|
© O.Baikowa (Kirov) Dialektforschungen der Russlanddeutschen im Gebiet der Wjatka Die sprachliche Situation der Russlanddeutschen ist in jüngster Zeit wieder ganz in das Zentrum wissenschaftlichen Interesses gerückt. Das sieht man zum einen an konkreten Projekten wie der akustischen Wiederbelebung der von V.Zirmunski in den 30er Jahren gesammelten Tonaufzeichnungen und dem Wolgadeutschen Sprachatlas (Tübingen 1997, herausgegeben von N.Berend und R.Post), der auf Materialien zurückgreift, die in den Jahren 1925-1927 gesammelt wurden [Berend, Post 1997]; andererseits beruht dieses Interesse auf eine Erweiterung der Perspektive: es geht nicht nur um die Erfassung und die Archivierung eines Sprachzustandes, der eigentlich der Vergangenheit angehört; in den Mittelpunkt rückt das sprachliche Bewusstsein und die kulturelle Eigenart der Träger dieser Sprache selbst. Man akzeptiert, dass dieses keineswegs im Abbau begriffen ist und durch Aufgehen in der russischen Umgebung oder durch Rückkehr nach Deutshland ein natürliches Ende finden wird. Vielmehr läßt sich beobachten, dass auch kleine Sprach-und Kulturgemeischaften einen festen und wichtigen Platz in einer multinationalen Umgebung einnehmen und eine positive, bereichernde Funktion haben. Es wurden darüber viele hervorragende Dissertationen nicht nur von den russischen, sondern auch von den ausländischen Forscher geschrieben, zum Beispiel, die kürzlich erschienene Dissertation von Rogier Nieuweboer über die Sprache der Mennoniten im Altaigebirge (1998). Als der Autor gefragt wurde, ob er diese Studien fortsetzt und weitere Feldarbeit einplant, meinte er resigniert: "Die sind doch jetzt alle hier in Dotmund!" Im Kirower Gebiet ist diese Situation vergleichsweise stabil. Hier gibt es eine deutsche ethnische Minderheit mit ihrer Geschichte, Kultur, Sprache und sie wird vom Standpunkt der Geschichte von Russlanddeutschen, ihrer Demographie, ihres Platzes in der demographischen und soziolinguistischen Struktur der Region, der Besonderheiten in ihrer Umgangssprache erforscht. Bis heute wurden ähnliche Forschungen in unserem Gebiet noch nicht durchgeführt. Die ethnische Besonderheit können wir in ihrer Lebensweise, Kultur, im Alltagleben bemerken, aber besonders tief wird sie im Geistleben und im Selbstbewusstsein verfolgt. In unserer Region beschäftigt sich mit der Forschung regionaler Varianten der Umgangssprache und Kindersprache das Laboratorium für Dialektforschung der Wjatkaer staatlichen humanitären Universität. Eine der Forschungsrichtungen der Umgangssprache ist die Analyse der Sprache von Russlanddeutschen, sowie der russisch-deutsche Sprachvergleich, mit denen ich mich beschäftige. Die Aktualität solcher Forschungen wird durch die allgemeinsprachliche, historischlinguistische, soziolinguistische Wichtigkeit der Inseldialektologie, die mit den Untersuchungen der Besonderheiten in der Entwicklung und Funktionierung der Dialekte in der fremdsprachigen Umgebung verbunden ist, bestimmt. Die Russlanddeutschen wurden in den vierziger Jahren des XX. Jahrhunderts nach Wjatka verschickt und sie leben bis heute im Norden des Kirover Gebiets: im Werchnekamsker, Nagorsker und Lushsker Landkreis. Die initiierten Arbeiten erfassen drei Grundaspekte: den demographischen Aspekt, den soziolinguistischen, und den linguistischen. Der demographische Aspekt erfasst Angaben (auch statistische Angaben), die die Geographie der russlanddeutschen Siedlungen, die Zahl der Russlanddeutschen in unserer Region, den Lebensalter, die Abstammung betreffen. Bereits vorhandene Daten werden ausgewertet, neue Daten, wo notwendig, erhoben. Der soziolinguistische Aspekt gibt uns die Möglichkeit, die so genannte "linguistische Biographie" der Informanten sowie ihre Beherrschung der deutschen Muttersprache zu bestimmen (vgl. Dazu die Monographie von Menge, 2001). Dazu gehört die Frage, unter welchen Umständen