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© K.P.Oschtschepkov (Kirov)

Bierbrauerei von Karl August Otto Schneider in Wjatka


In der Wirtschaftsgeschichte der Stadt Wjatka gab es schon immer gute und schlechte Zeiten. Besonders interessant ist die Gründung und der Aufbau einer Bierbrauerei unter der Leitung von Karl August Otto Schneider, dem Bürger des Herzogtums Sachsen-Meiningen.

Im März 1903 kam in Wjatka aus dem Kreiszentrum des Wjatkaer Gouvernements Slobodskoj "ein bekannter Bierbraumeister und Technologe" Schneider an, der bisher in der Bierbrauerei "Erben von I.W.Aleksandrov in Slobodskoj" Bier gebraut hatte, welches übrigens 1886 auf der ersten russischen Landwirtschaftsmesse in Nishnij Nowgorod mit der zweiten Preismedaille ausgezeichnet war. Unmittelbar nach der Ankunft wurden von ihm alte Betriebsräume in der Wladimirskaja-Straße gekauft und zur Umfunktionierung für eine Bierbrauerei vorbereitet, sowie neue Räume gebaut. Gleich darauf kam es zur Anstiftung der "Genossenschaft der Wjatkaer Bierbrauerei von K.O.Schneider und G.N.Schmeljov", deren Statut das Recht "auf das Bierbrauen nach deutschen und russischen Rezepten sowie die Produktion von Honiggetränken und Selterswasser" verkündete. Der Vertrag wurde am 28.März 1903 unter der Registernummer 1170 abgeschlossen. Er ermöglichte nun "Bier und Honiggetränke in ganz Russland sowie im Herzogtum Sachsen-Meiningen" abzusetzen. Der russischen Gesetzgebung nach wurde zum Leiter des Betriebs Grigorij Nikolajewitsch Schmeljov, "Kleinbürger des Gevournements Kostroma", ernannt. 1912 wurde der Vertrag verändert: erstens, man erhöhte haftendes Kapital von 10 000 Rubeln (je 5000 Rubel pro Seite) bis 20 000 (bzw. 10 000 Rbl pro Seite). Dabei war bei der Kapitaleinschätzung auch der Marktpreis der Waren, Materialien und sonstigen den Mitgründern gehörenden oder in der Produktion eingesetzten Eigentums" miteinbezogen. Genossenschaft war "auf dem Glauben" gegründet, d.h. beide Geschäftspartner vertrauten einander praktisch alle Geschäftsoperationen an, ausgenommen die Schuldscheine (deren Anfertigung mussten beide bejahen.)

Den neuen veränderten (1906-1912) russischen Gesetzen zufolge durften beide Mitstifter die Produktion leiten, wobei Schneider seine Staatsangehörigkeit behielt. Nach dem neuen Register blieb auch das Statut des Unternehmens erhalten: Brauen und Verkauf des Biers. Doch mit dem Übergang des ganzen Handelsnetzes in die Hände von Schneider wurde gerade er zum wahren Besitzer der Brauerei.

Recht beträchtlich war der Produktionsaufbau: die ersten 100 000 Eimer Bier braute man schon zu 1907, seit 1909 was es nun die übliche Jahresnorm.

Der harte Konkurrenzkampf mit den anderen russischen Bierproduzenten hatte auch die Veränderungen (Ausweitung) des Handelsnetzes zur Folge: 1907-1908 waren in Wjatka in Schneiders Eigentum erst 7 Bierkneipen (Schenken), 1911 gehörten ihm schon außer der Brauerei noch 2 Bierrestaurants und 20 Bierschänken, die die ganze Stadt umfassten, während die Firma der "Erben von Aleksandrov" nur 4 solche Einrichtungen hatte. 1917 leitete die Witwe von Schmeljov - Schneiders Nachfolgerin - insgesamt 44 Bierkneipen.

Zwecks der Vergrößerung des Produktionsabsatzes begann das Unternehmen, sich seit 1912 an der Messenbedienung in den südlichen Bezirken des Gebiets zu beteiligen. Dabei betrugen die Transportkosten für Fassbier bis 5 Rubel und für Flaschenbier bis 2 Rub. 50 Kopeken pro Pud (16 kg).

Befördert wurde das Bier von der Anlegestelle in Wjatka von der Wolga-Wjatka-Reederei und "unter persönlicher Garantie von T.F.Bulytschjov" versichert. Das Interessante ist, dass "Schneiders Firma 1912 auch die Bierausfuhr von den Betrieben der "Erben von Aleksandrov" (Slobodskoj) monopolisiert hat, was die Archivangaben bezeugen (Kosten für die Fassbierbeförderung aus dieser Stadt belaufen sich auf 2 Rubel/Pud, bzw. 1 Rubel/Pud bei Flaschenbier).

Geschwächt wurden die Positionen anderer Wjatkaer und russischer Bierproduzenten durch den Bau eines nicht weit von Slobodskoj liegenden Flaschenbetriebs, dessen Bau Schmeljov leitete. Bemerkenswert ist, dass die Flaschen damals keine Etiketten hatten: Flaschen trugen den Firmen- und Produzentennamen, die in Glas gegossen waren. Also es war nicht möglich, einem anderen Bierproduzenten eine solche Flasche abzugeben. Dabei war der Preis einer Leerflasche zu jener Zeit ziemlich hoch - von 1 bis 3 Kopeken. Für den Leerflaschentransport aus Slobodskoj zahlte Schneider 33 Koeken pro Pud.

