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nowgorod.htm
Besuch in Nowgorod - der ältesten russischen Stadt

Text und Bild: Gerit Schulze


    "Große Städte - große Probleme, kleine Städte - kleine Probleme", sinniert Nikolaj Alexanjan und blickt zufrieden hinunter auf seinen Heimatort mit den goldenen Kreml-Türmchen, blitzblanken Straßen und gepflegten Blumenrabatten.

Tatsächlich scheinen die Probleme des "Großen Herren Nowgorod", wie die Stadt im Mittelalter hieß, im russischen Vergleich verschwindend klein. Schon fast 200 ausländische Firmen haben sich in der Region angesiedelt, jedes Jahr fließen 100 Millionen Dollar ausländisches Investitionskapital nach Nowgorod und Umgebung. Dank eines Weltbank-Kredites bewältigen 80 schmucke Mercedes-Busse den öffentlichen Nahverkehr, das Hotel "Wolchow", im Reiseführer von 1996 noch als billigste Absteige der Stadt geadelt, ist heute eine Nobelresidenz mit Kasino und Beauty-Salon. Selbst der notorisch nörgelnde "Spiegel" titulierte den Ort als "Stadt der Hoffnung".

Ein Gouverneur, der Leninbüsten und Stalinfiguren sammelt, ist Vater dieses Erfolges: Überall in der Stadt verweist man auf ihn - auf Michail Prussak, der vor einem Jahr von 91 Prozent seines Wahlvolks im Amt bestätigt wurde.    

Schon im 12. Jahrhundert wählten sich die Nowgoroder Händler in der Bürgerversammlung "Wetsche" ihren Fürsten selbst. Und wenn er ihnen nicht mehr passte, jagten sie ihn per Abstimmung wieder von dannen. Erst 1570 machte Iwan der Schreckliche dem republikanischen Treiben ein Ende und beendete die Ära des blühenden Handelsplatzes.

Vor fünf Jahren hat Michail Prussak (zu deutsch: "Der Preuße") eine neue Blütezeit in Welikij Nowgorod eingeläutet, mit für Russland revolutionären Schritten. Unternehmer müssen erst Steuern zahlen, wenn sie ihre Investitionen wieder eingespielt haben. Landeigentum ist sogar für Ausländer möglich, wenn sie Produktionsbetriebe errichten.

Entscheidungsstrukturen und Registrierungsverfahren bei den Regionalbehörden wurden entschlackt und vereinfacht. "Auch ein Unternehmen, das keine Steuern zahlt, schafft Arbeitsplätze und sorgt für Aufträge bei anderen Firmen. Dadurch sinkt unser Steueraufkommen nicht, sondern steigt", argumentiert Prussak klassisch liberal und hat Erfolg damit: Während im Rest des Riesenreiches das Bruttoinlandsprodukt seit 1995 jährlich um 2,7 Prozent gesunken ist, stieg es in der Region Nowgorod zur selben Zeit um fast vier Prozent per anno.

    Inzwischen heimst die Politik des 40-jährigen Gouverneurs Anerkennung und Preise in aller Welt ein: Europarat und US-Regierung loben die Region als äußerst investorenfreundlich, selbst Präsident Putin macht dem Politiker Avancen.

Im Februar dankte er ihm für seine "gewissenhafte Arbeit und sein Streben nach wirtschaftlichen Reformen". Für ein Staatsoberhaupt, das seine Gouverneure am liebsten an der kurzen Leine hält, fast ein Sprung über den eigenen Schatten.


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letzte Änderung 06.05.2004