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Bildende Kunst


Im Russland sind praktisch keine Kunstdenkmäler aus der Zeit vor der Entstehung des Christentums erhalten geblieben. Die Ikonenmalerei und die Wandmalerei (Fresken) sind nach Rußland zusammen mit dem Christentum aus Byzanz gekommen. Die russischen Maler erwiesen sich als begabte Schüler, und die russische Schule verwandelte sich in einer kurzen historischen Frist aus einer provinziellen Abzweigung der byzantinischen Kunst in eine selbständige Schule mit klar ausgeprägten nationalen Merkmalen.

Zum goldenen Zeitalter der russischen Ikonenmalerei wurde das 15. Jahrhundert, als sie die höchste Blüte erreichte. Zu uns sind nur einige wenige Namen der altrussischen Maler gekommen.


Unter ihnen Theophanes der Grieche, aus Byzanz gebürtig, der die Kirchen von Nowgorod Weliki mit seinen strengen, dramatischen Fresken bemalte. Zum Höhepunkt der altrussischen Malerei wurde das Schaffen von Andrej Rubljow (um 1370-1430). Seine Dreifaltigkeits-Ikone gehört zu den hervorragenden Meisterwerken, die die Menschheit je geschaffen hat. Ein Jahrhundert später lebte und schuf Dionissi (um 1440 -Anfang des 16. Jahrhunderts), der beste Vertreter der Moskauer Schule. Sein am meisten bekanntes Werk ist der Freskenzyklus im Ferapontes-Kloster (Gebiet Wologda), gewidmet der Geburt der Muttergottes, Beschützerin von Moskau.

Eine wichtige Wende trat im 17. Jahrhundert ein, als sich die weltlichen Grundsätze in der Kunst verstärkten. Es erfolgte die sogenannte Verweltlichung, das Streben, die Schönheit des Irdischen, Körperlichen darzustellen. Eine große Rolle spielte hierbei die Hofmalerei. Die besten Meister aus Jaroslawl, Kostroma, Tutajew, Rostow Weliki, Susdal, Nowgorod und Pskow führten Arbeiten auf Geheiß des Zaren aus. Sie schmückten Kathedralen und Gemächer mit Fresken, malten Ikonen, Porträts, Miniaturen, bemalten Fahnen und Feldzelte. Hier arbeiteten auch Ausländer - Holländer, Deutsche und Polen, aber den Kunststil bestimmten russische Meister, solche wie Simon Uschakow, Iossif Wladimirow, Georgi Sinowjew, Fjodor Subow und andere. In der hauptstädtischen Schule reiften realistische Traditionen aus, an der Peripherie, wo die Geschmäcke der Vorstadteinwohner vorherrschten, übte das Volksschaffen einen starken Einfluß auf die sakrale Malerei aus.

Nach der Thronbesteigung Peters l. Ende des 17. Jh. setzte ein jäher Bruch der früheren Traditionen ein, der fast alle Lebensbereiche erfaßte. Aus der Kunst des Westens wurden neue Genres übernommen: historisch-allegorische Gemälde, Stilleben und Landschaftsbilder. Das Hauptgenre des 18. Jahrhunderts war aber das Porträt. Eine Reihe talentierter Maler hatte sich hervorgetan, die ihre Zeitgenossen, hauptsächlich Vertreter des Adels im Bilde festhielten: Fjodor Rokotow, Alexej Antropow, Iwan Argunow, Dmitri Lewizki, Wladimir Borowikowski. Vor ihrem Hintergrund erscheint das Gemälde von Michail Schibanow, auf dem die Verlobungsfeier in einem Bauernhaus dargestellt ist, als zufällig und atypisch.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach die Epoche des Werdens der russischen nationalen Malereischule an. Auf der Welle der patriotischen Stimmungen, die sich nach dem Sieg über Napoleon in der ganzen russischen Gesellschaft verbreitet hatten, schuf Orest Kiprenski eine Galerie von romantischen Porträts seiner Zeitgenossen, unter denen sich das Porträt des großen russischen Dichters Alexander Puschkin vor allen anderen auszeichnet. Die Landschaftsmalerei nahm ihren Anfang mit den Gemälden von Fjodor Alexejew, der die Weiträumigkeit und die Größe von Petersburg darstellte, und von Silvester Stschedrin, der in italienischen Landschaften Licht und Sonne des Südens wiedergab. Es werden einige wenige Jahre vergehen, und auf den Gemälden der russischen Maler wird die heimatliche russische Natur erscheinen. Das Genre des Porträts wird demokratisiert: Wassili Tropinin stellt nun schon nicht nur Aristokraten, sondern auch nicht vornehme Menschen - Angestellte, Kaufleute und Kleinbürger; Alexej Wenezianow dazu noch Bauern, wenn auch ein wenig ausgeschmückt. Pawel Fedotow erhebt die Genremalerei zur hohen Kunst, ein Jahrzehnt später tritt Wassili Perow in seinen Werken "Dreigespann", "Die letzte Schenke am Stadttor", "Begräbnis eines armen Bauern" als Beschützer der Erniedrigten und Beleidigten auf.

