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 Russland Landschaft, Natur


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Russlands dritte Hauptstadt liegt an der Wolga
Text und Bild: Gerit Schulze
Die Millionenstadt Samara schwankt zwischen Industrieort und Idylle
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Stramm nimmt die "Estonia" Kurs auf die Shiguli-Berge. Das Interieur hat den Charme der 70er Jahre, doch das Baujahr liegt noch weiter zurück. 1955 wurde das Motorboot auf einer tschechischen Werft gebaut, seitdem kreuzt es auf der Wolga zwischen Nischnij Nowgorod und Astrachan, Heimathafen Samara.
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Die weißen und blauen Farbschichten an Bug und Heck sind mächtig dick vom ständigen Überpinseln, manches Rostloch hat gleich einen kräftigen Pinselstrich mit abbekommen. Nikolai Alexejew kennt den Kahn seit 1979, als er zum ersten Mal als Wachtposten auf der Kommandobrücke stand. Auf das Boot lässt er nichts kommen, "das arbeitet völlig stabil", versichert der Seemann, und der Schiffsname, der Fremde an die Ostsee-Unglücksfähre erinnert, ist für ihn überhaupt kein schlechtes Omen.
Die goldenen Zeiten der Wolga-Schifffahrt sind aber längst vorbei. "Heute bestellt kaum noch jemand eine Tour", resigniert der 62-Jährige. Ein paar Geschäftsleute, manchmal eine Schulklasse, das war's. Die meiste Zeit liegt die "Estonia" vertäut am Hafen von Samara, Schiffsjungs und Maschinisten vertreiben sich mit Kartenspielen die Zeit.
Die Wolga ist Samaras Seele. In dreieinhalb Kilometer Breite strömt sie zu Füßen der 1,2-Millionen-Stadt. Auf einen Mitteleuropäer wirkt sie wie ein Meer mit ihrer gigantischen Ausdehnung und den goldgelben Sandstränden. An den Hängen ragen die einstigen Arbeitersanatorien über den Baumzipfeln heraus, gleich daneben stehen die Protztempel der "Neuen Russen" Samaras.
Rita genießt schon seit 10 Uhr morgens am Flussufer die warme Julisonne. So lassen sich heiße Sommerferien aushalten. Es sind ihre letzten Schulferien, denn gerade hat die 17-Jährige ihre letzte Prüfung abgelegt. Jetzt freut sie sich auf die Universität. Keine Frage, dass sie in Samara bleiben und hier Geschichte studieren will. "Wo soll ich denn hin?" Moskau sei weit und teuer und ganz und gar nicht so behaglich wie ihr Heimatstädtchen, meint sie. Natürlich gibt es dort bessere Jobchancen, räumt Rita ein. Aber vorerst will sie ihrer Heimat treu bleiben, bevor sie in die große weite Welt aufbricht.
Ihre Heimat, das sind vor allem zwei historische Hauptstraßen im Stadtzentrum, ein McDonald's, eine Menge Plattenbausiedlungen und vor allem Industrie. In und um Samara werden Autos, Flugzeuge und Schokolade hergestellt, Öl gefördert, Fisch gefangen und Bier gebraut. Der zweite Weltkrieg hat aus der einstigen Zarenfestung ein Ballungszentrum gemacht. Stalin wollte die Stadt, die damals Kuibyschew hieß, zur neuen Hauptstadt ausbauen, als die faschistischen Truppen auf Moskau zumarschierten. In einem Geheimdekret verfügte er 1941 die Evakuierung von Betrieben, Botschaften und dem Bolschoi-Ensemble.
Der sogenannte Stalin-Bunker - 42 Meter tief unter der Kunsthochschule - ist heute einer der Hauptsehenswürdigkeiten Samaras. Jahrzehntelang war er verschwiegen worden und danach unzugänglich. Nur per Führung werden die Besucher durch die heiligen Gemache des Despoten geführt, die Stalin selbst allerdings nie betreten hatte. Nur seine Familie war an die Wolga umgesiedelt worden, er selbst organisierte weiter vom Kreml aus die Verteidigung des Vaterlandes.
