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Das russische Ballettheater
Es wurde ursprünglich als ein Hoftheater gegründet. Die ersten Ballettvorstellungen wurden bereits Ende des 17. Jahrhunderts beim Hof des Zaren Alexej Michailowitsch ab und zu gegeben (zum Beispiel das "Ballett über Orpheus", 1675). Unter Peter l. und besonders unter Jelisaweta fanden sie eine immer weitere Verbreitung.
Die Grundlagen der russischen Schule des klassischen Ballettanzes wurden seit dem 17. Jahrhundert geschaffen.
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1738 öffnete die Petersburger Ballettschule (heute die St.-Petersburger Tanzakademie "Agrippina Waganowa") ihre Pforten, 1773 wurde im Moskauer Erziehungsheim eine Ballettabteilung eröffnet, die Vorgängerin der Moskauer Ballettschule. Feste Ballettruppen entstanden in Petersburg 1736, in Moskau 1806.
Das Ballett bildete sich in Rußland unter dem Einfluß von zwei gleichbedeutenden Faktoren heraus: der westlichen choreographischen Tradition, die von zahlreichen ausländischen Choreographen, die hier seit dem 18. Jahrhundert arbeiteten, hineingetragen worden war, und des russischen Folkloretanzes.
Der Weltruhm des russischen Balletts verknüpfen wir mit dem Namen von Charles Didelot (1767-1837), dessen Aufführungen nach Meinung von Alexander Puschkin, "von lebhafter Phantasie und ungewöhnlichem Anmut erfüllt" waren. Programmatisch war für Didelot die Einheit der musikalischen und choreographischen Dramaturgie. Das Schaffen dieses Choreographen leitete eine qualitativ neue Entwicklungsetappe des russischen Balletts ein.
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gestaltete sich die russische Ballettkunst als nationale Schule. Die Stellung des Balletts unter den anderen Theaterarten war privilegiert. 1825 wurde in Moskau das Bolschoi-Theater eröffnet.
Beim Werdegang des Ballettheaters der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Rolle von Marius Petipa und Lew Iwanow, Vorboten der Sinfonik in der Choreographie, schwer zu überschätzen. Petipa war bestrebt, den Tanz möglichst "musikalisch" zu gestalten, mit dem "Tanzorchester" das zu beweisen, was die Musik des Hofkomponisten Pugni nicht auszudrücken vermochte. Petipa sorgte für das lange szenische Leben der Ballette von Tschaiko-wski und Glasunow, schuf die Ästhetik des akademischen Balletts. Lew Iwanow (Assistent von Petipa) suchte in seinen Aufführungen nach einer neuen Bildhaftigkeit des Tanzes. Er baute zum Beispiel die Choreographie des lyrischen Dramas der Odette und die Gestalten ihrer Freundinnen, der Schwäne, in sinfonischer Entwicklung auf.
Anfang des 20. Jahrhunderts werden die Namen von Choreographen Michail Fokin, Alexander Gorski, Kassijan Golejsowski und Fjodor Lopuchow weitgehend bekannt, die Inhalt und Form des russischen Balletts erneuerten. Der Interessenkreis von Fokin war erstaunlich breit:
Er kannte sich sehr gut In Malerei, Musik und Literatur aus. Sein "Sterbender Schwan" zu Musik von Saint-Saens, "Chopiniana", "Petruschka" zu Musik von Igor Strawinsky, "Polowetzer Tänze" in der Oper "Fürst Igor" von Alexander Borodin nahmen einen würdigen Platz im Repertoire des russischen und des Weltballetts ein. Den Aufführungen von Fokin, der Musik des Komponisten Igor Strawinsky und der Kunst des Tänzers Vaclav Nijinski verdankten die "Russischen Saisons" in Paris, die am Anfang des Jahrhunderts von Sergej Djagilew organisiert worden waren, ihren schlagenden Erfolg.
In den 20er Jahren vereinigten sich junge Ballettänzer Moskaus um das "Kammerballett" von Golejsowski, der nach einer neuen Aussagekraft des Tanzes in der sportlich-akrobatischen Technik und Rhythmoplastik suchte. Unter der Leningrader Ballettjugend war damals Fjodor Lopuchow populär, der eine organische Synthese des akademischen Tanzes mit der für den Alltag charakteristischen Geste geschaffen hatte. Interessant und fortschrittlich war die Hinwendung von Lopuchow zum Genre der "Tanzsinfonie", das er als erster mit der Aufführung des Balletts "Die Größe des Weltalls" zur Musik der 4. Sinfonie von Beethoven in die Praxis einführte.
