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Bücher


Die ersten handgeschriebenen Bücher in slawischer Sprache erschienen in der Rus im 9. Jahrhundert. Das erste der erhalten gebliebenen Bücher ist das "Ostromir-Evangeliar" (1057). Als erstes gedrucktes Buch gilt "Apostel", ein Sammelband biblischer Texte, der 1564 vom Diakon Iwan Fjodorow in Moskau herausgebracht wurde. Das Denkmal für den ersten russischen Buchdrucker, das 1909 von Mitteln erbaut wurde, die unter der Bevölkerung aufgebracht worden waren, steht im Zentrum der Hauptstadt in Teatralny projesd.

    "Apostel", das erste russische gedruckte Buch

In Rußland entfallen mehr als 3000 Exemplare der Neuausgaben auf je 1000 Einwohner.

Im Vergleich zur Sowjetperiode gingen die Buchauflagen wesentlich zurück. Es muß jedoch betont werden, daß es in der kommunistischen UdSSR ungeachtet einer sehr intensiven Arbeit der Zellstoff- und Papier- sowie der polygraphischen Kombinate an Büchern akut mangelte. Und Menschen, wenn sie keinen Zugang zum Netz der Sonderverteilungsstellen für die Obrigkeit hatten, waren gezwungen, die nötigen Bücher auf dem "schwarzen Markt" zu kaufen.

Das Land nahm wirklich bei der Edition der Literatur einen führenden Platz in der Welt ein. Aber bei der Herausgabe der Bücher spielten nicht die Lesernachfrage, sondern die politischen und ideologischen Erwägungen eine entscheidende Rolle.

Deshalb machten die nur für einige wenige interessanten Werke der Klassiker des Marxismus-Leninismus, die Vorträge der Parteifunktionäre, die gesellschaftspolitischen Broschüren, die die Errungenschaften des Sozialismus lobpriesen und den Weltimperialismus brandmarkten, und die Werke der mittelmäßigen, dafür aber ideologisch gut beschlagenen Schriftsteller einen beträchtlichen Teil der Ausgaben aus. Diese ganze pseudoliterarische Produktion wurde in astronomisch anmutenden Auflagen gedruckt, obwohl ein großer Teil davon gewöhnlich keine Anwendung fand und von Bücherdepots ungelesen an Altpapierlager gelangte.

Indessen wurden die Werke der bei den Lesern populären (aber vom Standpunkt der Behörden andersdenkenden) einheimischen und ausländischen Autoren in minimalen Auflagen und des öfteren überhaupt nicht herausgegeben. Unter diesen Bedingungen erfuhr der "Samisdat" - die selbstgemachte Produktion der verbotenen Bücher mit Hilfe einer Schreibmaschine und des Kohlepapiers - eine Entwicklung. Diese Beschäftigung war äußerst gefährlich: Die Menschen, die dieser Beschäftigung überführt wurden, wurden eingesperrt.

In den Zeiten der totalitären Regierung (und das ist praktisch die ganze Geschichte Rußlands, ausgenommen wohl nur einige letzte Jahre) entstand eine Gewohnheit, Poesie, Prosa und Dramatik als eine Art Ventil, anders gesagt, als "einen Lichtstrahl im finsteren Reich" anzusehen. Man las die Bücher "zwischen den Zeilen" durch, indem man darin allerlei Allegorien und Allusionen sorgfältig fixierte, nach der den Uneingeweihten vorenthaltenen "Lebenswahrheit" und nach der wie durch ein Wunder durch die Zensurfilter durchgesickerten Kritik an der bestehenden Sachlage suchte.

Wie ärgerlich das für die Berufsschriftsteller auch sein mag, beginnt der weit verbreitete Ausdruck "Der Dichter ist in Rußland mehr als ein Dichter" (diesen Ausdruck bezog man auch auf Vertreter anderer literarischer Genres) heutzutage zu veralten. Alles kommt allmählich ins rechte Licht: Die Literatur verlagert sich aus dem Gebiet der gesellschaftspolitischen Interessen und der bürgerlichen Leidenschaften in den Bereich der rein ästhetischen Werte.

Die Literatur - um so mehr die modernistisch-avantgardistische, die heute Mode ist - zieht die Aufmerksamkeit eines nicht zu großen Kreises von Kennern und Intellektuellen auf sich. Entsprechend verringern sich die Auflagen der Poesie und der Prosa. Und das Volk, das von der kommunistischen Propaganda "das lesefreudigste in der Welt" genannt wurde, verwandelt sich in der Epoche der technischen Revolution immer mehr in eine Fernsehernation, wie dies heute übrigens überall geschieht.

