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Feiern in endlos weißen Nächten
Text und Bild: Torsten Pauly
Archangelsk ist stolz auf seine historischen Traditionen
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Archangelsk ist eines der bedeutendsten Zentren im russischen Norden. Früher war es sogar eine der wichtigsten Städte im Land: Nur hier konnte das Reich in großem Stil mit dem westlichen Ausland handeln. Die Menschen in Archangelsk sind heute noch stolz auf ihre Vergangenheit - und feiern sich und ihre Stadt im kurzen nordischen Sommer. Impressionen einer Reise in die Weißen Nächte nahe des Polarkreises.
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Jede Woche fährt Ali aus Aserbaidschan die Strecke Archangelsk - Moskau und zurück. Zweimal 18 Stunden mit dem Zug durch die schier endlosen Wälder im russischen Norden. Er wohnt schon seit acht Jahren in Archangelsk und betreibt dort einen Laden, die Ware kauft Ali in Moskau. "Im Sommer ist es herrlich hier. Nachts wird es nie dunkel, die Stadt ist überall grün, und immer gibt es Leute auf der Straße. Wir genießen diese Zeit so sehr, weil es bei uns nur so kurz warm ist." Im Winter sei es kalt und dunkel, das ginge ihm schon aufs Gemüt, gibt der Aserbaidschaner zu. Aber im Sommer - da könne man sich an jeder Ecke erholen und feiern, setzt Ali mit freudigem Lachen hinzu.
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Für Reisende aus Moskau ist Jaroslawl die letzte Großstadt. Danach fährt der Zug 15 Stunden lang nur noch durch Wälder und Seen, passiert mächtige Klöster, deren Kuppeln in der Abendsonne leuchten, und hält ab und zu an kleinen Siedlungen, die sich an den gewellten Boden schmiegen. Um sieben Uhr morgens rappelt der Zug dann auf die Brücke über dem Dwina-Fluss, der hier fast einen Kilometer breit ist - und am anderen Ufer erhebt sich eine moderne Großstadt mit 350 000 Einwohnern - Archangelsk.
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"Wir sind stolz auf unsere Stadt, die es seit über 400 Jahren gibt. Noch immer sind wir einer der wichtigsten Häfen Russlands." Marina Anikina wohnt gerne hier. "Klar ist das Klima im Winter rau, aber auch darauf sind wir stolz: Damit umzugehen." Marina schätzt es, dass das Leben im Norden nicht so anonym und hektisch ist wie in den Metropolen. "Und wie wir feiern können, werden Sie morgen erleben!"
In der Tat ist am nächsten Mittag, am "Tag der Stadt", von der breiten Flusspromenade vor lauter Menschen, Schaschlikbuden und Bierzelten kaum noch etwas zu sehen. Auch am hellen Sandstrand sitzen viele Leute. Überall treten Musik- und Theatergruppen auf, und um das weiße, konstruktivistisch-klare Theater im Zentrum spielt sich gar ein "Karneval der Kulturen" mit Musik aus mehreren Ländern ab. Jean ist mit einer Band aus Toulouse in Archangelsk. "Wir sind seit zehn Tagen hier, und jede Nacht sitzen wir draußen und feiern. Die Stadt ist wunderschön, und ich habe noch nie erlebt, dass es nachts nicht dunkel wird." Ein Student aus Archangelsk, Andrej, ergänzt, dass es für Jugendliche schon einige Clubs mit Punk- oder Technomusik gebe. Aber im Winter sei es doch oft trist, meint er.
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Ihren "Tag der Stadt" verdanken die Archangelsker Iwan IV. Der befahl 1583, an der Mündung der Dwina ins Weiße Meer eine Handelsstadt zu errichten.
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Damals hatte Russland noch keinen Zugang zur Ostsee, und so entwickelte sich Archangelsk schnell zum bedeutendsten Hafen im Moskauer Staat. Russische Exportschlager waren damals Holz für den Schiffsbau und natürlich Pelze. Aber auch Honig, Teer oder Harze wollten die Händler mitnehmen. Im Gegenzug führten sie kostbare Teppiche, Spiegel, Seide und Gewürze nach Archangelsk ein. Hunderte von Ausländern lebten im 16. Jahrhundert in der Hafenstadt, vor allem aus den Niederlanden, Deutschland und England.
Im 17. Jahrhundert war der Andrang so groß, dass Zar Alexej Michajlowitsch 1668 einen Gästehof errichten ließ. Seine Bauzeit dauerte 16 Jahre, und als er fertig war, beeindruckte er die Zeitgenossen durch seinen Komfort und die Ausmaße: 400 Meter erstreckten sich die weißgekalkten Arkaden am Fluss entlang. Wegen der Bedeutung von Archangelsk befahl Peter der Große im Nordischen Krieg, die Stadt mit der ersten modernen Festung Russlands zu schützen. Doch mit dem Vordringen des Reiches an die Ostsee begann der Niedergang von Archangelsk. Als Peter I. seine Newa-Metropole gründete, verbat er sogar jeglichen Handel mit dem Ausland in einer anderen Stadt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der Überseehandel in Archangelsk wieder in Schwung. Legendär ist der Hamburger Wilhelm Brandt, der 1802 nach Archangelsk zog und in 30 Jahren zum viertreichsten Kaufmann Russlands aufgestiegen ist.
Heute dominiert die Holzindustrie, Archangelsk ist wichtigster russischer Exporthafen für Papier, Zellulose und Holz. Einige ausländische Energiekonzerne haben hier Büros eröffnet, weil sie Öl- und Gasvorkommen unter dem nahen Meer erschließen wollen. Die Stadt restauriert seit Jahren die wichtigsten Holzvillen aus der Zarenzeit und verwandelt sie in Kultur- und Geschäftszentren. Und seit kurzem findet in Archangelsk sogar das einzige Filmfestival für Menschenrechte auf der Welt, "Stalker", statt. "Wir haben auch heute noch einiges zu bieten!" sagt Andrej und blickt auf die Massen, die in der taghellen Nacht durch die Straßen flanieren.
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