die Informanten (Russlanddeutschen) die deutsche Umgangssprache erworben haben, und wie sie sie im Alltagsleben gebrauchen. Der linguistische Aspekt beschreibt sprachliche Einheiten, Phoneme, Morpheme, Redewendungen, Sätze, die unsere Informanten verwenden, und den Vergleich der dialektalen Elemente mit standartsprachlichen. Diese Herangehensweise gibt uns die Möglichkeit, das Sprachniveau der Russlanddeutschen zu bestimmen und auch das Sprachmaterial für weitere linguistische Erforschungen zu bekommen. Dabei geht es vor allem um die Trennung des dialektalen Erbes und des Einflusses von Seiten der neuen, russischen (standardsprachlichen und dialektalen) Umgebung. Es ist zu bemerken, dass außer dieser drei Aspekte der kulturelle Aspekt auch eine grosse Rolle in wissenschaftlichen Forschungen spielt. Es geht in erster Linie darum, die sprachlichen Äußerungen der Informanten auch inhaltlich zu interpretieren, ihre Geschichte, ihr ethnisches Bewusstsein, ihr Verhältnis zur ethnischen Nachbarschaft zu beobachten. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob dieser Blickwinkel relativ weit entfernt von der eigentlich linguistischen Aufgabe angesiedelt wäre. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Die genaue Untersuchung der lautlichen Seite der Sprache ist keineswegs mit den Dimensionen der dialektalen, sozialen und stilistischen Variation erschöpft. Es zeigt sich vielmehr, dass auf diese Ebene auch Faktoren der Einstellung, der Bewertung und der sozialen Identifikation hinzutreten. Diese sind der direkten Beobachtung schwer zugänglich. Man weiss jedoch, dass die Auswahl der lautlichen Mittel und ihrer Varietäten in großem Umfang gerade von Faktoren der zuletzt genannten Klasse zusammenhängen. Die Lautgestalt einer Äußerung ist also eines der direktesten Fenster, das es gestattet, Einblick in Bereiche zu tun, die Auskunft über kulturelle Grundverhältnisse geben können. Über diese Zusammenhänge sind in jüngster Zeit wichtige Arbeiten erschienen. Die Sprache der Russlanddeutschen im Kirover Gebiet wird seit 1999 erforscht. Im Sommer 2000 wurde von den Mitarbeitern des Laboratoriums für Dialektforschung der Wjatkaer staatlichen humanitären Universität (wissenschaftliche Leiterin: Dozentin Elena Moschkina) die erste Dialektexpedizion nach Lusa (Lushsker Landkreis) organisiert und durchgeführt. Während dieser Expedition ist umfassendes Sprachmaterial gesammelt worden. Diese Sammlungen enthalten Angaben dreier Grundaspekte. Dazu gehören auch Informationen über Familienbräuche, Haushaltssitten, Erinnerungen an das Leben während der Deportation. Die Archivierung und Erforschung der Rede von Russlanddeutschen hat in unserem Laboratorium bereits eine lange Tradition: in Fachkreisen ist das Interesse an unserem Material und unseren Ergebnissen groß. Unsere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet erstreckt sich auf das Seminar für Slavistik der Ruhr - Universität Bochum (Deutschland): es muss unterstrichen werden, dass Doktor Professor Christian Sappok mit unserem Laboratorium schon fast 10 Jahre zusammenarbeitet, auch die Slavisten der Universität California in Los - Angeles (USA) sowie die Germanisten der Staatlichen Universität Sankt - Petersburg (Russland), weil die Rede von Russlanddeutschen ein Teil des sprachlichen Reichtumes unserer Region, sowie ein Reichtum nicht nur der russischen, sondern auch der deutschen Volkssprache ist. Die apparative Ausstattung des Laboratoriums für Dialektforschung basiert auf einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Seminar für Slavistik der Ruhr - Universität Bochum. Im Frühling 2001 wurde eine gemeinsame Dialektexpedition in die Kirover Nordrayons (Werchnekamskij, Nagorskij) durchgeführt, die uns reiches Sprachmaterial für die weiteren linguistischen Erforschungen gegeben hat. Man konnte sich davon überzeugen, dass hier ein Reichtum an sprachlicher