Ilja Repin. Wolgatreidler    

Der brillante Karl Brüllow, der Stolz der akademischen Schule, erschüttert Europa durch sein Gemälde "Der letzte Tag von Pompeji". Alexander Iwanow überläßt ein noch grandioseres Werk "Die Erscheinung Christi vor dem Volk" dem Urteil der Zeitgenossen, an dem er 20 Jahre lang arbeitete. In der Weltkunst werden sich nur einige wenige Werke finden, die mit solcher Aussagekraft die Grundpfeiler des menschlichen Seins darstellten.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Reifezeit der russischen Kunst, die klassische Periode, in der der Großteil des "goldenen Bestandes" der russischen Malerei geschaffen wurde. In der russischen Kunst herrschte, ebenso wie in der gesamten europäischen, die realistische Methode vor, in der der sozialen Analyse des Lebens, den Problemen, die die Gesellschaft unmittelbar bewegten, eine wichtige Rolle zugewiesen wurde. Der Hauptkonflikt in der Kunst war der Kampf zwischen zwei Tendenzen - der akademischen und der realistischen. In den 60er Jahren gaben die Entstehung des Artels der Maler, die sich der Akademie entgegengestellt hatten, und in den 70er Jahren die Gründung der Genossenschaft der Wanderausstellungsmaler ("Peredwishniki") diesem Kampf eine Wende. Die Peredwishniki gingen nicht nur in ihren Genre- und Landschaftsbildern, in der Schlachtenmalerei, sondern auch im historischen Porträt den Fragen nach, die ihre Zeitgenossen beschäftigten: Woran glauben? Wofür kämpfen?

Iwan Schischkin. Der Morgen im Kieferwald.

Das Gemälde des Mitbegründers der Peredwishniki-Bewegung Iwan Kramskoj "Christus in der Wüste" gab in allegorischer Form den Stimmungen der demokratischen Intelligenz jener Zeit Ausdruck: Sich für erhabene Ideen zu opfern. Wassili Werestschagin, Teilnehmer an den Schlachten in Mittelasien und auf dem Balkan, schuf Gemälde, die den Krieg so zeigten, wie er war: Mit Blut, Kot und menschlichen Leiden. Von tiefen Ideen und Gefühlen sind die Landschaftsbilder von Iwan Schischkin, Iwan Aiwasowski, Alexej Sawrassow und seinem Schüler Isaak Lewitan erfüllt.