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Trotzdem war es Stalin, der die deutsche Geschichte Samaras fast vollständig auslöschen ließ. Einst war die Wolgastadt ein Zentrum der Russlanddeutschen. Ein Deutscher führte das Heer auf der Burg an, ein deutsches Bruderpaar hatte die erste Wasserleitung der Stadt verlegt und von 1853 bis 1861 war der Russlanddeutsche Konstantin Groth sogar Gouverneur von Samara. Als Stalin die deutsche Minderheit in seinem Land der Kollaboration mit den Faschisten verdächtigte, wurden auch Samaras Deutsche in die kasachische Steppe oder nach Sibirien deportiert.
Unterdessen sind rund 10 000 ihrer Nachkommen in die Region zurückgekehrt. Mitten im Stadtzentrum schlägt Sonntagmorgen wieder die Glocke der lutherischen Kirche und ruft die Gläubigen zum Gottesdienst. Für Olga Temirbulatowa ist das ein kleines Wunder nach der brutalen Geschichte, die der St.-Georg-Gemeinde nach 1924 widerfahren ist. "Bis dahin konnten Lutheraner hier ein ganz normales Religionsleben führen", erzählt die Vizevorsitzende des Gemeinderates. Doch dann begannen die Repressionen, 1930 wurde das Gotteshaus endgültig geschlossen. Zum Hohn überließen die Kommunisten dem "Bund der Gottlosen" die Kirche, die fortan lästernde Tagungen vor Kreuz und Altar abhielten.
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"Als Ende der 80er Jahre ein Nachtclub in das Haus einziehen sollten, stiegen unsere Chancen, die Kirche zurückzubekommen", erinnert sich Gemeindeaktivistin Temirbulatowa. Denn diese Idee ging dann selbst den Stadtvätern von Samara zu weit. Inzwischen hatte die Perestroika den Windhauch der Toleranz bis an die Wolga geweht, und dazu gehörte auch die Religionsfreiheit. "Am 19. August 1991 wurden wir wieder als Gemeinde registriert", sagt die 43-jährige.
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Sie weiß es noch so genau, weil just an jenem Tag in Moskau Putschisten versuchten, das Ruder der Geschichte noch einmal herumzureißen. "Drei Monate lang haben wir dann ausgemistet." Im Kirchensaal hatte ein Bildhauer derweil sein Quartier, nun standen dort die steinernen Figuren von Parteibonzen herum. Der erste Gottesdienst fand ohne Heizung im Dezember 1991 statt. "Draußen waren 20 Grad minus, und in der Kirche war es nicht viel wärmer."
Heute hat die Gemeinde rund 300 Mitglieder, nur die Hälfte davon sind Deutschstämmige. Manche russischen Studenten kommen, weil sie die deutsche Sprache lernen wollen, anderen liegt der lutherische Glauben mehr als der orthodoxe. "Bei uns geht es demokratischer zu, bei den Orthodoxen ist alles sehr streng und mit viel Zauber vermischt", findet die stellvertretende Gemeinderatsvorsitzende.
Die St.-Georgs-Kirche strahlt äußerlich schon deutlich heller als die umliegenden Häuser in der Haupteinkaufsstraße von Samara. Viele der alten Holzhäuser aber sind in erbärmlichen Zustand, alte Mütterchen schleppen kübelweise Wasser in ihre Hütten. Immer mehr dieser Denkmäler des historischen Samara der Zarenzeit weichen Ziegelbauten im Einheitslook. Im Ort gibt es kaum Protest dagegen. "Die Leute, die darin wohnen wollen ja selbst, dass die Häuser abgerissen werden", erzählt Olga Temirbulatowa. Auch sie wohnt in einem dieser Katen. "Die Wände sind schief und die Toilette ist auf dem Hof. Stellen Sie sich das bei 40 Grad minus im Winter vor!", verteidigt sie ihre Mitbewohner, die selten ihre Stimme gegen den Verlust dieser Stückchen Heimat erheben.
Am 15. Juli sind in Samara Bürgermeisterwahlen, und auch das Thema der alten Isbas rückt auf die Tagesordnung des politischen Streits. Ein paar Hobbywahlkämpfer haben an die Kaimauer der Wolga schon mal die Parole ausgegeben: "Stimmt nicht für die drei Dicken". Rita blickt bei ihrem Sonnenbad jeden Tag auf die Losung und kann sich nicht recht vorstellen, wer damit gemeint sein könnte. "Kandidaten für die Wahlen sind bei uns doch alle dick."
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