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Geschichte der russischen Architektur


Sie nahm ihren Anfang in Kiew, Nowgorod und anderen altrussischen Städten, wo die Kunst, die slawische Traditionen und die byzantinische Kultur in sich aufgenommen und vereinigt hatte, eine hohe Blüte im 10.-13. Jahrhundert erreichte. Neben den Holzbauten wurden hier bereits Paläste, Gotteshäuser und Festungstürme aus Ziegeln und Stein errichtet.

Für die Meisterwerke der Baukunst jener Zeit, solche wie die Sophien-Kathedrale in Kiew mit ihren dreizehn Kuppeln (1037) und die Sophien-Kathedrale in Nowgorod mit fünf Kuppeln (1045-1050), sind die majestätischen Proportionen, die Ausgewogenheit von Raum und Masse, die Erhabenheit und Festlichkeit der künstlerischen Gestaltung kennzeichnend. Durch die strenge Schönheit und lakonische Formen zeichnet sich die Georgs-Kathedrale des Jurjew-Klosters in der Nähe von Nowgorod (1119) aus, elegant und edel sind die Kirche zu Maria Schutz und Fürbitte am Neri, in der Nähe von Wladimir, (1165) und die Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir (1185-1189).

Die Sophien-Kathedrale in Nowgorod    

Es wurde der Moskauer Kreml gebaut, zunächst mit Mauern und Türmen aus Eichenholz (1339), dann aus weißem Stein (1367) und später aus Ziegeln (1485-1495) umzingelt. Im Vorgelände der Stadt wurden Klöster errichtet, die Verteidigungsfunktionen erfüllten. Im 16. Jahrhundert wird ein neuer Typ der Steinkirche mit dem Zeltdach, das heißt mit einem von einer kleinen Kuppel gekrönten Steildach, geschaffen. Zu diesem Typ gehören die Kirche zu Himmelfahrt Christi im Zarengut Kolomenskoje bei Moskau (1530-1532) und die prachtvolle Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz (1555-1560). Schwungvolle räumliche Kompositionslösungen, malerische Silhouetten und reiches Dekor charakterisieren die Moskauer Baukunst dieser Epoche.

Auch in anderen russischen Städten werden viele Steinbauten errichtet: die Kreml in Nishni Nowgorod, Tula, Kolomna, Sarajsk, Smolensk und Serpuchow, die Klöster in nördlichen Ländereien - Kirillo-Beloserski und Solowezki. Der Vorzug wird aber immer noch, besonders in der weltlichen Architektur, dem Holz gegeben. Leider sind die meisten Holzbauten, unter denen es sehr schöne Paläste, Gemächer und Kirchen gab, nicht erhalten geblieben.

Im 17. Jahrhundert erweitert sich das Territorium des Staates und es werden neue Städte und Festungen im Süden und in Sibirien gebaut, die Handels- und Handwerkssiedlungen im Norden und im Wolgagebiet wachsen schnell und breiten sich aus. In der Architektur verstärken sich weltliche Tendenzen, die Prinzipien der Volkstümlichkeit und des Dekors.

Der größte profane Bau jener Zeit ist das Belvedere-Schloß (Teremnoj dworez) des Moskauer Kreml (1635-1636), ein fünfstufiges Gebäude mit einem hohen vergoldeten Dach, dessen Innenräume mit Wand- und Deckenmalerei, Schnitzereien und Kacheln geschmückt sind. Ein hervorragendes Denkmal der sakralen Baukunst ist die mehrstufige Kirche zu Maria Schutz und Fürbitte in Fili bei Moskau (1693-1694), in deren schmucker architektonischer Gestaltung die Merkmale des Barocks deutlich erkennbar sind (der sogenannte Naryschkin-Stil).

Die Entwicklung der russischen Architektur im 18. Jahrhundert hängt in vieler Hinsicht mit dem Aufbau von St. Petersburg zusammen, der 1703 von Peter I. gegründeten Stadt, die seit 1712 zur neuen Hauptstadt Rußlands wurde. In den Vordergrund rückt die Palastbaukunst und das Barock wird zum vorrangigen Stil.

