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Bildende Kunst


Im Russland sind praktisch keine Kunstdenkmäler aus der Zeit vor der Entstehung des Christentums erhalten geblieben. Die Ikonenmalerei und die Wandmalerei (Fresken) sind nach Rußland zusammen mit dem Christentum aus Byzanz gekommen. Die russischen Maler erwiesen sich als begabte Schüler, und die russische Schule verwandelte sich in einer kurzen historischen Frist aus einer provinziellen Abzweigung der byzantinischen Kunst in eine selbständige Schule mit klar ausgeprägten nationalen Merkmalen.

Zum goldenen Zeitalter der russischen Ikonenmalerei wurde das 15. Jahrhundert, als sie die höchste Blüte erreichte. Zu uns sind nur einige wenige Namen der altrussischen Maler gekommen.


Unter ihnen Theophanes der Grieche, aus Byzanz gebürtig, der die Kirchen von Nowgorod Weliki mit seinen strengen, dramatischen Fresken bemalte. Zum Höhepunkt der altrussischen Malerei wurde das Schaffen von Andrej Rubljow (um 1370-1430). Seine Dreifaltigkeits-Ikone gehört zu den hervorragenden Meisterwerken, die die Menschheit je geschaffen hat. Ein Jahrhundert später lebte und schuf Dionissi (um 1440 -Anfang des 16. Jahrhunderts), der beste Vertreter der Moskauer Schule. Sein am meisten bekanntes Werk ist der Freskenzyklus im Ferapontes-Kloster (Gebiet Wologda), gewidmet der Geburt der Muttergottes, Beschützerin von Moskau.

Eine wichtige Wende trat im 17. Jahrhundert ein, als sich die weltlichen Grundsätze in der Kunst verstärkten. Es erfolgte die sogenannte Verweltlichung, das Streben, die Schönheit des Irdischen, Körperlichen darzustellen. Eine große Rolle spielte hierbei die Hofmalerei. Die besten Meister aus Jaroslawl, Kostroma, Tutajew, Rostow Weliki, Susdal, Nowgorod und Pskow führten Arbeiten auf Geheiß des Zaren aus. Sie schmückten Kathedralen und Gemächer mit Fresken, malten Ikonen, Porträts, Miniaturen, bemalten Fahnen und Feldzelte. Hier arbeiteten auch Ausländer - Holländer, Deutsche und Polen, aber den Kunststil bestimmten russische Meister, solche wie Simon Uschakow, Iossif Wladimirow, Georgi Sinowjew, Fjodor Subow und andere. In der hauptstädtischen Schule reiften realistische Traditionen aus, an der Peripherie, wo die Geschmäcke der Vorstadteinwohner vorherrschten, übte das Volksschaffen einen starken Einfluß auf die sakrale Malerei aus.

Nach der Thronbesteigung Peters l. Ende des 17. Jh. setzte ein jäher Bruch der früheren Traditionen ein, der fast alle Lebensbereiche erfaßte. Aus der Kunst des Westens wurden neue Genres übernommen: historisch-allegorische Gemälde, Stilleben und Landschaftsbilder. Das Hauptgenre des 18. Jahrhunderts war aber das Porträt. Eine Reihe talentierter Maler hatte sich hervorgetan, die ihre Zeitgenossen, hauptsächlich Vertreter des Adels im Bilde festhielten: Fjodor Rokotow, Alexej Antropow, Iwan Argunow, Dmitri Lewizki, Wladimir Borowikowski. Vor ihrem Hintergrund erscheint das Gemälde von Michail Schibanow, auf dem die Verlobungsfeier in einem Bauernhaus dargestellt ist, als zufällig und atypisch.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach die Epoche des Werdens der russischen nationalen Malereischule an. Auf der Welle der patriotischen Stimmungen, die sich nach dem Sieg über Napoleon in der ganzen russischen Gesellschaft verbreitet hatten, schuf Orest Kiprenski eine Galerie von romantischen Porträts seiner Zeitgenossen, unter denen sich das Porträt des großen russischen Dichters Alexander Puschkin vor allen anderen auszeichnet. Die Landschaftsmalerei nahm ihren Anfang mit den Gemälden von Fjodor Alexejew, der die Weiträumigkeit und die Größe von Petersburg darstellte, und von Silvester Stschedrin, der in italienischen Landschaften Licht und Sonne des Südens wiedergab. Es werden einige wenige Jahre vergehen, und auf den Gemälden der russischen Maler wird die heimatliche russische Natur erscheinen. Das Genre des Porträts wird demokratisiert: Wassili Tropinin stellt nun schon nicht nur Aristokraten, sondern auch nicht vornehme Menschen - Angestellte, Kaufleute und Kleinbürger; Alexej Wenezianow dazu noch Bauern, wenn auch ein wenig ausgeschmückt. Pawel Fedotow erhebt die Genremalerei zur hohen Kunst, ein Jahrzehnt später tritt Wassili Perow in seinen Werken "Dreigespann", "Die letzte Schenke am Stadttor", "Begräbnis eines armen Bauern" als Beschützer der Erniedrigten und Beleidigten auf.

