films vor." Spektakulär sind die Unterwasseraufnahmen unter dem Eis des Baikal. Wie sind sie entstanden? Während unserer Reise trafen wir auf dem Baikal Didier Noirot, den ehemaligen Chef-Kameramann von Jacques Cousteau und zwei seiner russischen Taucherfreunde. Wir haben ihn gefragt, ob er bereit wäre, mit seinen Freunden für uns unter das Eis zu tauchen und dabei zu filmen. So sind die sensationellen Bilder entstanden, die die ebenso faszinierende, wie geheimnisvolle und teilweise auch beklemmende, eisige Unterwasserwelt des Baikal zeigen.
Wie gefährlich ist es, im Winter auf dem Eis zu drehen? Man muss dem See mit Respekt begegnen. Der Grund des Sees ist ein Friedhof - auch von LKWs und PKWs, die jeden Winter dort im Eis versinken. Aufs Geratewohl über das Eis zu fahren, bedeutet immer Lebensgefahr. Zum Beispiel gibt es bestimmte Gebiete auf dem See, wo sich unterirdische warme Strömungen befinden. Oder wenn man eine Spalte auf dem Eis übersieht und nicht mehr rechtzeitig bremsen kann. Kurzum, wenn man glaubt, man könne sich über das Gesetz des Sees hinwegsetzen, kann es sein, dass man dafür mit dem Leben bezahlt. War es schwierig, die Drehgenehmigung in diesem Gebiet zu bekommen? Nein, es ist ein fast paradiesisch freies Arbeiten gewesen. Wir haben die ganze Drehreise ohne Hilfe offizieller Behörden gemacht. Einziger Ansprechpartner war das Baikal-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften, die uns einen wissenschaftlichen Begleiter vermittelt haben. Und alles andere haben wir mit Hilfe russischer Kollegen selbst organisiert. Insgesamt haben wir weniger Probleme bei den Dreharbeiten gehabt als ich es zuweilen in Deutschland habe. Und wir sind überall wo wir hinkamen mit offenen Armen aufgenommen worden. Wir hatten das Gefühl, dass den Menschen dort daran gelegen ist, dass auch andere etwas über "ihren" See erfahren. Und das hat natürlich bei den Dreharbeiten sehr geholfen. In Ihren Dokumentationen reden die Menschen stets von "ihrem See", wenn sie den Baikal meinen. Wie kommt das? Zwei Sätze sind in jedem Gespräch, das ich führte, immer wieder formuliert worden. Der erste: Der Baikal hat sein eigenes Gesetz, man muss ihn achten. Und der zweite: Der Baikal ist unser Leben. Dieser See hat immer die Menschen ernährt, die um ihn herum wohnten. Die Menschen haben dort Jahrtausende im Einklang mit der Natur gelebt. Das ging sogar soweit, dass die Burjaten, wenn sie einen Baum fällen mussten, diesen Baum vorher um Verzeihung gebeten haben.
Ist der Baikal von der Umweltverschmutzung durch die Industrie bedroht? Inzwischen gibt es industriellen Fischfang und industriellen Holzeinschlag. Das wirkt sich natürlich auf die Umwelt aus. Manche Zuflüsse zum See sind in Gefahr auszutrocknen. Dazu kommen Abwasser und Luftverschmutzung. Dieses alles sind Erscheinungen der Zivilisation, die ja vergleichsweise neu sind. Jetzt droht alles aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das ist die große Gefahr für den Baikal. Gleichzeitig gibt das dort ansässige Papierkombinat immerhin 3.000 Menschen einen Arbeitsplatz. Aus Umweltschutzgründen musste es geschlossen werden. Aber andere Arbeitsplatz gibt es nicht - ein schwieriger Konflikt. Wie steht es denn mit Umweltschutzinitiativen? Valentin Rasputin, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller der Gegenwart, der am Baikal geboren ist, war der Vorkämpfer der ganzen Umweltbewegung am Baikal. Seinen politischen Kampf, etwa um die Schließung des Papierwerks, hat er aufgegeben, wie er mir sagte. Seiner Meinung nach gibt es offensichtlich politische und wirtschaftliche Kräfte, die starker sind als die Umweltbewegung. Trotzdem hat er eigentlich eine ganz optimistische Prognose: Dieser See, sagt Rasputin, hat eine solche Kraft, dass er all die Attacken der Menschen auf lange Sicht überleben wird. Ware denn mehr Tourismus eine Möglichkeit, die wirtschaftliche Situation dort zu verbessern? Die Hoffnung der Region liegt auf der Entwicklung eines sanften Tourismus. Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, an denen auch Deutsche beteiligt sind. Etwa die Heinrich-Boll-Stiftung, die neben der Unterstützung von Umweltorganisationen am Baikal, bei der Entwicklung von Konzepten zur touristischen Nutzung hilft. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation Russlands ist das jedoch ein schwieriges Unterfangen, weil die notwendigen Mittel für Investitionen in Russland fehlen. Trotzdem glaube ich, dass ein vorsichtiger, sanfter Tourismus langfristig die einzige Möglichkeit ist, dieses Gebiet im Einklang mit der Natur wirtschaftlich voran zu bringen. Industrieller Fischfang und Holzeinschlag dürften nicht mehr stattfinden. Man muss den Menschen außer Jagd und Fischfang aber noch eine dritte Perspektive geben. Und die kann nach meinem Verständnis nur ein sanfter, kontrollierter Tourismus sein. Wie war die Rückkehr vom Baikalsee? Wir sind über Moskau zuruckgefahren. Das war schon ein erheblicher Kulturschock. Zwischen Moskau und Sibirien liegen Welten. Obwohl in Moskau die gleiche Sprache wie am Baikal gesprochen wird. Die glitzernde Metropole mit ihren neu gebauten Bankpalästen und Edelboutiquen steht im krassen Gegensatz zu der unverfälschten, grandiosen Natur am Baikal und der unsäglichen Armut in den Dorfern Sibiriens.
Sommer und Winter am Baikalsee - zu welcher Jahreszeit gefällt Ihnen persönlich der See besser? Alles hat seine Zeit, auch am Baikal. Im Winter auf dem Eis mit seinen unheimlichen Geräuschen, den bizarren Formen und den sich ständig verändernden Farben und im Sommer das im gleißenden Sonnenlicht liegende, ruhige Wasser, das sich in Sekundenschnelle in ein tobendes, Schiffe und Menschen verschlingendes Meer verwandelt - das sind beides Erfahrungen, die man sein Leben lang nicht vergisst. Einfach schön ist es zu jeder Jahreszeit. Wiederholungen Teil 3: Das Wiedersehen Sonntag 12.11.00 - 01.55 h, N 3 Teil 1: Winterreise Dienstag 26.12.00 - 17.15 h, MDR |