Mit der Abschaffung der ideologischen Zensur gelangten die literarischen "verbotenen Früchte", einschließlich verschiedenartige erotische Schriften, in Massenauflagen zum Verkauf, die zunächst ein großes Interesse der Leser auslösten und dann sie nach und nach anödeten. Heute sind die Buchverkaufsstände auf den Straßen und in der U-Bahn von den neuesten westlichen Bestsellern, Kriminal-, Abenteuer- und erotischen Romanen, Lehrbehelfen für die schwarze und weiße Magie, Parapsychologie, Astrologie, Chiromantie, das Wahrsagen aus den Karten und Sexlehrbüchern, d.h. von all dem überfüllt, was früher fast oder absolut unzugänglich war. Diese Bücher werden allmählich ausverkauft, aber es gibt keine Agiotage.

Es ist über jeden Zweifel erhaben, daß der Übergang zum freien Markt das Buchverlagswesen und den Buchhandel merklich belebt hat. Nichtsdestoweniger darf sich der Staat keinesfalls von der Durchführung einer durchdachten und koordinierten Politik auf dem Gebiet der Bildung und der Kultur fernhalten. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die Ausarbeitung von neuen Schul- und Hochschullehrbüchern sowie von Enzyklopädien und Wörterbüchern, die die übermäßig ideologisierten, moralisch und wissenschaftlich veralteten früheren Ausgaben endgültig ablösen sollen.

Ein anderes Problem besteht darin, wie die Werke des "goldenen Fonds" der russischen und der Weltklassik für alle zugänglich zu machen sind. Früher war es darum so bestellt: Die Bücher waren billig, aber es mangelte an ihnen. Heute gibt es an Verkaufsstellen und Kiosken, man sollte meinen, alles. Aber die Preise sind für einen einfachen Käufer, vor allem den traditionellen Verbraucher der literarischen Produktion - für die russischen Intellektuellen, die mit dem Übergang zur Marktwirtschaft keine leichten Zeiten erlebt, unverkennbar unerschwinglich.

Schließlich ist eine staatliche Hilfe für die Berufsschriftsteller als Ergänzung zur Unterstützung notwendig, die Sponsors und Mäzene erweisen. Wenn sie ausbleibt, so geht die in der ganzen Welt durch ihre Meisterwerke berühmte russische Literatur ein Risiko ein, im bohemeartigen Dilettantismus und in der Konjunkturkommerzialisierung zu versumpfen.

Gegenwärtig zählen die russischen Schriftstellerverbände (in der Periode der Perestroika spaltete sich die einheitliche Organisation in "Demokraten" und "Patrioten") 8000 Mitglieder. Viele Schriftsteller, insbesondere junge, gehören überhaupt keinen Zunftkongregationen an. Früher, in jenen Jahren, da die Literaturschaffenden als "Herren der Geister" und "Ingenieure der menschlichen Seelen" galten, war die Mitgliedschaft im offiziellen Verband recht angesehen und verhieß die greifbaren materiellen Vorteile. Aber heute fristen viele "Männer der Feder" aus der Mitte der ehemaligen mit Wohltaten überhäuften und privilegierten (selbstverständlich sind sie nicht alle in gleichem Maße begabt) ein nicht beneidenswertes Dasein. Die druckfertigen Manuskripte werden nicht veröffentlicht. Wenn viele Werke früher wahrhaftig "für das Schubfach des Schreibtisches" geschrieben wurden, weil die Zensur wütete, so werden sie auch heute wegen des Geldmangels für ihre Ausgabe darin hineingeschoben. Natürlich reift unter den Literaturschaffenden eine Unzufriedenheit mit neuen Zuständen und den heutigen Behörden heran. Wenn die letzteren die künstlerische Intelligenz für sich gewinnen wollen, so müssen sie anscheinend reale Schritte in dieser Richtung unternehmen.

1995 wurde das föderale Zielprogramm "Unterstützung der staatlichen Polygraphie und des Buchverlagswesens in Rußland in den Jahren 1996-2001" angenommen. Sein Hauptziel sind die Sicherung der staatlichen Prioritäten im Verlagswesen und die Schaffung einer zuverlässigen materiell-polygraphischen und der Ressourcenbasis in diesem Bereich, die für die Lösung der gesamtnationalen Aufgaben in Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur notwendig ist. Dieses Programm enthält eine Reihe von Unterprogrammen, unter anderem das Unterprogramm "Große russische Enzyklopädie".