Wjatkaer Heiland-Dom.

Im Ausklang des 20.Jahrhunderts steht in der provinziellen Stadt Kirov (früher Wjatka) eine halb verfallene Kirche. Äußerlich ähnelt sie einem Edelleutehaus oder einem Verwaltungsgebäude der Epoche des frühen Klassizismus. Nicht alle Einwohner unserer Stadt wissen, dass sich über diesen Türgiebeln und Bögen vor 60 Jahren eine majestätische Kuppel erhoben hat und diese dicken Mauern verdecken eine Geschichte, die weit in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurückgeht. Sie macht den Heiland-Dom zu einem Heiligtum ersten Ranges in Russland.

Erinnern wir uns an die heute vergessene Geschichte, die in einer uralten Chronik beschrieben ist, die in der Bibliothek des Heiland(Spasskij)-Doms aufbewahrt worden war.

Etwa vor 400 Jahren, zu Beginn des 17.Jahrhunderts, befand sich an der Stelle des heutigen Spasskij-Doms die hölzerne Dreieinigkeitskirche. Sie lag am Rand von Chlynov (Wjatka) und ihre Gemeinde bestand aus Siedlungsleuten. Über der Freitreppe des Tempels hing das Bild des unvergänglichen Heilands. Die Zeitgenossen beschreiben sie so: "Das unvergängliche Bild des Allgnädigsten Heilands ... ist in Größe, Malerei und Ausmaß ähnlich dem uralten Edessaer Heiligen Ubrus und dem Syrischen Heiland, welcher in der Stadt Haleppa zu sehen ist. Das Antlitz ist in einem vergrößerten Maß dargestellt. Das Heiland-Antlitz, des unvergleichlichen Herren, ist dargestellt in Fleisch und Blut, majestätisch, nach dem Brauch des Nazarett mit dem Haar zu beiden Seiten umrahmt; die Augen sind groß, offen ..., die Nase ist gerade, das Gesicht ist eher rund als länglich; der Bart lang; der Bart ist klein, lockig, zweigeteilt. Auf der Krone um das Haupt gibt es neun Linien, die Engel-Ränge bedeuten; die Linien bilden eine Art Kreuz. Der Nimbus wird von zwei Engeln gehalten."

Dieses alte Heiland-Bild wurde durch Wunder berühmt, die 1645 begonnen hatten. Am 12.Juli ging der Chlynov(Wjatka)-Bewohner Peter Palkin, der schon 3 Jahre blind war, in den Tempel hinein und begann am Eingang vor dem Bild des Heilands zu beten. Plötzlich, von Gottes Gnaden, wurde er sehend. Mit Freudentränen erhob Peter Palkin Dankgebete und berichtete seinen Umgebenden über das Wunder. Diese Nachricht verbreitete sich schnell durch die ganze Stadt, deren Einwohnerzahl damals kaum 5000 Menschen überstieg.

Die Witwe Akilina Puschkarjowa litt im Laufe von 10 Jahren an einer Erkrankung des rechten Beins. Sie konnte nicht gehen, nur kriechen. Im Glauben gefestigt, kroch sie zur Dreieinigkeitskriche und nach ihrem Gebet wurde sie zur riesengroßen Verwunderung der Versammelten geheilt .

Zur Ikone des Heilands kamen viele Menschen, die um Hilfe wegen ihrer Schwächen baten, und mehrere wurden geheilt. Insgesamt registrierte man 104 Wunder, die nach Gebeten vor dem heiligen Bild geschehen waren.

Die Nachricht über die Wunder, die in Wjatka um 1646 geschahen, drangen auch nach Moskau. Der Archimandrit des Nowospasskij-Kloster in Moskau, Nikon, der zukünftige Patriarch, bemühte sich vor dem Zaren Alexej Michajlowitsch um die Überführung des wunderbaren Bildes in die Hauptstadt. Alexej Michajlowitsch beschloss, nachdem er sich mit dem Patrarchen Josef darüber beraten hatte, das Heiligtum nach Moskau zu bringen, damit es zum Bestand der ganzen orthodoxen Welt wurde. Der Vorsteher des Bogojawlenskij-Klosters Pafnutij wurde nach Wjatka geschickt, um die Wunder zu bestätigen und die Ikone zu überführen. Nach seiner Ankunft in Chlynov prüfte Pafnutij die Richtigkeit der Wunder und erkärte den Zarenwillen. Viele Wjatka-Einwohner kamen zum letzten Mal zum heiligen Bild, um zu beten und um die Hilfe des Herrn zu erbitten. Die Zarenboten nahmen betend das Bild ab und trugen es im Prozessionszug nach Moskau. Das Eintreffen in der Hauptstadt am 14. Januar 1647 am Jausa-Tor wurde von einer Riesenmenge Moskauer verfolgt. Der Zar selbst mit seiner Familie und der Patriarch Josef empfingen das Bildnis. Die heilige Ikone küssend, trug Alexej Michajlowitsch mit seinen Nächsten das Bild durch das Frolowskije-Tor und weiter zum Uspenskij-Dom in den Kreml. Zum Andenken an dieses Ereignis gab der Zar dem Frolowskaja-Turm den Namen Spasskaja-Turm (Spasski-Turm).

