zwangsarb.html
© A.W.Kolotov (Kirov)

Zur Frage der Zwangsarbeit deutscher und österreichischer Kriegsgefangener in Wjatka im ersten Weltkrieg


Eines der noch weitgehend unerforschten Probleme in der heimatlichen Geschichtswissenschaft ist die Frage nach deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen in Russland im ersten Weltkrieg.

Im Staatsarchiv der Region Kirov werden Dokumente aufbewahrt, die Auskunft geben über Zwangsarbeit der Kriegsgefangenen im Gouvernement Wjatka, in erster Linie aber auch in der Stadt Wjatka.

Bereits in ersten Kriegsmonaten kamen nach Wjatka viele Kriegsgefangene. Anfang August 1914 schlug der Wjatkaer Gouverneur A.G.Tschernjawskij der Wjatkaer Stadtverwaltung vor, Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit einzusetzen.

Am 5.August teilte die Wjkatkaer Verwaltung ihren Beschluss über Zwangsarbeit in der Straßenplanung mit. Zuerst benötigte man 50 Kriegsgefangene zu Straßenarbeiten. Die Lösung dieser Frage aber dauerte bis Herbst - dazu brauchte man einen Regierungsentschluss.

Am 16.September 1914 erließ der Ministerrat Russlands "Regeln über die Ordnung der Bereitstellung von Kriegsgefangenen für die Ausführung von staatlichen und öffentlichen Arbeiten zur Verfügung interessierter Behörden". In Übereinstimmung mit diesen Regeln "können die kriegsgefangenen unteren Militärränge zur Verfügung örtlicher Behörden und städtischer gesellschaftlicher Verwaltungen gestellt werden nur für die Ausführung von Straßenbau- und anderen Erdarbeiten, die keiner speziellen Kenntnisse und Vorbereitungen bedürfen."

Die örtlichen und städtischen Verwaltung mussten den Kriegsgefangenen entsprechende Bekleidung und Schuhwerk geben, medizinische Hilfe leisten, sie versorgen nach den Normen der russischen Soldaten. Zum Arbeitsort wurden die Gefangenen von einem militärischen Wachposten gebracht. Um sie dabei zu bewachen, wurden die Polizei herangezogen oder bewaffnete Wächter angestellt.

Die Gesamtleitung der Straßenarbeiten von Kriegsgefangenen in Wjatka wurde der technischen Abteilung der Wjatkaer städtischen Verwaltung auferlegt. Am 4.Oktober 1914 teilte der Leiter dieser Abteilung, der Stadtarchitekt Iosif Wojzechowitsch Kolatschkewitsch der Verwaltung mit, dass die Kriegsgefangenen im Laufe der letzten Woche Arbeiten ausgeführt hatten, um die Wladimirskaja-Straße zu berichtigen (heute K.-Marx-Str.).

Die Arbeit bestand in der Erhöhung der Straße, der Ausgrabung von Gossen, der Reparatur von Holzröhren für Wasserabfuhr, dem Aufbringen der oberen Straßenschottenschicht. Zur Arbeit kamen 28-30 Menschen. Kalatschkewitsch klagt über "die geringe Arbeitsproduktivität von Kriegsgefangenen", weil sie nur 3-4 Stunden pro Tag arbeiteten.

Im Winter beschäftigten sich die Kriegsgefangenen mit der Bereitstellung von Brennholz in den Wäldern, schufen den Schnee von den Straßen Wjatkas weg.

Mit dem Anbruch des Frühlings stellte die Wjatkaer Stadtduma wiederum die Frage nach der Anwendung der Kriegsgefangenenarbeit bei Erdarbeiten. In der Duma-Sitzung vom 16.April 1915 wurde es als wünschenswert anerkannt, die "Verwendung der sich in der Stadt Wjatka befindenden Kriegsgefangenen für die Arbeiten bei der Bestordnung der Stadt."

