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 Russland Landschaft, Natur


nowgorod.html
Sommer in Irkutsk
Text und Bild: Veronika Hager von Strobele
Kurzes Erwachen aus dem Winterschlaf
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Im Osten nichts Neues. Das ist unser erster Eindruck auf dem Weg vom altmodischen Flughafen in die Stadt. Auch sechs Flugstunden östlich von Moskau ist das Straßenbild ein vertrautes: Heruntergekommene Plattenbauten, löchriger Asphalt und klapprige Autos.
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In der Peripherie von Irkutsk sieht es aus wie in jeder anderen russischen Provinzstadt. Dabei ist die südsibirische Metropole an der Mündung des Irkut in die Angara alles andere als farblos.
Vor allem während der kurzen Sommermonate verwandelt sich die Natur rund um die 650 000-Einwohner-Stadt zur üppigen Kulisse. In einem breiten Bogen umspült die Angara, einziger Abfluss des Baikalsees, die Altstadt Irkutsks. Tiefblau blitzt der Fluss im glasklaren Morgenlicht. Entlang der Uferpromenade blüht der Flieder. An schmalen Sandstränden reihen sich schneeweiße Körper. Ins eisige Wasser traut sich jedoch noch keiner. Dabei sind die Menschen hier arktische Temperaturen gewöhnt. Im Winter sinkt die Quecksilbersäule regelmäßig auf minus Vierzig Grad. An heißen Sommertagen wie diesen schwer vorstellbar.
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Über eine holprige Schotterstraße gelangen wir in die Uliza Ostrowskogo unweit des Bahnhofs. Hier beziehen wir ein Zimmer im bekannten Amerikanskij Dom, einer kleinen Frühstückspension unter der Ägide eines russisch-amerikanischen Ehepaars.
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Der Blick vom Balkon fällt auf die Gemüsegärten angrenzenden Holzhäuser, der vorherrschenden Bauform in der Altstadt Irkutsks. Im Übrigen sind private Obst- und Gemüsegärtchen im Stadtzentrum nicht die Ausnahme sondern die Norm. Jeder Hinterhof wird zur warmen Jahreszeit zum Anbau von Kohl, Karotten, Gurken und Tomaten genutzt.
Angesichts der strahlenden Sonne beschließen wir, die Altstadt zu Fuß zu erkunden. Erstes Ziel unseres Rundganges sind die berühmten Dekabristen-Häuser. Die Geschichte Sibiriens und insbesondere der Stadt Irkutsk ist eng mit der Geschichte der Dekabristen verbunden. Im Dezember 1825 hatten sich in St. Petersburg adelige Offiziere, die mit den Ideen der französischen Revolution in Kontakt gekommen waren, gegen die Herrschaft des Zaren erhoben. Ùber einhundert Revolutionäre der Bewegung wurden zu lebenslanger Strafarbeit nach Sibirien verbannt. Darunter auch der Anführer der Bewegung, Fürst Sergej Trubezkoj, dessen Haus in ein Museum verwandelt wurde. Die hier ausgestellten Bilder und Möbel der Familie sind allerdings ohne Erläuterung einer Führung nicht sehr aussagekräftig. Neben dem schlichten Trubetskoj-Haus hat sich das hölzerne Landhaus eines anderes Dekabristen, des Grafen Sergej Wolkonskij, erhalten. Die Fassade der herrschaftlichen Residenz ist mit Schnitzereien überladen und schaut nach Renovierungsarbeiten aus wie neu. Vielleicht sogar zu neu.
An der Wasserpumpe vor dem zweistöckigen Holzhaus unterhalten sich zwei alte Frauen in Pantoffeln über Tomatensetzlinge. Während die eine Frau angestrengt pumpt, lädt die andere gefüllte Blechbehälter auf einen Holzwagen. Die Wasserversorgung im Zentrum von Irkutsk ist Schwerarbeit. Die meisten der malerischen Holzhäuschen haben kein fließendes Wasser. Vor allem entlang der menschenleeren Uliza Dekabrskich Sobytij, unweit des Volkonskij-Hauses reihen sich Meisterwerke sibirischer Holzarchitektur. Ihr Ùberleben scheint gefährdet: Überall blättert der verblichene Anstrich in dicken Stücken ab. Einige Häuser sind verlassen und verbarrikadiert, andere so windschief, dass wir einen weiten Bogen um sie machen. In versteckten Innenhöfen türmt sich Müll und Bauschutt.
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Szenenwechsel an der Uliza Karla Marxa: Herrschaftliche Steinbauten, großtenteils in gutem Zustand, schaffen ad hoc ein großstädtisches Flair. "Paris des Ostens", wie Irkutsk im 19. Jahrhundert bezeichnet wurde, scheint auch heute noch als Übernahme passend. Dennoch verirren sich hierher Touristen selten. Dagegen haben ausländische Geschäftsleute den Weg nach Irkutsk gefunden. Grell blinkt das Neonschild eines westlichen Sportgeschäfts. Auch italienische Modegeschäfte fehlen nicht. Nur Käufer sind dünn gesät.
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Gegen Abend belebt sich die Straße. Jung und Alt flaniert am Wasser vor dem Weißen Haus, dem ehemaligen sibirischen Gouverneurssitz. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, so, als wollte man die wärmende Sonne bis zum Letzten auskosten. Nur zu gut ist man sich hier der Vergänglichkeit sommerlichen Lebensgefühls bewusst.
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