8 Monate lang befand sich das Bild des Heilands im Uspenskij-Dom. Der Zar verehrte dieses Bild tief, was aus einer Beschreibung zu ersehen ist: Am 25.Januar 1647 "hörte der Herr den Abendgottesdienst in der Mariä-Himmelfahrts-Domkirche und feierte das Unvergängliche Bild des Heilands, welches von Wjatka gebracht worden ist."

Am 19.September 1647, vor der Heiligung des Preobrashenskij-Doms des Nowospasskij-Klosters, wurde das Heilandbild feierlich dorthin gebracht und in die Ikonostase gestellt.

In diesem Moskauer Tempel befand sich die Ikone etwas weniger als 300 Jahre lang und soll den zum Gebet kommenden vielmals geholfen haben. Nach den Ereignissen von 1917 ist dieses unschätzbare Heiligtum des russischen Landes spurlos verschwunden.

Und was war dem Wajtaka-Land geblieben, welches ohne Heiligtum gelassen worden war? Gott offenbarte neu seine Gnade, indem er durch Wunder die genaue Kopie dieser Ikone, die vom Zaren statt des Originals geschickt worden war, bekrönte. Nach der Herstellung der Kopie und ihrer Beschmückung mit Silberornamenten und Steinen trug der Zar die Ikone eigenhändig aus Moskau und schickte sie mit einer Prozession nach Wjatka.

Schon unterwegs nach Wjatka begannen die Wunder und Heilungen. Nach der Ankunft in der Stadt wurde die Ikone auf dem vorherigen Platz gestellt. So tröstete der Herr leidende Einwohner der Stadt Chlynov.

Mit dem Wunderbild wurden Prozessionen um die Stadt herum und über das ganze Wjatka-Land verordnet. Als 1657 in Chlynov die Seuche wütete, trug man das Heiligenbild um die Stadt und erst danach stoppte die Krankheit. Zum Andenken daran wurde diese Prozession in der 5. Woche der Großen Fastenzeit ständig wiederholt und man vollzog sie bis zu den Ereignissen des Jahres 1917.

An der Stelle der verfallenen Dreieinigkeitskirche wurde der steinerne Heiland-Dom aufgebaut, in dem man das heilige Bild aufbewahrte. Durch einen Brand im Jahre 1757 wurde der Tempel zerstört und auf dem selben Ort wurde 1764-1767 ein neuer majestätischer Tempel errichtet. In seinem oberen Teil befand sich das unschätzbare wunderschaffende Bild des Heilands. Dieser Bau ist in seiner verstümmelten Form bis heute erhalten geblieben.

Der Tempelbau fiel in die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts, die Periode des frühen Klassizismus. Der Dom entbehrt des architektonischen Prunks der Barockzeit. Nur die massive 8-kantige Rotunde und die Kuppel darüber mit runden Fenstern erinnern an das Barock. Der Spasskij-Dom verwundert auch heute durch seine Größe. Die Höhe des Glockenturms war 53 m, der Tempel hatte 2 Stockwerke mit 6 Altartischen. Er befindet sich auf einem höhen Hügel und ist von vielen Seiten zu sehen.

Nach der Oktoberrevolution 1917 hatte der Tempel ein tragisches Schicksal. Viele Jahre lang befand sich darin ein Studentenheim der pädagogischen Hochschule, und seit den 60-er Jahren ein wissenschaftliches Projektinstitut. Das Gebäude wurde zu einer Ruine, fast nichts erinnerte an das majestätisches Heiligtum, das in Verwandschaft stand mit dem Spasskij-Turm des Moskauer Kremls und dem Nowospasskij-Kloster.

Heutzutage sind die Schäden des Tenmpels sehr groß: in den 20er Jahren wurden die Rotunde mit der Kuppel und den Gewölben, worauf die Kuppel stand, vollständig vernichtet. Der Glockenturm ist um die Hälfte zerstört, die Fenster sind ruiniert. Außerdem sind die Innenwände, die einst die Belastung verteilten, verfallen. Im Inneren sind mehrere Trennwände errichtet worden und das Bauwerk erinnert äußerlich weniger an einen Tempel, als vielmehr einem bürgerlichen Gebäude. Um den Tempel wieder herzustellen, ist eine vollständige Restaurierung notwendig, die Stärkung tragender Fundamente und Wände, die Wiedererrichtung fehlender architektonischer Teile und die Restaurierung des Interieurs. Für die ganze Aufbautätigkeit werden mindestens 400.000 Dollar gebraucht.

1995 wurde der Tempel der Kirche zurückgegeben. Heute werden die Restaurierungsarbeiten von der Gemeinde durchgeführt. Vorläufig richten sich die Bemühungen darauf, den Teil zu Ehren der Martyrerin Ekaterina (Katharina) zu renovieren und darin den Gottesdienst regelmäßig durchzuführen. Das, was in wenigen Tagen vernichtet wurde, muss in langen Jahren wieder aufgebaut werden.

Im Ausklang des zweiten Jahrtausends ist es an der Zeit, unsere Blicke von der Erde hoch zu wenden, gen Himmel zu richten und dem Welterschaffer unsere Gebete zu senden! Der Spasskij-Dom ist dem Heiland gewidmet und es ist unsere Pflicht, zum 2000-jährigen Jubiläum der Geburt Christi alles zur Errichtung der Tempelpracht beizutragen. Dem Tempel, welcher Christi gewidmet ist.

Unsere Postanschrift: Bolschewikov-Str. 50, 610000 Kirov, Russland Tel. 00 7 (8332) 69 25-19; 62-20-61.