Varietät (sowohl der deutschsprachigen, als auch der russischsprachigen) gegeben ist, der noch für viele Forschergenerationen die Materialgrundlage bieten kann. Es wurden Aufnahmen im Umfang von rund 40 Stunden Dauer mit den Tonbandgeräten vom Typ SONY WM - D6C (analog) und dem SONY TCD 100 (digital) gemacht. Die Ergebnisse dieser Expedition sind im Internet repräsentiert (www.ruhr-uni-bochum.de/LiLab/Landeskunde/). Da die Vertreter der älteren Generation ihre deutsche Muttersprache, die sie von Kindheit auf gelernt haben, gut beherrschen, bemühten wir uns, während dieser Expeditionen die Aufnahmen der älteren Menschen zu machen, weil hier das höchste Beherrschungsniveau der deutschen Sprache zu erwarten ist. Fast alle Informanten (Russlanddeutsche) gebrauchen in ihrer Rede die deutsche Standartsprache, aber dabei kann man einige phonetische Besonderheiten ihres Dialekts bemerken. So ließen sich zum Beispiel in der Siedlung Sosimskij des Werchnekamskij Rayons Spuren des schwäbischen und niederdeutschen Dialekts erkennen. Die Aufnahmen einer Informantin aus dem Nowowjatskij Rayon gebeen der Vermutung Anlaß, dass ihre Rede die phonetischen Besonderheiten des fränkischen Dialekts enthält. Aber man darf das nicht mit Gewissheit behaupten, solange wir diese Sprache nicht mit der fränkischen lautsprachlichen Rede verglichen haben. Die russlanddeutsche Sprache ist für uns von großem Interesse, weil sich darin Eigenheiten des deutschen Dialekts, den sie aus dem Süden mitgebracht haben, mit Wjatkaer Dialekt mischen. Zu klären ist es auch, wie groß der Einfluss der jeweiligen Standartsprache (Deutsch und Russisch) auf ihre Sprache ist. Der Wjatkaer Dialekt unterscheidet sich stark von der russischen Sprache in Phonem und Wortbestand, aber besonders in der Intonation. Anzumerken ist, dass viele Russlanddeutsche vor ihrer Deportation nur wenig oder gar kein Russisch sprachen. Wir haben es bei ihnen also auch mit den Besonderheiten des späteren Fremdsprachenerwerbs zu tun. Einen großen Einfluss haben auf die deutsche Muttersprache die jeweiligen Kontaktsprachen (Russisch, Ukrainisch, Tatarisch) ausgeübt. Darüber hinaus darf man auch die Interferenz, die sich in den Abweichungen der Norm und des Systems der zweiten Sprache (Fremdsprache) unter dem Einfluss der Muttersprache niederschlägt, nicht unberücksichtigt lassen. Unter diesen Aspekten sind charakteristische Änderungen in der Phonetik, Lexik und Grammatik der zweiten Sprache, zum Beispiel, Entlehnungen der Phoneme, die Bereicherung des Wortschatzes mit der entlehnten Lexik, der Einfluss auf die Deklinationssystem, auf die Konjugationssystem, auf die Wortfolge usw. zu erwarten. In diesem Fall kommt es zur gegenseitigen Beeinflussung des Sprachsystems der Umgebungssprache und des Sprachsystems der Muttersprache unserer Informanten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bearbeiten wir gemeinsame DAT - Kassetten mit 40 Stunden Dialektaufzeichnungen: wir indexieren, protokollieren und übertragen sie auf CDs. Mein Beitrag besteht in der Bearbeitung der russlanddeutschen Aufnahmen. Ziel ist es dabei, eine akustische Datenbank in unserem Laboratorium zu gründen. Das ist für die linguistische Forschung von zentraler Bedeutung, weil viele phonetische Dialekterscheinungen nur bei der unmittelbaren Analyse der Aufnahmen erkannt werden können. Ein ferneres Ziel ist der Ausbau eines Lautspracharchivs der Bewohner der Vjatka vom Ende des XX. -Anfang des XXI. Jahrhunderts und die Vorbereitung des Sprachmaterials für die Lautchrestomatie "Wjatkaer Russlanddeutsche" mit Erinnerungen der Russlanddeutschen an ihr Leben während der Deportation, ihre Eindrücke vom Wjatkaer Land und ihren Bewohnern. Dies ist unser Beitrag zur akustischen Datenbank "Russische Dialekte" des Bochumer Lautspracharchivs. Die Integration russlanddeutsche Sprachvarianten ist Teil des Gesamtunternehmens. | ||