Der Inhaltsreichtum des Balletts in der sowjetischen Periode war vor allem auf die Hinwendung zur Interpretation von Werken der klassischen Literatur zurückzuführen. Es entstand das sogenannte dramatische Ballett - das Ballett-Schauspiel. Solche Aufführungen, wie zum Beispiel "Der Springbrunnen von Bacht-schissarai", "Romeo und Julia" und "Laurencia" der Choreographen Rostislaw Sacharow, Leonid Lawrowski und Wachtang Tschabukiani, wurden nach den Gesetzen des Schauspiels aufgebaut, waren realistisch und großangelegt. Der Erfolg dieser Aufführungen hing in vieler Hinsicht von der Piejade vortrefflicher Interpreten ab, die eine neue Ästhetik im Ballett realisierten: vom Tanz in der Gestalt zur Gestalt im Tanz. Ein besonderer Platz kommt dabei zu dem poetischen Genie von Galina Ula-nowa, der würdevollen Schönheit von Marina Semjonowa, der Freude der Lebensbejahung von Olga Lepeschinskaja, der Brillanz der ausgeprägten Individualitäten von Natalja Dudinskaja, Konstantin Sergejew, Michail Gabowitsch, Pjotr Gussew, Alexej Jermolajew, Juri Shdanow, Sergej Koren, Assaf Messerer und vieler anderer.
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Spricht man von dem russischen Ballett der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so kann man nicht den Namen des hervorragenden Choreographen Juri Grigorowitsch, der dreißig Jahre lang das Ballett des Bolschoi-Theaters geleitet hat, unerwähnt lassen. Grigorowitsch hat seinen eigenen Stil im Ballett geschaffen, für den der aussagekräftige Männertanz, die Eleganz und klassische Raffiniertheit der Frauenpartien, der epische Atem und der Schwung der Aufführungen kennzeichnend waren. Unter den Arbeiten von Grigorowitsch im Bolschoi-Theater sollen "Die Sage von der steinernen Blume" und "Iwan der Schreckliche" von Sergej Prokofjew, "Legende von der Liebe" von Arif Melikow, "Spartakus" von Aram Chatschaturjan und "Das goldene Zeitalter" von Dmitri Schostakowitsch hervorgehoben werden. Er schuf auch schöne eigene Versionen der Ballette von Tschaikowski, der "Raymonda" von Alexander Glasunow und der "Bajadere" von Minkus.
Ein großer Erfolg waren die Aufführungen von Igor Beiski "Die Küste der Hoffnung" von Andrej Petrow und "Leningrader Sinfonie" von Dmitri Schostakowitsch; von Wladimir Wassiljow und Natalja Kassatkina "Le sacre du printemps" zu Musik von Igor Strawinsky, die "Geologen" von Nikolai Karetnikow, "Die Erschaffung der Welt" von Andrej Petrow, "Erleuchtung" von Juri Buzko. Oleg Winogradow, der zwanzig Jahre lang das Ballett des Marijinski-Theaters leitete, machte das Publikum mit seiner Lesart der Ballette "Aschenbrödel" und "Romeo und Julia" von Sergej Prokofjew, "Asselj" von Wladimir Wlassow und "Bergbewohnerin" von Murad Kashiajew bekannt. Interessant ist die schöpferische Suche von Boris Ejfman aus Sankt Petersburg, als deren Krönung eine der jüngsten Aufführungen, "Karamasows" nach dem Roman von Fjodor Dostojewski, zu betrachten ist.
Alexander Puschkin verewigte in seinen Versen Awdotja Istomina, herausragende Tänzerin der romantischen Epoche des russischen Balletts, die zu einer Art künstlerische Stimmgabel, zu einem Symbol der Errungenschaften des russischen Balletts geworden war. Neue Generationen von Ballettstars setzen die sehr reichen Traditionen der Vergangenheit fort und entwickeln sie weiter.
Der 8. Internationale Ballettwettbewerb, der 1997 in Moskau stattfand, bestätigte, daß die russische choreographische Schule zur Renaissance und Entwicklung des Ballettheaters in Europa und Amerika, zum Aufkommen des Balletts in Australien, Asien und Afrika beigetragen hatte.
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