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 Russland Land und Leute

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Weltwunder aus dem Gold der Ostsee von Anne Gellinek |
St. Petersburg feiert seinen 300. Geburtstag und pünktlich zum Stadtjubiläum wird das berühmte Bernsteinzimmer im Katharinenpalast von Zarskoje Selo wieder eröffnet.
Petja wühlt mit dem Spaten in der lehmigen Erde, als ob sein Leben davon abhinge. Ab und zu lugt er aus der drei Meter tiefen Grube, guckt ob die Luft rein ist. Mit den Fingern betastet er die Klumpen blaugrauen Lehms und klaubt drei unscheinbare graue Brocken heraus. "Was ich hier mache? Ich verdiene Geld. Für so kleine Dinger kriege ich allerdings höchstens fünf Dollar pro Kilo. Also weitermachen, bevor die Aufpasser mich kriegen!"
 Bernsteinabbau im Kaliningrader Gebiet
Wir sind im Bernsteinland, an der russischen Samlandküste im ehemaligen Ostpreußen. Die "Aufpasser" verprügeln jeden der illegalen Glücksritter erbarmungslos. Engagiert hat sie der Bürgermeister, der den illegalen Bernsteinhandel endlich austrocknen will. Eine fast unmögliche Aufgabe, solange der honigfarbene Stein begehrt und die Leute im Gebiet Kaliningrad arm sind.
Bernsteinabbau ist eine Staatsangelegenheit in Russland und in den letzten Jahren ganz besonders: Nur die dicksten Brocken und die klarsten Steine schaffen es dorthin, wo aus Bernstein ein Wunder geschaffen wird: in den Katharinenpalast bei Sankt Petersburg. 500 Dollar kostet ein Kilo bester Qualität, und für das neue Bernsteinzimmer in Sankt Petersburg wurden Tonnen gebraucht.
 Bernsteinschnitzer
In der "Masterskaja", der Bernsteinwerkstatt in Sankt Petersburg, lärmen Bohrer und kratzen Polierbürstchen, es wird gefeilt und gehobelt. Die Spezialisten legen letzte Hand an, um das neue Bernsteinzimmer fertig zu stellen. Nach fast 20 Jahren Arbeit - Handwerk ebenso wie hohe Kunst - Endspurt vor der festlichen Übergabe zur 300-Jahr-Feier von Sankt Petersburg am 31. Mai. Bis dahin muss jedes noch so kleine Detail an die richtige Stelle. Barocke Pracht aus einer halben Million Bernsteinstückchen.
Oleg Muraschow hält ein halbdurchsichtiges geschwungenes Plättchen gegen das Licht. "Bernstein ist ein anspruchsvoller Stoff, wir nennen ihn "Seife", weil man bei der Bearbeitung schnell mit dem Bohrer abrutscht oder ein Stück abbricht, und dann kann man die Arbeit von zwei Monaten wegschmeißen."

Mosaike und Schnitzereien bedecken wieder die Wände der 100-Quadratmeter-großen "Glitzerkammer" und sollen bei der Eröffnung die Besucher in helles Staunen versetzen. Wie einst das Geschenk des preußischen Soldatenkönigs für Zar Peter den Großen. Nicht umsonst wurde das Bernsteinzimmer das achte Weltwunder genannt. Und nicht umsonst rankt sich eine Legende um das Juwel, das in den Kriegswirren des Zweiten Weltkriegs verloren ging.
 Detail aus dem Bernsteinzimmer
Eigentlich ist Oleg Muraschow Elektrotechniker. Doch als der deutsche Ruhrgas-Konzern begann, die Wiederherstellung des verschollenen Bernsteinzimmers zu sponsern, schmiss der Hobby-Juwelier seinen Job: Nach jahrelangen Finanzproblemen stellte die "Masterskaja" nun zusätzliche Talente ein. Oleg hat es nicht bereut, auch wenn er nicht weiß, wie es mit der Werkstatt nach der Fertigstellung des Zimmers weitergeht. "Vielleicht," sagt er, "guckt ja irgendein Ölscheich zu, wenn Kanzler Schröder das Bernsteinzimmer im Mai übergibt. Und bestellt sich dann auch so ein Weltwunder."