Der Stadtarchitekt plante folgende Arbeiten: In der Nähe der städtischen Steinfabrik Enttrocknungsgruben zu legen; Erdarbeiten in der Neuplanung der Bogoslowskaja-Straße (heute Sowetskaja-Str.) und der Lukowizkaja-Straße (heute Profsojusnaja-Str.) durchzuführen; die Erdspalte an der Ecke Bogoslowskaja- und Zarewskaja-Straße (heute Swobody-Straße) zuzuschütteln; Stadtplätze, öffentliche Gärten in gute Ordnung zu bringen und Baumschulen zu reinigen.

Am 18.April wandte sich die Stadtverwaltung an den Gouverneur mit der Bitte, 400 Kriegsgefangene für angegebene Arbeiten zu geben. Am 28.April antwortete der Gouverneur, dass der Stab des Kasaner militärischen Bezirks eine Anordnung erlassen habe, für örtliche Arbeiten 300 Gefangene zu gebrauchen. Dabei teilte der Gouverneur mit, die "Arbeit von Kriegsgefangenen, die zu diesen Arbeiten zugelassen werden, wird nicht bezahlt, die Duma aber hat das Recht, ihnen Geldprämien als Aufmenterung auszugeben."

Am 13.Mai 1915 fasste die Wjatkaer Stadtduma den Beschluss: «der Verwaltung die Vollmacht zu geben, 1200 Rubel für den Kauf von Instrumenten ausgeben - Schubkarren, Spitzhacken, Spaten usw. und für die Anstellung von Bewachern über die Arbeiten der Kriegsgefangenen; die Verwaltung zu beauftragen, in erster Linie auf den Straßen durchzuführen, die bepflastert werden mussten; die Frage hinsichtlich der Belohnung von Kriegsgefangenen bis zum Schluss der Arbeiten offen zu lassen."

Am 23.Mai 1915 erließ der Wjatkaer Gouverneur allen örtlichen und städtischen Verwaltungen eine Verordnung, um monatlich Rechenschaftsberichte bezüglich der Nutzung der Kriegsgefangenenarbeit zu erstatten. Im Mai-Bericht teilte die Wjatkaer Stadtverwaltung mit, dass die Zahl der Kriegsgefangenen, die jeden Tag für die Stadt arbeiteten, im Durchschnitt 197 Personen betrug. Eine ähnliche Situation war auch im Sommers 1915. Die Arbeiten wurden in der Zarewskaja- (Swobody-Str.), Wladimirskaja- (K-Marx- Str.), Iwanowskaja- (Milizejskaja-Str.), Bogoslowskaja- (Sowetskaja-Str.), Morosowskaja- (R-Luxemburg-Str.), Nikolajewskaja- (Lenina-Str.), Pjatnizkajastraße (St.Chalturin-Str.) durchgeführt. Außerdem wurden die Kriegsgefangenen bei den Gartenarbeiten im Vorstadtgarten und beim Brennholztransport auf dem Bahnhof Wjatka 2 eingesetzt.

Die Archivunterlagen geben Aufschluss über das Verhalten der Kriegsgefangenen bei der Arbeit. Anfang Juni berichtete die Wjatkaer Stadtverwaltung dem Ujesdmilitärchef, dass die "Krieggefangenen, die zu öffentlichen Arbeiten herangezogen worden waren, obwohl sie offen diese nicht verweigern, aber so nachlässig und langsam arbeiten, dass sie nicht selten die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich locken, dass manche unter ihnen sich wegen dieses Verhaltens von Kriegsgefangenen zur für sie obligatorischen Arbeit empören."

Die Verwaltung bat den Militärchef, Maßnahmen gegen die nachlässigsten unter den Kriegsgefangenen vorzunehmen. Dabei wurde betont, dass als Antwort "auf die Ermahnung seitens der von der Stadtverwaltung die Arbeit der Kriegsgefangenen beobachtenden Personen wegen eines gewissenhafteren Verhaltens der Kriegsgefangenen der Tätigkeit gegenüber sie von den Kriegsgefangenen gewöhnlich zur Antwort kam: "Gebt Geld, dann werden wir arbeiten." Es kam sofort eine Reaktion darauf.