Ilja Repin. Wolgatreidler    

Der brillante Karl Brüllow, der Stolz der akademischen Schule, erschüttert Europa durch sein Gemälde "Der letzte Tag von Pompeji". Alexander Iwanow überläßt ein noch grandioseres Werk "Die Erscheinung Christi vor dem Volk" dem Urteil der Zeitgenossen, an dem er 20 Jahre lang arbeitete. In der Weltkunst werden sich nur einige wenige Werke finden, die mit solcher Aussagekraft die Grundpfeiler des menschlichen Seins darstellten.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Reifezeit der russischen Kunst, die klassische Periode, in der der Großteil des "goldenen Bestandes" der russischen Malerei geschaffen wurde. In der russischen Kunst herrschte, ebenso wie in der gesamten europäischen, die realistische Methode vor, in der der sozialen Analyse des Lebens, den Problemen, die die Gesellschaft unmittelbar bewegten, eine wichtige Rolle zugewiesen wurde. Der Hauptkonflikt in der Kunst war der Kampf zwischen zwei Tendenzen - der akademischen und der realistischen. In den 60er Jahren gaben die Entstehung des Artels der Maler, die sich der Akademie entgegengestellt hatten, und in den 70er Jahren die Gründung der Genossenschaft der Wanderausstellungsmaler ("Peredwishniki") diesem Kampf eine Wende. Die Peredwishniki gingen nicht nur in ihren Genre- und Landschaftsbildern, in der Schlachtenmalerei, sondern auch im historischen Porträt den Fragen nach, die ihre Zeitgenossen beschäftigten: Woran glauben? Wofür kämpfen?

Iwan Schischkin. Der Morgen im Kieferwald.

Das Gemälde des Mitbegründers der Peredwishniki-Bewegung Iwan Kramskoj "Christus in der Wüste" gab in allegorischer Form den Stimmungen der demokratischen Intelligenz jener Zeit Ausdruck: Sich für erhabene Ideen zu opfern. Wassili Werestschagin, Teilnehmer an den Schlachten in Mittelasien und auf dem Balkan, schuf Gemälde, die den Krieg so zeigten, wie er war: Mit Blut, Kot und menschlichen Leiden. Von tiefen Ideen und Gefühlen sind die Landschaftsbilder von Iwan Schischkin, Iwan Aiwasowski, Alexej Sawrassow und seinem Schüler Isaak Lewitan erfüllt.