Aus der Peredwishniki-Bewegung sind zwei hervorragende Maler - llja Repin und Wassili Surikow - hervorgegangen, deren Kunst gleichsam den Schlußstrich unter die Entwicklung der russischen Kunst des 19. Jahrhunderts zog.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Krise der Peredwishniki-Bewegung unverkennbar. Die Maler suchten nach einer neuen Stilistik, nach einer neuen Sprache in der Kunst und widmeten Problemen der Form, der Farbe und der Meisterschaft erhöhte Aufmerksamkeit. Es entstanden neue Künstlervereinigungen: "Mir iskusstwa" ("Die Welt der Kunst") mit ihrer Apologetik des 18. Jahrhunderts und mystisch-philosophische "Golubaja Rosa" ("Hellblaue Rose") (Pawel Kusnezow, Viktor Borissow-Mussatow). Auf den Plan traten die neureligiöse Strömung (Viktor Wasnezow, Michail Nesterow, Michail Wrubel, Kusma Petrow-Wodkin) und die symbolische, phantastische (Marc Chagall). Es entstand eine Reihe von Avantgarde-Bewegungen, die den klassischen Nachlaß kathegorisch ablehnten: Futurismus, Neoprimitivismus und Lutschismus. Wassili Kandinsky, russischer Maler, der in München lebte, formulierte als erster die Prinzipien der gegenstandslosen Malerei.

Anfang des 20. Jahrhunderts (die 10er und die nachrevolutionären 20er Jahre), als die künstlerische Suche noch relative Freiheit genoß, wurde Rußland zum Ideengenerator der neuen Kunst. Gerade aus Rußland stammen der Neoprimitivismus (Alexander Larionow, Natalja Gontscharowa), Konstruktivismus (Wladimir Tatlin), Suprematismus (Kasimir Malewitsch) und die analytische Kunst (Pawel Filonow).

Angefangen von den dreißiger Jahren wird in der UdSSR der sozialistische Realismus, der sich auf die formell akademischen Malprinzipien gründet, zur einzig anerkannten und ausnahmslos allen vorgeschriebenen künstlerischen Methode. Aber auch in den für die Kultur schwersten Zeiten lebten und schufen in Rußland vortreffliche Maler, die frei von der politischen Konjunktur waren und ihre Aufgabe darin sahen, in ihrem Schaffen den ganzen Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Umwelt darzustellen: Kusma Petrow-Wodkin, Arkadi Rylow, Pawel Korin, Sergej Gerassimow, Robert Falk, Arkadi Plastow, Alexander Dejneka, Georgi Nisski, Pjotr Kontschalowski, Juri Pimenow, Jewsej Moissejenko. Erst 1957, in der kurzen Periode des "Tauwetters", wurde die vieljährige Isolierung der sowjetischen Kunst von der Weltkultur durchbrochen. Das Ergebnis dessen war lebhaftes Interesse nicht nur für die neuesten ausländischen Kunstströmungen, sondern auch für die halbvergessenen Errungenschaften der heimischen Kunst der 20er Jahre, die viele Jahre lang totgeschwiegen worden waren.

Das Treffen von Nikita Chrustschow mit der künstlerischen Intelligenz 1963 auf der Ausstellung "30 Jahre der MOSCh", die in der Manege stattgefunden und auf der er die Abstraktionisten und Vertreter anderer avantgardistischer Strömungen in Grund und Boden kritisiert hatte, hielt diesen Prozeß nicht auf, zwang ihn jedoch in den Untergrund zu gehen: auf Wohnungsausstellungen, in halbillegale Zirkel, wo sich die "andere Kunst" (das heißt die nonkonformistische, inoffizielle Undergroundkunst), die sich der offiziellen entgegenstellte und als "antisowjetisch" verfolgt wurde, bis hin zu Verhaftungen von Malern und deren Ausweisen aus dem Lande.

Die heutige Situation in der Kunst Rußlands läßt sich schwer eindeutig charakterisieren. Rußland ist heute, was die Kultur betrifft, zweifellos ein freies Land, wo praktisch alles erlaubt ist. An die Stelle des ideologischen Zaums ist ökonomischer getreten: Das Hauptproblem für die Künstler in ihrer Mehrheit ist heute das Überleben. Das künstlerische Leben verlagerte sich aus den staatlichen Ausstellungssälen in kleine Säle der privaten und genossenschaftlichen Galerien.