Am 29. Juni 1915 erließ der Befehlshaber des Kasaner Militärkreises folgende Verordnung: "Den Kriegsgefangenen muss erläutert werden, dass jede Tätigkeit obligatorisch ist und die Absage ihrerseits als ein offener Widerstand den Regierungsverordnungen gegenüber betrachtet wird. Darum wird es harte Verweise nach sich ziehen. Die Arbeit Verweigernden sind in Sondergruppen auszusondern und unter strenger Gefängnisordnung zu halten." Diese Maßnahmen zeigten Wirkung. Die Disziplin unter den Gefangenen wurde besser.

Am 29.Juni 1915 bestätigte der Kriegminister neue Normen der Lebensmittelvergabe für Kriegsgefangene: Täglich 2 Pfund Brot (800 g), 100 g /Grütze, Graupen, Gries/, 100 g Fleisch (Hammer-, Schweinefleisch) oder Fisch. 2-mal in der Woche Fasten.

Einige Kriegsgefangene wurden manchmal auch zur Arbeit von Privatpersonen abgeordnet. Am 15.Oktober 1915 kam ein Antrag in die Wjatkaer Stadtverwaltung vom Wjatkaer Kaufmann Nikolaj Iwanowitsch Klabukov. Er bat, dass man zu seiner Verfügung "20 Kriegsgefangene für Holzsägearbeiten, die (Hölzer) zum Verkauf an die Stadtbevölkerung bestimmt sind." Die Verwaltung schrieb eine Anfrage an die Militärbehörden. Vom Stab des Kasaner Militärkreises antwortete man, dass "Kriegsgefangene für die Arbeit genommen werden können unter der Bedingung, dass diese vollständig verpflegt und bewacht werden auf Kosten des Bestellers." Der Kaufmann willigte ein.

1916 entstand "ein riesiger Mangel an Arbeitkräften in allen Branchen der Industrie und anderen Wirtschaftsbranchen."

Wie es in einem der Schreiben des Generalstabs vermerkt war, ist "dieser Mangel am Arbeitselement so groß, dass sich sein vollständiger Ersatz auf Kosten der in inneren Militärkreisen noch nicht benutzten begrenzten Anzahl von Kriegsgefangenen vollkommen als nicht möglich erweist. Die nächste Aufgabe ist eine solche Organisierung der Gefangenenarbeit, so dass keiner unter den arbeitsfähigen Gefangenen untätig bleibt. So werden sie in solchen Betrieben und Branchen, wo jetzt der größte Mangel herrscht, eingesetzt."

Im Gouvernement Wjatka wurden zahlreiche Kriegsgefangene für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt, sie arbeiteten in der Werchnekamsker Phosphoritengrube. Die Anzahl der Gefangenen in der Stadt Wjatka verminderte sich.

Im April 1916 wandte sich die Wjatkaer Stadtverwaltung an den Gouverneur mit der Bitte, 200 Kriegsgefangene für Stadtarbeiten bereitzustellen. Dieser Antrag wurde nur teilweise genehmigt.

Im Juli 1916 kam die Genossenschaft der Wjatka-Wolga-Reederei zum Gouverneur mit der Bitte: "Weil es an Arbeitskraft mangelt", bat die Genossenschaft, an den Wjatka-Hafen 15 Männer von den Kriegsgefangenen zu schicken, um Ladearbeiten durchzuführen. Die Gefangenen wurden dorthin geschickt.

Die Revolutionsereignisse 1917 - Anfang 1918 zogen mit sich, dass die Bedeutung der Kriegsgefangenen fiel, geschweige denn, dass man ihre Arbeit irgendwie ausnutzte.

Nach dem Abschluss des Friedens von Brest mit Deutschland und Österreich-Ungarn im März 1918 kehrten die deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurück.

Die Bedingungen ihres Lebens und ihrer Arbeit sowohl im Gouvernement Wjatka, als auch in Russland waren insgesamt weit besser, als die der russischen Kriegsgefangenen in Deutschland. Davon berichteten die aus der Gefangenschaft zurückkehrenden russischen Soldaten. Die Arbeit deutscher und österreichischer Kriegsgefangenen in Wjatka trug in erster Linie zum Wohl der Stadt. Die Straßen wurden beispielsweise ausgebaut und die Stadt Wjatka saniert.

Anmerkungen
S. den russischen Text

© Deutsche Übersetzung. Arkadi Makarov. - Kirov (Russland), 1999.