neu im Kino ...
EMIL UND DIE DETEKTIVE,
D 2000 – Regie, Buch: Franziska Buch, nach dem Roman von Erich Kästner. Kamera: Hannes Hubach. Musik: Gullatz, Malz. Mit Tobias Retzlaff, Anja Sommavilla, Maria Schrader, Jürgen Vogel, Kai Wiesinger. Verleih: Constantin, 100 Minuten.

Wenn Erich Kästner für Kinder schrieb, verstellte er seine Stimme nicht. Er machte sich nicht klein und verspottete jene „ahnungslosen“ Kinderbuchautoren, „die, weil Kinder erwiesenermaßen klein sind, in Kniebeuge schreiben“. Er nahm Kinder ernst, mehr noch, sie waren für ihn das Prinzip Hoffnung: „Kinder sind dem Guten nah wie Stubennachbarn; sie sind die einzigen, die reif sind für unsere Ideale der Mitmenschlichkeit“. Die Erwachsenen, die nichts besseres zu tun haben, als ihre Kindheit zu vergessen, wollte er in eine „Schule für schwer erziehbare Erwachsene“ stecken. Wenn Kästner müde war vom Kampf „gegen die Trägheit der Herzen und die Unbelehrbarkeit der Köpfe“, dann tat es ihm „über die Maßen wohl“, sich Geschichten für Kinder auszudenken. Dann erzählte er von kleinen Helden, die sich gegen üble Gauner solidarisieren; die fähig sind, kaputte Ehen und Freundschaften zu kitten; die immer helfen, wenn Not am Mann ist; die das feinste Gespür für Gerechtigkeit, Freundschaft und Aufrichtigkeit haben – und der lebendigste Beweis für Kästners kategorischen Imperativ sind: „Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es!“

Sein erstes und erfolgreichstes Kinderbuch, „Emil und die Detektive“, erschien 1928, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und sechsmal verfilmt. Nun erobert Emil das heutige Berlin in einer liebenswerten, spannenden Neuverfilmung, die den Charme des Romans bewahrt und zugleich eine geschickt modernisierende Neuformulierung des Stoffes ist. Emil hat keine Großmutter, Gustav keine Hupe, das schäbige Hotel am Nollendorfplatz wird zum mondänen „Adlon“, aus den 140 Mark, die Emil im Roman seiner Oma bringen soll, werden 1500 Mark, mit denen er in Berlin einen gefälschten Führerschein für seinen arbeitslosen Vater kaufen will. Die familiären Verhältnisse der Kinder sind – in knappen, pointierten Andeutungen – prekärer und zerrütteter gezeichnet als im Roman, und die Kinderbande wird deutlicher zu einem Ersatz-Zuhause.

Erstaunlich und erfreulich, dass es der Drehbuchautorin und Regisseurin Franziska Buch gerade dort am besten gelingt, dem Geist Kästners treu zu bleiben, wo sie Figuren und Konstellationen neu erfindet. Zum Beispiel Pony Hütchen: im Roman ist sie eine Nebenfigur, hier wird sie zur Chefin der Kinderbande. Ein selbstbewusstes, quirliges Mädchen, das Emil so tatkräftig zur Seite steht, wie es Pünktchen mit Anton getan hat. Hin und wieder bleibt die Emil-Modernisierung allerdings im Äußerlichen hängen. Da wird dann ein Teenie-Konsumkultur-Katalog abgehakt: vom Inline-Skating über Hiphop bis zum Graffiti-Sprühen. Aber diese wenigen Momente einer modisch sich eher anbiedernden Rhetorik fallen aufs Ganze nicht ins Gewicht.

Die schönsten Neuerfindungen sind die Figuren des pfiffigen Gypsi und der schusseligen Pastorin Hummel. Gypsi wird als Emil-Double in die idyllische Villa der Pastorin geschickt, damit Emil mit seinen „Detektiven“ die Verfolgung des Bösewichts Max Grundeis ungehindert aufnehmen kann. Pastorin Hummel predigt gern und viel von den Werken der Nächstenliebe und überlässt den lästigen Part der Ausführung meist ihrem Sohn Gustav. Gypsi spürt sofort, welche Masche er abziehen muss, damit er das Herz der Pastorin rührt. Er wirft mit Mitleid heischenden Hundeblicken um sich und hat schon gewonnen. Gustav wird abkommandiert, sein letztes Hemd für Gypsi herzugeben. Hier erreicht Franziska Buchs Charakterzeichnung mit Präzision und Witz die größte Überzeugungskraft. Kästner hätte an dieser Predigerin des Guten gewiss seine Freude gehabt.

Maria Schrader offenbart in der Darstellung der Pastorin ein herzerfrischendes komisches Talent. Dem Gauner Grundeis verleiht Jürgen Vogel bravouröse Fiesheit: vampirscharfe Eckzähne, weißblond gebleichtes Haar, rote Stiefel. Man liebt es, ihn zu hassen. Kai Wiesinger gibt dem Vater Emils anrührende, aber ohne Sentimentalität gezeichnete Konturen. Getragen wird der Film von der übersprudelnden Spielfreude der Kinder. Allen voran die hinreißende Anja Sommavilla als Pony Hütchen und der sympathisch-zurückhaltende Tobias Retzlaff als Emil.

RAINER GANSERA