Gegenwärtig lassen sich in der bildenden Kunst, recht bedingt, zwei Lager ausgliedern: Zum ersten gehören "traditionelle" Strömungen: vom Realismus bis zur Pop-art. Die meisten dieser Werke haben einen salonartigen Charakter, sind stark zurechtfrisiert, weil sie für einen reichen Käufer, der keinen raffinierten Geschmack hat, vorgesehen sind. Zum zweiten - Vertreter der neuesten Strömungen (Konzeptualismus), die sich auf ausländische Ausstellungen orientieren.


Viele Künstler gehören überhaupt keinen Gruppierungen an:

sie arbeiten selbständig, werten dabei die Erfahrungen der heimischen und der Weltklassik aus, gelangen zur eigenen Weltsicht. Aufschlußreiche Prozesse gehen auch in der Provinz vor sich, wo die Verbindungen des Künstlers mit der nationalen Umwelt und den Traditionen enger sind. Originelle Schulen bilden sich in Wladimir, Kostroma, Nishni Nowgorod, Ufa, Krasnojarsk, Jekaterinburg und anderen Städten Rußlands heraus.

Ein unabdingbarer Bestandteil der russischen bildenden Kunst ist die russische Skulptur. In Alt-Rußland war es die bemalte Holzskulptur religiösen Inhalts; die Kirche, die sie als einen Ausdruck des Götzerdienstes betrachtete, stand jedoch zu ihr mißbilligend. Deshalb wurden die meisten solchen Werke vernichtet. Im 18. Jahrhundert erfuhr das Schaffen des plastischen Porträts (Fedot Schubin) und der Grabfiguren eine Entwicklung. Nach dem "Ehernen Reiter" von Etienne Falconet entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Reiterstandbild des Zaren Nikolaus l. und die Pferdegruppen auf der Anitschkow-Brücke in Petersburg von Pjotr Klodt, die Denkmäler der Feldherrn Kutusow und Barclay de Tolly von Boris Orlowski vor der Kasaner Kathedrale auf dem Newski-Prospekt, das Denkmal für A. W. Suworow von Michail Koslowski auf dem Mars-Feld in Petersburg. 1818 schloß Iwan Martos in Moskau die Arbeit am Denkmal für Minin und Posharski ab.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte Mark Antokolski seine berühmten Werke: "Iwan der Gestrenge", "Peter l.", "Christus vor dem Volk" und "Jermak" seinen Zeitgenossen vor. Die Geschichte bewahrte auch die Namen von Michail Mikeschin, Autor des Denkmals "Das Millennium Rußlands" in Nowgorod, und Alexander Opekuschin, der das berühmte Puschkin-Denkmal sowie die Denkmäler der russisehen Zaren Alexander II. und Alexander III. in Moskau geschaffen hatte. Pawel Trubezkoi und Anna Golubkina brachten in die russische Bildhauerkunst den Impressionismus herein. In der Sowjetzeit schufen solche großen Meister, wie Iwan Schadr, Sergej Konjonkow, Sarra Lebedewa, Vera Muchina und andere, ihre schöpferischen Möglichkeiten wurden aber stark durch den damaligen ideologischen Rahmen eingeengt.

Gegenwärtig steht die russische Bildhauerkunst am Scheideweg und man kann schwer sagen, in welcher Richtung sie sich weiterentwickeln wird: Heute darf man auf "alte Art", im akademischen Stil, nicht mehr arbeiten, auf "neue Art" können aber nur einige wenige. Die letzten Arbeiten von Oleg Komow, Surab Zereteli, Alexander Rukawischnikow und Wjatscheslaw Klykow werden unterschiedlich, oft diametral entgegengesetzt eingeschätzt, ebenso auch die Arbeiten eines solchen außergewöhnlichen Meisters, wie es Ernst Neiswestny ist, der in den USA lebt, aber in seinem Schaffen immer noch mit Rußland verbunden ist.