Aus der Peredwishniki-Bewegung sind zwei hervorragende Maler - llja Repin und Wassili Surikow - hervorgegangen, deren Kunst gleichsam den Schlußstrich unter die Entwicklung der russischen Kunst des 19. Jahrhunderts zog.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Krise der Peredwishniki-Bewegung unverkennbar. Die Maler suchten nach einer neuen Stilistik, nach einer neuen Sprache in der Kunst und widmeten Problemen der Form, der Farbe und der Meisterschaft erhöhte Aufmerksamkeit. Es entstanden neue Künstlervereinigungen: "Mir iskusstwa" ("Die Welt der Kunst") mit ihrer Apologetik des 18. Jahrhunderts und mystisch-philosophische "Golubaja Rosa" ("Hellblaue Rose") (Pawel Kusnezow, Viktor Borissow-Mussatow). Auf den Plan traten die neureligiöse Strömung (Viktor Wasnezow, Michail Nesterow, Michail Wrubel, Kusma Petrow-Wodkin) und die symbolische, phantastische (Marc Chagall). Es entstand eine Reihe von Avantgarde-Bewegungen, die den klassischen Nachlaß kathegorisch ablehnten: Futurismus, Neoprimitivismus und Lutschismus. Wassili Kandinsky, russischer Maler, der in München lebte, formulierte als erster die Prinzipien der gegenstandslosen Malerei.

Anfang des 20. Jahrhunderts (die 10er und die nachrevolutionären 20er Jahre), als die künstlerische Suche noch relative Freiheit genoß, wurde Rußland zum Ideengenerator der neuen Kunst. Gerade aus Rußland stammen der Neoprimitivismus (Alexander Larionow, Natalja Gontscharowa), Konstruktivismus (Wladimir Tatlin), Suprematismus (Kasimir Malewitsch) und die analytische Kunst (Pawel Filonow).

Angefangen von den dreißiger Jahren wird in der UdSSR der sozialistische Realismus, der sich auf die formell akademischen Malprinzipien gründet, zur einzig anerkannten und ausnahmslos allen vorgeschriebenen künstlerischen Methode. Aber auch in den für die Kultur schwersten Zeiten lebten und schufen in Rußland vortreffliche Maler, die frei von der politischen Konjunktur waren und ihre Aufgabe darin sahen, in ihrem Schaffen den ganzen Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Umwelt darzustellen: Kusma Petrow-Wodkin, Arkadi Rylow, Pawel Korin, Sergej Gerassimow, Robert Falk, Arkadi Plastow, Alexander Dejneka, Georgi Nisski, Pjotr Kontschalowski, Juri Pimenow, Jewsej Moissejenko. Erst 1957, in der kurzen Periode des "Tauwetters", wurde die vieljährige Isolierung der sowjetischen Kunst von der Weltkultur durchbrochen. Das Ergebnis dessen war lebhaftes Interesse nicht nur für die neuesten ausländischen Kunstströmungen, sondern auch für die halbvergessenen Errungenschaften der heimischen Kunst der 20er Jahre, die viele Jahre lang totgeschwiegen worden waren.

Das Treffen von Nikita Chrustschow mit der künstlerischen Intelligenz 1963 auf der Ausstellung "30 Jahre der MOSCh", die in der Manege stattgefunden und auf der er die Abstraktionisten und Vertreter anderer avantgardistischer Strömungen in Grund und Boden kritisiert hatte, hielt diesen Prozeß nicht auf, zwang ihn jedoch in den Untergrund zu gehen: auf Wohnungsausstellungen, in halbillegale Zirkel, wo sich die "andere Kunst" (das heißt die nonkonformistische, inoffizielle Undergroundkunst), die sich der offiziellen entgegenstellte und als "antisowjetisch" verfolgt wurde, bis hin zu Verhaftungen von Malern und deren Ausweisen aus dem Lande.

Die heutige Situation in der Kunst Rußlands läßt sich schwer eindeutig charakterisieren. Rußland ist heute, was die Kultur betrifft, zweifellos ein freies Land, wo praktisch alles erlaubt ist. An die Stelle des ideologischen Zaums ist ökonomischer getreten: Das Hauptproblem für die Künstler in ihrer Mehrheit ist heute das Überleben. Das künstlerische Leben verlagerte sich aus den staatlichen Ausstellungssälen in kleine Säle der privaten und genossenschaftlichen Galerien.