Die besten Merkmale der Architektur jener Zeit fanden ihre Verkörperung in Werken von Bartolomeo Rastrelli. In der "nördlichen Metropole" und ihrer Umgebung wurde nach seinen Entwürfen eine Reihe von prachtvollen Gebäuden errichtet: das Smolny Kloster (1748-1754) und das Winterpalais (1754-1762) in Petersburg, das Große Palais in Peterhof (1747-1752) und das Katharinen-Palais in Zarskoje Selo (1752-1757). Der grandiose räumliche Schwung und die Strenge der gradlinigen Pläne paart sich in seinen Werken mit einer Fülle von prachtvollen plastischen Formen, einem Reichtum an bildhauerischem Schmuck und auserlesener Ornamentik.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird das Barock vom Klassizismus mit seiner Hinwendung zu den Mustern und Formen der antiken Baukunst abgelöst. Zu den hervorragenden Vertretern dieses Stils wurden Wassili Bashenow - das Paschkow-Haus in Moskau (1784-1786) und der unrealisiert gebliebene Entwurf des Umbaus des Kremls (1767-1775) und Matwej Kasakow - der Senat (1776-1787), die Universität (1786-1793), das Goli-zyn-Krankenhaus (1796-1801) in Moskau. Die Architektur von St. Petersburg wurde durch solche beeindruckenden Muster des Klassizismus bereichert wie das nach einem Entwurf von Iwan Starow erbaute Taurische Palais (1783-1789) und das Smolny Institut (1806-1808), ein Werk von Glacomo Quarenghi.

Seit dem 19. Jahrhundert, besonders aber nach dem Sieg im Krieg von 1812 gegen das napoleonische Frankreich, entwickelt sich der russische Klassizismus in den Formen des Empire, das die in der Gesellschaft vorherrschenden Großmacht-, patriotische und triumphalistische Stimmungen widerspiegelte. An den Ufern der Newa entstehen großartige Bauten und Bauensembles, die wichtige städtebildende Bedeutung haben. Dazu gehören: die Kasaner Kathedrale von Andrej Woronichin (1800-1811), die Admiralität von Andrejan Sacharow (1806-1823), die Paul-Kasernen von Wassili Stassow (1817-1820) und der Schloßplatz von Karl Rossi (1819-1829). In dem durch den Brand zerstörten Moskau werden unter der Leitung von Ossip Beauvais die Plätze in der Stadtmitte rekonstruiert und mit neuen Gebäuden, solchen wie das Bolschoi-Theater und die Manege, bebaut, in verschiedenen Bezirken entstehen gemütliche Villen und Herrengüter.

Eine der jüngsten monumentalen Bauten im Empirestil ist die Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg, 1818-1858 nach einem Entwurf von Auguste Montferrand errichtet. Die nachfolgende Architektur des 19. Jahrhunderts weist viel Stilisierung und Eklektizismus auf.

Die ungestüme Entwicklung der Industrie, des Handels und des Transportwesens, die durch die Reformen Alexanders II. stimuliert worden war, bot den Architekten ein breites Betätigungsfeld. Überall entstehen die Gebäude von Fabriken, Bahnhöfen, Hotels und Banken; im Wohnungsbau dominiert der Typ des großen Mietshauses mit dem grauen schachtartigen Hinterhof.

Nach einer neuen nationalen Richtung in der Architektur suchte in dieser Zeit Konstantin Ton. Zu seinem Hauptwerk wurde die grandiose Erlöser-Kathedrale (1837-1883), die in Moskau zum Andenken an den Krieg gegen Napoleon erbaut worden war. In den dreißiger Jahren wurde sie abgerissen, jetzt ist sie wiederaufgebaut worden. Das ist ein typisches Muster des sogenannten russisch-byzantinischen Stils.

Neuen Aufschwung gab der Architektur der russischen Städte Ende des 19. Jahrhunderts die Moderne (die einheimische Abart von "art nouveau"). Den eklektischen Entlehnungen aus der Vergangenheit wurde das Poetische des Symbolismus entgegengestellt: der betonte Ästhetismus, raffinierte malerische Effekte und die Geschraubtheit der elastischen Linienführung.

Zum führenden Vertreter dieser Richtung wurde Fjodor Schechtel, nach dessen Entwürfen die Villa von Rjabuschinski (1900-1902), der Jaroslawler Bahnhof (1902) und andere Gebäude in Moskau errichtet wurden. In diesen Bahnen entwickelte sich auch die national-romantische Strömung, deren Anhänger, solche wie zum Beispiel Alexe] Stschussew, nach dessen Entwurf der Kasaner Bahnhof in Moskau (1913-1927) erbaut wurde, die Versuche fortsetzten, die Traditionen der altrussischen Kunst wiederaufzunehmen.

Von ganz anderen Prinzipien ließen sich die Ideologen des Konstruktivismus leiten, der nach der Revolution 1917 entstanden war und bis zur Mitte der dreißiger Jahre Vormachtstellungen in der Architektur behauptete. Die Hauptkriterien, die von den Architekten dieser Richtung, an deren Spitze die Brüder Wesnin standen, angenommen wurden, lauteten: Rationalität, Zweckmäßigkeit, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit. Für die im konstruktivistischen Stil errichteten Gebäude sind die graphische Exaktheit der Komposition, die Einfachheit der geometrischen Formen und das Fehlen des Dekors charakteristisch.