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Geschichte der russischen Architektur


Sie nahm ihren Anfang in Kiew, Nowgorod und anderen altrussischen Städten, wo die Kunst, die slawische Traditionen und die byzantinische Kultur in sich aufgenommen und vereinigt hatte, eine hohe Blüte im 10.-13. Jahrhundert erreichte. Neben den Holzbauten wurden hier bereits Paläste, Gotteshäuser und Festungstürme aus Ziegeln und Stein errichtet.

Für die Meisterwerke der Baukunst jener Zeit, solche wie die Sophien-Kathedrale in Kiew mit ihren dreizehn Kuppeln (1037) und die Sophien-Kathedrale in Nowgorod mit fünf Kuppeln (1045-1050), sind die majestätischen Proportionen, die Ausgewogenheit von Raum und Masse, die Erhabenheit und Festlichkeit der künstlerischen Gestaltung kennzeichnend. Durch die strenge Schönheit und lakonische Formen zeichnet sich die Georgs-Kathedrale des Jurjew-Klosters in der Nähe von Nowgorod (1119) aus, elegant und edel sind die Kirche zu Maria Schutz und Fürbitte am Neri, in der Nähe von Wladimir, (1165) und die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir (1185-1189).

Die Sophien-Kathedrale in Nowgorod    

Es wurde der Moskauer Kreml gebaut, zunächst mit Mauern und Türmen aus Eichenholz (1339), dann aus weißem Stein (1367) und später aus Ziegeln (1485-1495) umzingelt. Im Vorgelände der Stadt wurden Klöster errichtet, die Verteidigungsfunktionen erfüllten. Im 16. Jahrhundert wird ein neuer Typ der Steinkirche mit dem Zeltdach, das heißt mit einem von einer kleinen Kuppel gekrönten Steildach, geschaffen. Zu diesem Typ gehören die Kirche zu Himmelfahrt Christi im Zarengut Kolomenskoje bei Moskau (1530-1532) und die prachtvolle Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz (1555-1560). Schwungvolle räumliche Kompositionslösungen, malerische Silhouetten und reiches Dekor charakterisieren die Moskauer Baukunst dieser Epoche.

Auch in anderen russischen Städten werden viele Steinbauten errichtet: die Kreml in Nishni Nowgorod, Tula, Kolomna, Sarajsk, Smolensk und Serpuchow, die Klöster in nördlichen Ländereien - Kirillo-Beloserski und Solowezki. Der Vorzug wird aber immer noch, besonders in der weltlichen Architektur, dem Holz gegeben. Leider sind die meisten Holzbauten, unter denen es sehr schöne Paläste, Gemächer und Kirchen gab, nicht erhalten geblieben.

Im 17. Jahrhundert erweitert sich das Territorium des Staates und es werden neue Städte und Festungen im Süden und in Sibirien gebaut, die Handels- und Handwerkssiedlungen im Norden und im Wolgagebiet wachsen schnell und breiten sich aus. In der Architektur verstärken sich weltliche Tendenzen, die Prinzipien der Volkstümlichkeit und des Dekors.

Der größte profane Bau jener Zeit ist das Belvedere-Schloß (Teremnoj dworez) des Moskauer Kreml (1635-1636), ein fünfstufiges Gebäude mit einem hohen vergoldeten Dach, dessen Innenräume mit Wand- und Deckenmalerei, Schnitzereien und Kacheln geschmückt sind. Ein hervorragendes Denkmal der sakralen Baukunst ist die mehrstufige Kirche zu Maria Schutz und Fürbitte in Fili bei Moskau (1693-1694), in deren schmucker architektonischer Gestaltung die Merkmale des Barocks deutlich erkennbar sind (der sogenannte Naryschkin-Stil).

Die Entwicklung der russischen Architektur im 18. Jahrhundert hängt in vieler Hinsicht mit dem Aufbau von St. Petersburg zusammen, der 1703 von Peter I. gegründeten Stadt, die seit 1712 zur neuen Hauptstadt Rußlands wurde. In den Vordergrund rückt die Palastbaukunst und das Barock wird zum vorrangigen Stil.