Gegenwärtig lassen sich in der bildenden Kunst, recht bedingt, zwei Lager ausgliedern: Zum ersten gehören "traditionelle" Strömungen: vom Realismus bis zur Pop-art. Die meisten dieser Werke haben einen salonartigen Charakter, sind stark zurechtfrisiert, weil sie für einen reichen Käufer, der keinen raffinierten Geschmack hat, vorgesehen sind. Zum zweiten - Vertreter der neuesten Strömungen (Konzeptualismus), die sich auf ausländische Ausstellungen orientieren.


Viele Künstler gehören überhaupt keinen Gruppierungen an:

sie arbeiten selbständig, werten dabei die Erfahrungen der heimischen und der Weltklassik aus, gelangen zur eigenen Weltsicht. Aufschlußreiche Prozesse gehen auch in der Provinz vor sich, wo die Verbindungen des Künstlers mit der nationalen Umwelt und den Traditionen enger sind. Originelle Schulen bilden sich in Wladimir, Kostroma, Nishni Nowgorod, Ufa, Krasnojarsk, Jekaterinburg und anderen Städten Rußlands heraus.

Ein unabdingbarer Bestandteil der russischen bildenden Kunst ist die russische Skulptur. In Alt-Rußland war es die bemalte Holzskulptur religiösen Inhalts; die Kirche, die sie als einen Ausdruck des Götzerdienstes betrachtete, stand jedoch zu ihr mißbilligend. Deshalb wurden die meisten solchen Werke vernichtet. Im 18. Jahrhundert erfuhr das Schaffen des plastischen Porträts (Fedot Schubin) und der Grabfiguren eine Entwicklung. Nach dem "Ehernen Reiter" von Etienne Falconet entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Reiterstandbild des Zaren Nikolaus l. und die Pferdegruppen auf der Anitschkow-Brücke in Petersburg von Pjotr Klodt, die Denkmäler der Feldherrn Kutusow und Barclay de Tolly von Boris Orlowski vor der Kasaner Kathedrale auf dem Newski-Prospekt, das Denkmal für A. W. Suworow von Michail Koslowski auf dem Mars-Feld in Petersburg. 1818 schloß Iwan Martos in Moskau die Arbeit am Denkmal für Minin und Posharski ab.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte Mark Antokolski seine berühmten Werke: "Iwan der Gestrenge", "Peter l.", "Christus vor dem Volk" und "Jermak" seinen Zeitgenossen vor. Die Geschichte bewahrte auch die Namen von Michail Mikeschin, Autor des Denkmals "Das Millennium Rußlands" in Nowgorod, und Alexander Opekuschin, der das berühmte Puschkin-Denkmal sowie die Denkmäler der russisehen Zaren Alexander II. und Alexander III. in Moskau geschaffen hatte. Pawel Trubezkoi und Anna Golubkina brachten in die russische Bildhauerkunst den Impressionismus herein. In der Sowjetzeit schufen solche großen Meister, wie Iwan Schadr, Sergej Konjonkow, Sarra Lebedewa, Vera Muchina und andere, ihre schöpferischen Möglichkeiten wurden aber stark durch den damaligen ideologischen Rahmen eingeengt.

Gegenwärtig steht die russische Bildhauerkunst am Scheideweg und man kann schwer sagen, in welcher Richtung sie sich weiterentwickeln wird: Heute darf man auf "alte Art", im akademischen Stil, nicht mehr arbeiten, auf "neue Art" können aber nur einige wenige. Die letzten Arbeiten von Oleg Komow, Surab Zereteli, Alexander Rukawischnikow und Wjatscheslaw Klykow werden unterschiedlich, oft diametral entgegengesetzt eingeschätzt, ebenso auch die Arbeiten eines solchen außergewöhnlichen Meisters, wie es Ernst Neiswestny ist, der in den USA lebt, aber in seinem Schaffen immer noch mit Rußland verbunden ist.