Das Produktionsangebot war 1914 sehr reich. Man braute 16 Biersorten: "Bayerisches", "Wjatkaer Bayern", "Gerstenbier", "Goldgerstenbier", "Bayern", "Wjatkaer Porter", "Märzbier", "Gerstenähre", "Kristall" u.a. Dabei wurde dem "Bayerischen" ein solches Statut auf Erlaubnis der Bierbraumeister aus Bayern verliehen. Zu erwähnen ist, dass die Brauerei seit 1912 den Hof des russischen Kaisers sowie den des Herzogs von Sachsen-Meiningen mit ihren Getränken belieferte.

Zu jener Zeit waren kleinere Bierbrauereien sowie Warenlager der Genossenschaft gebietsweit eröffnet (Slobodskoj, Orlov, Kotelnitsch). Dabei transportierte man "lebendiges" Bier nicht weiter als 200 km, während "totes" Bier (Es enthielt natürliche Konservanten, die aber nicht nur schädliche sondern aus nützliche Bakterien töteten) in Nishnij Nowgorod, Moskau, St. Petersburg, Meiningen und Berlin vorzufinden war. Hefe wurde nach Polen, Deutschland, Dänemark und Frankreich geliefert.

Eine Flasche Bier kostete von 4 bis 8,5 Kopeken, was damals der niedrigste Preis in ganz Russland war.

Aber das Wohlergehen eines ausländischen Unternehmers im Russischen Reich hing nicht nur vom Erfolg seines Unternehmens sondern auch von seinen öffentlichen Beziehungen, seinen Bekanntschaften in der Stadtgesellschaft ab. Um seine Absichten ins Leben umzusetzen, sollte man in eine Wohltätigkeitsgesellschaft oder einen der Vereine eintreten, wobei die Bedingungen für den Eintritt recht streng waren: Wohnzeit in einer russischen Stadt (von 5 bis 10 Jahren), Bewerbungszeit für den Eintritt in die jeweilige Gesellschaft (von 2 bis 3 Jahren), Geldbetrag (mindestens 100 Rbl/Monat).

Eine der ersten Gesellschaften wurde für Schneider die Gesellschaft der Nordjäger, die damals unter Wjatkaer Kaufleuten populär war, und die er 1909/10 leitete. Später (1914) wurde er zum Vorsitzenden der Wjatkaer Feuerwehrgesellschaft gewählt, konnte aber seinen Posten nicht lange beibehalten. (Schon im Oktober 1914 begann man die "Säuberungsaktion" der Staatsämter und öffentlicher Gesellschaften von den Angehörigen der deutschen Staaten.)

Seit Oktober 1914 wird Schneiders Name nicht mehr erwähnt und Anfang 1915 verkaufte M.E.Schneider, "Witwe des Wjatkaer Bierbraumeisters" und Angehörige des Herzogtums Sachsen-Meiningen ihr aus einem zweistöckigen Haus mit dem Fliegel bestehendes Anwesen, welches nur in Besitz einer Brauerei des Bezirks Slobodskoj überging. Später fand in diesem Gebäude ein Offizierbardell Unterkunft.

Die Abreise Schneiders Witwe nach Meiningen war mit den Requisitionsbereitungsmaßnahmen verbunden. Schon seit Oktober 1915 begann man das Eigentum der Bürger Deutschlands zu beschlagnahmen und seit Dezember 1915 sie zu verhaften. ("Der Plan" wurde im Januar-Februar 1916 erfüllt.)

Seit Februar 1916 trat die Witwe von Schmeljov den vollen Besitz der Brauerei an. Im Archiv der Aktiengesellschaft "Wjatitsch" kann man das letzte Großbuch (datiert 1917) mit der letzten Bilanz des Betriebs finden, die nun den Geschäftserben von Schneider gehörte. Im März 1918 wurde das Unternehmen nationalisiert, 1921 wiederaufgebaut als eine staatliche Bierbrauerei, mit dem Aktienkapital. Seither ist sie ein gewinnbringendes Unternehmen.

Man kann also behaupten, dass Karl August Otto Schneider einen Betrieb geschaffen hatte, der die Wjatkaer städtische Ökonomie Ende des 19. - Anfang des 20.Jahrhunderts gewinnbringend machte, der einen Grundstein zur fabrikmäßigen Bierproduktion in der Gouvernementshauptstadt (heute in der Region Kirov) legte, der diese für das Wjatka-Gouvernement nicht traditionelle Ware nicht nur auf den innenrussischen Markt (das hatte bereits I.W.Alexandrov gemacht), sondern auch auf den internationalen Markt brachte. Eben sein Verdienst ist es, dass das Wjatka-Bier beim Hofe des Russischen Kaisers und den Höfen europäischer Monarchen ausgeschenkt wurde. Die Medaillen der Industrie-, Handwerk- und Landwirtschaftsausstellungen in Nishnij Nowgorod, Kasan, Moskau, St.Petersburg stellten dieses Bier in die Reihe der besten russischen Sorten.

Anmerkungen:
S. im russischen Text des Artikels.

Übersetzung. Arkadi Makarov. - Kirov (Russland), 2000.