Die besten Merkmale der Architektur jener Zeit fanden ihre Verkörperung in Werken von Bartolomeo Rastrelli. In der "nördlichen Metropole" und ihrer Umgebung wurde nach seinen Entwürfen eine Reihe von prachtvollen Gebäuden errichtet: das Smolny Kloster (1748-1754) und das Winterpalais (1754-1762) in Petersburg, das Große Palais in Peterhof (1747-1752) und das Katharinen-Palais in Zarskoje Selo (1752-1757). Der grandiose räumliche Schwung und die Strenge der gradlinigen Pläne paart sich in seinen Werken mit einer Fülle von prachtvollen plastischen Formen, einem Reichtum an bildhauerischem Schmuck und auserlesener Ornamentik.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird das Barock vom Klassizismus mit seiner Hinwendung zu den Mustern und Formen der antiken Baukunst abgelöst. Zu den hervorragenden Vertretern dieses Stils wurden Wassili Bashenow - das Paschkow-Haus in Moskau (1784-1786) und der unrealisiert gebliebene Entwurf des Umbaus des Kremls (1767-1775) und Matwej Kasakow - der Senat (1776-1787), die Universität (1786-1793), das Goli-zyn-Krankenhaus (1796-1801) in Moskau. Die Architektur von St. Petersburg wurde durch solche beeindruckenden Muster des Klassizismus bereichert wie das nach einem Entwurf von Iwan Starow erbaute Taurische Palais (1783-1789) und das Smolny Institut (1806-1808), ein Werk von Glacomo Quarenghi.

Seit dem 19. Jahrhundert, besonders aber nach dem Sieg im Krieg von 1812 gegen das napoleonische Frankreich, entwickelt sich der russische Klassizismus in den Formen des Empire, das die in der Gesellschaft vorherrschenden Großmacht-, patriotische und triumphalistische Stimmungen widerspiegelte. An den Ufern der Newa entstehen großartige Bauten und Bauensembles, die wichtige städtebildende Bedeutung haben. Dazu gehören: die Kasaner Kathedrale von Andrej Woronichin (1800-1811), die Admiralität von Andrejan Sacharow (1806-1823), die Paul-Kasernen von Wassili Stassow (1817-1820) und der Schloßplatz von Karl Rossi (1819-1829). In dem durch den Brand zerstörten Moskau werden unter der Leitung von Ossip Beauvais die Plätze in der Stadtmitte rekonstruiert und mit neuen Gebäuden, solchen wie das Bolschoi-Theater und die Manege, bebaut, in verschiedenen Bezirken entstehen gemütliche Villen und Herrengüter.

Eine der jüngsten monumentalen Bauten im Empirestil ist die Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg, 1818-1858 nach einem Entwurf von Auguste Montferrand errichtet. Die nachfolgende Architektur des 19. Jahrhunderts weist viel Stilisierung und Eklektizismus auf.

Die ungestüme Entwicklung der Industrie, des Handels und des Transportwesens, die durch die Reformen Alexanders II. stimuliert worden war, bot den Architekten ein breites Betätigungsfeld. Überall entstehen die Gebäude von Fabriken, Bahnhöfen, Hotels und Banken; im Wohnungsbau dominiert der Typ des großen Mietshauses mit dem grauen schachtartigen Hinterhof.

Nach einer neuen nationalen Richtung in der Architektur suchte in dieser Zeit Konstantin Ton. Zu seinem Hauptwerk wurde die grandiose Erlöser-Kathedrale (1837-1883), die in Moskau zum Andenken an den Krieg gegen Napoleon erbaut worden war. In den dreißiger Jahren wurde sie abgerissen, jetzt ist sie wiederaufgebaut worden. Das ist ein typisches Muster des sogenannten russisch-byzantinischen Stils.

Neuen Aufschwung gab der Architektur der russischen Städte Ende des 19. Jahrhunderts die Moderne (die einheimische Abart von "art nouveau"). Den eklektischen Entlehnungen aus der Vergangenheit wurde das Poetische des Symbolismus entgegengestellt: der betonte Ästhetismus, raffinierte malerische Effekte und die Geschraubtheit der elastischen Linienführung.