Ein sehr typisches Gebäude jener Periode ist das sogenannte Haus an der Uferstraße in Moskau, ein für hochgestellte sowjetische Funktionäre vorgesehener Wohnkomplex (1928-1931). Der Autor des Entwurfs Boris lofan wurde auch durch den Entwurf des Palastes der Sowjets, der unrealisiert geblieben war, berühmt. Neben dem Plan zum Umbau des Kreml von Wassili Bashenow ist das das berühmteste nicht realisierte Projekt, anders gesagt, ein "Luftschloß" der russischen Architektur.

Der 420 Meter hohe zyklopische Bau sollte die New Yorker Wolkenkratzer in den Schatten stellen. Der mehrstufige Turm sollte von einer gigantischen Figur von Lenin gekrönt werden. Um den Bauplatz für den Palast der Sowjets zu beräumen, wurde die Erlöser-Kathedrale in die Luft gesprengt, das Bauvorhaben blieb jedoch im Ansatz stecken, es wurde lediglich das Fundament dafür gelegt.

Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre wurden in der Hauptstadt doch sieben Hochhäuser errichtet (die Entwürfe stammten von Lew Rudnew, Wladimir Gelfrejch, Michail Pos-sochin, Dmitri Tschetschulln und anderen). Wie man zu der abgeschmackt-schwülstigen Architektur dieser Kolosse (26 bis 32 Stockwerke plus Turmaufsätze) auch stehen mag, kann man nicht umhin, zuzugeben, daß sie sich in das Stadtbild organisch eingefügt und es wesentlich bereichert haben. Das läßt sich aber keinesfalls von den anderen pompösen eklektischen Bauten der stalinschen Epoche sagen.

Seit der Mitte der 50er Jahre, unter Chrustschow, entfaltete sich der großzügige Wohnungsbau nach Typenprojekten. Die Wohnviertel von fünfgeschossigen, aus Großplatten zusammengesetzten Häusern schössen in vielen Städten des Landes wie Pilze aus dem Boden. Diese Häuser, die man nach dem Gleichklang mit dem russischen Wort "Trustschoby" (auf Deutsch Elendsbehausungen) "Chrustschoby" nennt, sind ärmlich und für das Wohnen unbequem. Zugleich ermöglichte aber deren Bau Tausenden Familien, aus Gemeinschaftswohnungen und Baracken, sei es auch in kleine und schlechte, aber doch abgeschlossene Wohnungen zu übersiedeln.

Die Stagnation im Schaffen der Architekten dauerte in der Zeit Breshnews fort, als der mit eintönigen mehrgeschossigen kastenförmigen Häusern bebaute Kalinin-Prospekt, der durch historische Viertel des Zentrums der Hauptstadt durchgebrochen worden war, für ein Musterbeispiel des städtebaulichen Denkens ausgegeben wurde.

Über die Baukunst der postsowjetischen Epoche kann man mit ausreichender Vollständigkeit am Beispiel von Moskau urteilen, das nach wie vor das Hauptversuchsgelände für neue Konzeptionen in der Architektur ist. Das erste, was dabei ins Auge springt, ist, daß die Stadt dank dem farbigen Anstrich der Fassaden, der Fülle der Handelswerbung, den vielen Schildern, Kiosken und Schaufenstern viel bunter und einprägsamer geworden ist. Alte Kirchen, die in der Sowjetzeit als Lager oder Garagen benutzt wurden, werden restauriert, erlangen ein zweites Leben und die verfallenen Villen ihre einstige Pracht. Überall werden neue Gebäude errichtet, mit gebrochenen Silhouetten und riesigen verglasten Flächen, mit bizarren Türmchen und für die Hauptstadt ungewöhnlichen Mansarden.

Der heutige Baustil läßt sich als neurussisch bezeichnen, schon deshalb, weil all die Banken, Sitze der Industriekonzerne und luxuriöse Wohnhäuser vor allem für "neue Russen" vorgesehen und auf ihre Bedarfswünsche und Geschmäcker orientiert sind. Die neueste westliche Mode paart sich hier wundersam mit den altrussischen Baustilen. All das wird natürlich in gewissem Maße durch die originelle Phantasie der Autoren geprägt. Vorläufig noch kann aber nur vom Aufkommen einer neuen Welle die Rede sein: Die russische Architektur des 21. Jahrhunderts entsteht vor unseren Augen.