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Bernstein - "Gold des Nordens"
von Diplom-Ethnograph Ulf Erichson, Direktor des Deutschen Bernsteinmuseums Ribnitz-Damgarten |
Für die Menschen des Altertums war der Bernstein das "Gold des Nordens". Der Römische Dichter Ovid nannte ihn vor 2000 Jahren "Tränen der Götter".
Entstanden ist der Baltische Bernstein in riesigen Kiefernwäldern auf dem Gebiet des heutigen südlichen Skandinaviens vor ca. 50 Millionen Jahren während des Tertiärs. Damals herrschte hier ein subtropisches Klima. Das Harz der Bernsteinbäume floss reichlich, aber nur das Harz, das bald nach seinem Austritt unter Luftabschluss gelangte, härtete aus und wurde zu Bernstein.
Der Baltische Bernstein wurde mehrfach umgelagert. Die erste große Umlagerung vollzog sich vor ca. 32 Millionen Jahren, als Bernstein von großen Flüssen zusammengeschwemmt wurde. So entstand die heutige Hauptlagerstätte des Baltischen Bernsteins auf der Halbinsel Samland (heute Gebiet Kaliningrad; Russland). Der Bernstein liegt hier in Ton- und Sandablagerungen, der sogenannten "Blauen Erde", die heute im Tagebau gefördert wird. Eine zweite große Umlagerung vollzog sich während der Eiszeit. Durch Gletscher und Schmelzwasserströme wurde Bernstein sogar bis vor die englische Küste transportiert. In der Nord- und Ostsee wird er heute zusammen mit dem Sprockholz - einem Gemisch aus Seetang und Holzresten - an den Strand gespült. Die Suche nach Bernstein am Strand ist zur Zeit der Winterstürme besonders erfolgversprechend, denn die starken Wellen legen hin und wieder Bernstein am Strand ab.
Einschlüsse im Bernstein (Inklusen) sind bei Sammlern begehrt. Diese Stücke konservierten Insekten, aber auch Blättchen oder Blüten längst untergegangener Bäume. Bereits die Menschen der Jungsteinzeit schätzten den Bernstein, der - zu Perlen oder kleinen Figuren verarbeitet - oft auch als Amulett getragen wurde. Im ersten Jahrtausend vor Christi war Bernstein ein begehrtes Handelsgut für die Hochkulturen im Mittelmeerraum. Auf den sogenannten "Bernsteinstraßen" gelangte das Gold des Nordens vom Baltikum bis ans Mittelmeer. In der Antike nannten die Griechen das geheimnisvolle Material, das wegen seiner elektrostatischen Aufladung in der Lage war, kleine Papier- oder Staubteile anzuziehen, "Elektron", ein Wort, das uns heute noch als "Elektrizität" begegnet.
Im Mittelalter verwandte man den Bernstein fast ausschließlich für die Herstellung von Rosenkränzen. Es bestand das "Bernsteinregal", ein Gesetz, das dem jeweiligen Landesherrn im Samlandgebiet das Monopol über den Bernsteinhandel sicherte. Es ging vom Deutschen Orden im Jahr 1525 auf die Herzöge von Preußen über. Apotheken boten weißes Bernsteinpulver als vermeintliches Medikament feil.
Im 16. und 17. Jahrhundert nutzten die preußischen Herrscher ihren einheimischen Schatz - den Bernstein - für ihre Repräsentationszwecke und ließen verschiedenartige Zier- und Gebrauchsgegenstände aus dem kostbaren Material fertigen. Hunderte von Bernsteinkunstgegenständen, darunter Pokale und Dosen, Konfektschalen und Degengriffe, vom preußischen Hof in Auftrag gegeben, gelangten so als Hochzeits- und Diplomatengeschenke in viele Kunstsammlungen europäischer Fürsten- und Herrscherhäuser. Zentren der kunsthandwerklichen Bernsteinbearbeitung waren im 17. Jahrhundert die Städte Königsberg und Danzig.
1701 gab der preußische König Friedrich I. den Auftrag, in seinem Berliner Schloß ein ganzes Zimmer mit Bernstein auszukleiden. 1716 erhielt der russische Zar Peter I. dieses größte je aus Bernstein gefertigte Kunstwerk zum Geschenk. Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert und der Erkenntnis über den natürlichen Ursprung des Bernsteins ging das höfische Interesse am Bernstein nach 1750 zurück.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hält der Bernstein Einzug in die Volkskunst. In einigen Gegenden Europas gehörten facettierte Bernsteinketten zur Hochzeitstracht der Bauern.
Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Bernstein fast ausschließlich durch Strandlese gewonnen. Um 1890 begann im Samlandgebiet in Ostpreußen die großtechnische Gewinnung des Bernsteins. So gelangte das Rohmaterial günstig auf den Markt, und der Schmuck aus Bernstein wurde in dieser Zeit größeren Bevölkerungsschichten zugänglich.
Heute ist Bernstein ein ebenso beliebter Schmuckstein wie vor 100 Jahren. Der neuste Trend ist künstlerisch gearbeiteter individueller Bernsteinschmuck. Dabei wird eine neue Sichtweise auf das Material Bernstein erkennbar. Der Bernstein wird mehr und mehr als natürlich entstandenes Material geachtet, seine vielfältigen Formen und Farben werden bewusst genutzt. In Polen sind über 60 Künstler in eigenen Werkstätten tätig und fertigen heute individuellen künstlerisch gearbeiteten Bernsteinschmuck. In Litauen, Dänemark und Deutschland sind es jeweils ca. 30 Künstler, die bevorzugt mit dem Material Bernstein arbeiten.
Das Deutsche Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten präsentiert heute die umfangreichste Ausstellung zum Thema Bernstein in Deutschland. An Hand von über 1000 historischen Exponaten wird die Naturkunde sowie die Kunst- und Kulturgeschichte des Baltischen Bernsteins dargestellt.
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