Zum führenden Vertreter dieser Richtung wurde Fjodor Schechtel, nach dessen Entwürfen die Villa von Rjabuschinski (1900-1902), der Jaroslawler Bahnhof (1902) und andere Gebäude in Moskau errichtet wurden. In diesen Bahnen entwickelte sich auch die national-romantische Strömung, deren Anhänger, solche wie zum Beispiel Alexe] Stschussew, nach dessen Entwurf der Kasaner Bahnhof in Moskau (1913-1927) erbaut wurde, die Versuche fortsetzten, die Traditionen der altrussischen Kunst wiederaufzunehmen.

Von ganz anderen Prinzipien ließen sich die Ideologen des Konstruktivismus leiten, der nach der Revolution 1917 entstanden war und bis zur Mitte der dreißiger Jahre Vormachtstellungen in der Architektur behauptete. Die Hauptkriterien, die von den Architekten dieser Richtung, an deren Spitze die Brüder Wesnin standen, angenommen wurden, lauteten: Rationalität, Zweckmäßigkeit, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit. Für die im konstruktivistischen Stil errichteten Gebäude sind die graphische Exaktheit der Komposition, die Einfachheit der geometrischen Formen und das Fehlen des Dekors charakteristisch.

Ein sehr typisches Gebäude jener Periode ist das sogenannte Haus an der Uferstraße in Moskau, ein für hochgestellte sowjetische Funktionäre vorgesehener Wohnkomplex (1928-1931). Der Autor des Entwurfs Boris lofan wurde auch durch den Entwurf des Palastes der Sowjets, der unrealisiert geblieben war, berühmt. Neben dem Plan zum Umbau des Kreml von Wassili Bashenow ist das das berühmteste nicht realisierte Projekt, anders gesagt, ein "Luftschloß" der russischen Architektur.

Der 420 Meter hohe zyklopische Bau sollte die New Yorker Wolkenkratzer in den Schatten stellen. Der mehrstufige Turm sollte von einer gigantischen Figur von Lenin gekrönt werden. Um den Bauplatz für den Palast der Sowjets zu beräumen, wurde die Erlöser-Kathedrale in die Luft gesprengt, das Bauvorhaben blieb jedoch im Ansatz stecken, es wurde lediglich das Fundament dafür gelegt.

Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre wurden in der Hauptstadt doch sieben Hochhäuser errichtet (die Entwürfe stammten von Lew Rudnew, Wladimir Gelfrejch, Michail Pos-sochin, Dmitri Tschetschulln und anderen). Wie man zu der abgeschmackt-schwülstigen Architektur dieser Kolosse (26 bis 32 Stockwerke plus Turmaufsätze) auch stehen mag, kann man nicht umhin, zuzugeben, daß sie sich in das Stadtbild organisch eingefügt und es wesentlich bereichert haben. Das läßt sich aber keinesfalls von den anderen pompösen eklektischen Bauten der stalinschen Epoche sagen.

Seit der Mitte der 50er Jahre, unter Chrustschow, entfaltete sich der großzügige Wohnungsbau nach Typenprojekten. Die Wohnviertel von fünfgeschossigen, aus Großplatten zusammengesetzten Häusern schössen in vielen Städten des Landes wie Pilze aus dem Boden. Diese Häuser, die man nach dem Gleichklang mit dem russischen Wort "Trustschoby" (auf Deutsch Elendsbehausungen) "Chrustschoby" nennt, sind ärmlich und für das Wohnen unbequem. Zugleich ermöglichte aber deren Bau Tausenden Familien, aus Gemeinschaftswohnungen und Baracken, sei es auch in kleine und schlechte, aber doch abgeschlossene Wohnungen zu übersiedeln.

Die Stagnation im Schaffen der Architekten dauerte in der Zeit Breshnews fort, als der mit eintönigen mehrgeschossigen kastenförmigen Häusern bebaute Kalinin-Prospekt, der durch historische Viertel des Zentrums der Hauptstadt durchgebrochen worden war, für ein Musterbeispiel des städtebaulichen Denkens ausgegeben wurde.

Über die Baukunst der postsowjetischen Epoche kann man mit ausreichender Vollständigkeit am Beispiel von Moskau urteilen, das nach wie vor das Hauptversuchsgelände für neue Konzeptionen in der Architektur ist. Das erste, was dabei ins Auge springt, ist, daß die Stadt dank dem farbigen Anstrich der Fassaden, der Fülle der Handelswerbung, den vielen Schildern, Kiosken und Schaufenstern viel bunter und einprägsamer geworden ist. Alte Kirchen, die in der Sowjetzeit als Lager oder Garagen benutzt wurden, werden restauriert, erlangen ein zweites Leben und die verfallenen Villen ihre einstige Pracht. Überall werden neue Gebäude errichtet, mit gebrochenen Silhouetten und riesigen verglasten Flächen, mit bizarren Türmchen und für die Hauptstadt ungewöhnlichen Mansarden.

Der heutige Baustil läßt sich als neurussisch bezeichnen, schon deshalb, weil all die Banken, Sitze der Industriekonzerne und luxuriöse Wohnhäuser vor allem für "neue Russen" vorgesehen und auf ihre Bedarfswünsche und Geschmäcker orientiert sind. Die neueste westliche Mode paart sich hier wundersam mit den altrussischen Baustilen. All das wird natürlich in gewissem Maße durch die originelle Phantasie der Autoren geprägt. Vorläufig noch kann aber nur vom Aufkommen einer neuen Welle die Rede sein: Die russische Architektur des 21. Jahrhunderts entsteht vor unseren Augen.
Wassily Kandinsky

Reliquien der letzten Moskauer Zaren

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2003 Spezial:
Sankt Petersburg und
das Bernsteinzimmer

Nirgendwo auf der Welt habe es jemals eine grandiosere Geburtstagsfeier gegeben, sagen die Russen zu den Feierlichkeiten anlässlich des 300-jährigen Stadtjubiläums.

Sankt Petersburg feiert
300. Geburtstag


Das Bernsteinzimmer im Katharinen-Palast der russischen Zaren bei St. Petersburg galt wegen seiner Schönheit über Jahrhunderte als Achtes Weltwunder.

Das Bernsteinzimmer...

Alle, die das Rätsel hätten lösen können, sind ums Leben gekommen. Das Bernsteinzimmer hat sein tragisches Geheimnis bewahrt.

Geschichte des Bernsteinzimmers

Das Bernsteinzimmer -
der Mythos


Die Welt bekommt ein Wunder zurück: Am 31. Mai 2003 öffnen der russische Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder der Öffentlichkeit die Türen zum legendären Bernsteinzimmer.

Rekonstruktion des Bernsteinzimmers abgeschlossen


peter_link.htm

2002 Spezial:
Glanz und Blut

Russland im 16. Jahrhundert. Die Kirchen des Moskauer Kremls erstrahlen bereits in ihrer ganzen russischen Pracht. Woher kam das Gold der Zaren?

Unbekannte Moskowiter

Ende des 17. Jahrhunderts nimmt mit Peter dem Großen ein neuer, starker Mann die Zügel in die Hand. Er verleiht dem Land imperiale Züge und legt einen weiteren Grundstein für das Zarenvermögen.

Peter der Große

Der Krieg Russlands gegen Napoleons Truppen hatte auch Moskau schwer in Mitleidenschaft gezogen. Nach der Eroberung der Stadt hatten es die Franzosen besonders auf die Kunstschätze im Kreml abgesehen. St. Petersburg blieb verschont.

Goldrausch

Goldene Zeiten: die wichtigsten und schönsten Schätze der Zaren.

Russische Schätze
Hermitage Museum, St. Petersburg
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letzte Änderung 06.05.2004